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Comicsalon Erlangen 2012 :: Comic Radio Show :: Comics erfrischend subjektiv, seit 1992!
09.06.2026, 09:43 Uhr
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geschrieben von Maqz am
Dienstag, 24. April 2012
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PRESSEMITTEILUNG
15. INTERNATIONALER COMIC-SALON ERLANGEN – 7. BIS 10. JUNI 2012
MAX UND MORITZ-PREIS 2012
25 TITEL FÜR DEN MAX UND MORITZ-PREIS 2012 NOMINIERT
SONDERPREIS FÜR EIN HERAUSRAGENDES LEBENSWERK AN LORENZO MATTOTTI
Im Rahmen des Internationalen Comic-Salons 2012 wird in diesem Jahr zum 15. Mal der Max und
Moritz-Preis verliehen, die wichtigste Auszeichnung für grafische Literatur im deutschsprachigen
Raum. 25 Titel wurden von der Jury und dem Publikum für den Max und Moritz-Preis 2012 nominiert.
Acht von neun Preisträgern werden am 8. Juni 2012 im Rahmen der Max und Moritz-Gala
bekannt gegeben. Der Preisträger für ein herausragendes Lebenswerk steht bereits fest: Mit dem
italienischen Zeichner Lorenzo Mattotti würdigt die Jury das genreübergreifende Werk einer der
einflussreichsten und vielseitigsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen internationalen Comic-
Kunst.
Neben dem Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk legten die Juroren 22 Nominierungen fest, die durch drei weitere Titel, die in Internet-Umfragen durch das Publikum ermittelt wurden, zur 25 Titel umfassenden Nominierten-Liste ergänzt wurden. Ausgehend von dieser Liste werden im Rahmen der Max und Moritz-Gala am Freitag, 8. Juni 2012, 21:00 Uhr im Markgrafentheater Erlangen die Preise in den Kategorien „Bester deutschsprachiger Comic“, „Bester internationaler Comic“, „Bester Comic-Strip“ und „Bester Comic für Kinder“ verliehen.
In den Kategorien „Bester deutschsprachiger Comic-Künstler“ (Dotierung: 5.000,– Euro), „Beste studentische Comic-Publikation“ (Dotierung: 1.000,– Euro) und Spezialpreis der Jury wurden keine Nominierungen vorgenommen. Die Preisträger in diesen drei Kategorien werden während der Max und Moritz-Gala bekannt gegeben. Die Max und Moritz-Gala wird in diesem Jahr von Hella von Sinnen und Christian Gasser moderiert.
Der Max und Moritz-Preis trägt seit fast 30 Jahren wesentlich zur Anerkennung der grafischen Literatur im deutschsprachigen Raum bei. Der Preis wird von Bulls Press, Frankfurt am Main, gestiftet und von der Stadt Erlangen im Rahmen des Internationalen Comic-Salons verliehen. Mit dem Max und Moritz-Preis soll die Arbeit herausragender Künstler gewürdigt, verdienstvolle Verlagsarbeit bestärkt und auf Nachwuchstalente aufmerksam gemacht werden. Darüber hinaus ist es ein weiteres Ziel des Preises, die Auseinandersetzung über die qualitativen Kriterien zur Beurteilung der Comic-Kunst zu intensivieren.
Der Jury für den Max und Moritz-Preis gehören in diesem Jahr an: Christian Gasser (Schriftsteller und Journalist, Luzern), Herbert Heinzelmann (Journalist und Medienwissenschaftler, Nürnberg), Brigitte Helbling (Journalistin, Arbeitsstelle für Graphische Literatur der Universität Hamburg), Andreas C. Knigge (Autor und Journalist, Hamburg), Andreas Platthaus (Journalist und Autor, Frankfurt am Main), Jan Taussig (Bulls Press, Frankfurt am Main) und Bodo Birk (Internationaler Comic-Salon Erlangen).
MAX UND MORITZ-PREIS 2012
Die 25 nominierten Titel (in alphabetischer Reihenfolge)
· Alois Nebel von Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 (Übersetzung: Eva Profousová. Verlag Voland & Quist)
· Alte Meister von Nicolas Mahler nach Thomas Bernhard (Suhrkamp Verlag)
· Annas Paradies von Daniel Schreiber (Splitter Verlag)
· Asterios Polyp von David Mazzucchelli (Übersetzung: Thomas Pletzinger. Eichborn Verlag)
· Aufzeichnungen aus Jerusalem von Guy Delisle (Übersetzung: Martin Budde. Reprodukt)
· Baby Blues von Rick Kirkman und Jerry Scott (Übersetzung: Michael Bregel. Bulls Press / Achterbahn im Lappan Verlag)
· Castro von Reinhard Kleist (Carlsen Verlag)
· Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären von Émile Bravo (Übersetzung: Ulrich Pröfrock. Carlsen Verlag)
· Dédé – Eriks Detektiv Deschamps von Erik (Epsilon Verlag) > nominiert durch das Publikum
· Der Mann, der seinen Bart wachsen ließ von Olivier Schrauwen (Übersetzung: Helge Lethi. Reprodukt)
· Der Staub der Ahnen von Felix Pestemer (avant-verlag)
· Die Ballade von Seemann und Albatros von Nick Hayes (Übersetzung: Henning Ahrens. mareverlag)
· Essex County von Jeff Lemire (Übersetzung: Thomas Schützinger. Edition 52)
· Fennek von Lewis Trondheim und Yoann (Übersetzung: Kai Wilksen. Reprodukt)
· Fünftausend Kilometer in der Sekunde von Manuele Fior (Übersetzung: Maya della Pietra. avant-verlag)
· Gaza von Joe Sacco (Übersetzung: Christoph Schuler. Edition Moderne)
· Grablicht von Daniela Winkler (Droemer Knaur) > nominiert durch das Publikum
· Haarmann von Peer Meter und Isabel Kreitz (Carlsen Verlag)
· Lou! von Julien Neel (Übersetzung: Thomas Schöner. Tokyopop)
· Packeis von Simon Schwartz (avant-verlag)
· Pluto von Naoki Urasawa nach Osamu Tezuka. Co-Autor: Takashi Nagasaki (Übersetzung: Jürgen Seebeck. Carlsen Verlag)
· Riekes Notizen von Barbara Yelin (Frankfurter Rundschau)
· Schöne Töchter von Flix (Der Tagesspiegel)
· Summer Wars von Mamoru Hosoda, Iqura Sugimoto und Yoshiyuki Sadamoto (Übersetzung: Nadine Stutterheim. Carlsen Verlag)
· The Walking Dead von Robert Kirkman, Charlie Adlard und Cliff Rathburn (Übersetzung: Marc-Oliver Frisch. Cross Cult) > nominiert durch das Publikum
Leseproben der nominierten Titel sind in Kürze als kostenloses E-Book auf den einschlägigen E-Book-Plattformen und unter www.comic-salon.de verfügbar sowie als einzelne Titel bei www.MyComics.de.
Zum zweiten Mal wird in diesem Jahr ein Max und Moritz-Publikumspreis vergeben. Zur Auswahl stehen die 25 für den Max und Moritz-Preis nominierten Titel. Die Abstimmung, die am Abend des 7. Juni um 19:00 Uhr endet, erfolgt in Zusammenarbeit mit Tageszeitungen und Comic-Magazinen sowie online unter http://comic-salon.comicforum.de.
Im Rahmen der Max und Moritz-Gala wird zum zweiten Mal auch der Preis des „Francomics!“-Wettbewerbs verliehen. Mit dem Schülerwettbewerb erhalten Jugendliche bis zur zehnten Klasse Einblick in die französische Comic-Kultur. Das Projekt „Francomics!“ ist eine Kooperation des Institut français d’Allemagne, der französischen Botschaft Berlin und des deutsch-französischen Instituts Erlangen und wird von der Robert Bosch Stiftung und dem Cornelsen Verlag gefördert.
Auf den folgenden Seiten finden Sie Informationen zum Lebenswerk-Preisträger Lorenzo Mattotti sowie Texte zu allen nominierten Titeln.
Veranstalter
Stadt Erlangen
Referat für Kultur, Jugend und Freizeit
Kulturprojektbüro
Gebbertstraße 1, 91052 Erlangen – Deutschland
Tel. +49(0)9131/86-1408
Fax: +49(0)9131/86-1411
E-Mail: info@comic-salon.de
Internet: www.comic-salon.de
MAX UND MORITZ-PREIS 2012
Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk:
Lorenzo Mattotti
Lorenzo Mattotti wurde am 24. Januar 1954 in Brescia geboren. Noch in der Schule hatte er eine wichtige Begegnung, denn er lernte Fabrizio Ostani kennen, der später unter dem Namen Jerry Kramsky Szenarios
für bedeutende Alben Mattottis schreiben sollte („Flüster“, „Labyrinthe“, „Doktor Jekyll & Mister Hyde“). Selbstverständlich las er als Kind „Fumetti“, wie Comics in Italien heißen. Und noch während seines Architektur-Studiums in Venedig begann er, in diesem Genre zu arbeiten. In den Zeitschriften „Re
Nudo“ und „La Bancarella“ veröffentlichte er Geschichten, die eher dem Comic-Mainstream angehörten.
Für eine Anthologie des Verlags Mondograf zeichnete er eine Episode aus dem Leben Casanovas (1976). Ein Jahr später kam es zur ersten Zusammenarbeit mit Kramsky. Gemeinsam schufen sie das Album „Alice Brum Brum“, auf das eine Adaption der Abenteuer von Huckleberry Finn folgte.
Mattotti war im Geschäft. Anfang der 1980er-Jahre gründete er mit Künstlern aus Mailand und Bologna, darunter Giorgio Carpenteri, Daniele Brolli, Marcello Jori, Jerry Kramsky und Igort (Igor Tuveri), eine Gemeinschaft, die sich – nach einem Motoröl – „Valvoline“ nannte. Die Gruppe wollte die Grenzen zwischen
den Freien Künsten und der angewandten Kunst verwischen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Comics zur Neunten Kunst. Nun wurden stereotypisierte Formen und Erzählmethoden in die Offenheit
des Kunstanspruchs überführt. Auch der amerikanische Comic-Künstler Charles Burns gehörte der Gruppe „Valvoline“ eine Zeit lang an.
Die Qualität der neuen Kunstfreiheit im sequenziellen Erzählen schlug erstmals in Mattottis Album „Spartaco.
Reisen eines Epizentrikers“ (1983; Deutsch: Edition 52) durch. Leuchtende Farben in Wachskreiden, Figurationen aus dem Fundus der Pop Art und surrealistische Traumkonstruktionen in der Handlung setzten völlig neue Akzente. Endgültig perfektionierte Mattotti sie mit dem Album „Feuer“ (1986; Deutsch: Edition Kunst der Comics/Carlsen Verlag), das ihn international bekannt machte. „Feuer“ – vordergründig eine Geschichte aus dem Krieg – handelt tatsächlich von der Begegnung der Zivilisation mit dem Elementaren
in Natur und Kunst. Hier schlägt Inhalt in Form um. Farbe und Geometrie werden zu Protagonisten.
Malerischer Neo-Expressionismus erobert das Comic-Medium.
Von da an lassen sich bei Mattotti zwischen dem Comic-Künstler, dem Illustrator und dem Bildenden Künstler keine Grenzen mehr ziehen. Er produziert weiter Comic-Romane wie „Labyrinthe“ (1988), „Flüster“ (1989), „Der Mann am Fenster“ (1992), „Caboto“ (1993), „Stigmata“ (1998; Deutsch: alle zunächst Edition Kunst der Comics) und „Doktor Jekyll & Mister Hyde“ (2002; Deutsch: Carlsen Verlag).
Zugleich arbeitet er für „Liberation“, „Le Monde“, „Süddeutsche Zeitung“, „The New Yorker“, veröffentlichte 2001 in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die ganzseitige Fortsetzungsgeschichte „Der Klang des Rauhreifs“ (Carlsen Verlag, 2003) und realisiert Literaturprojekte, darunter „Pinocchio“, „The Raven“ und „Hänsel und Gretel“. Außerdem wirkt er in seinem Pariser Atelier am Design von Spielfilmen der Regisseure Wong Kar-Wai, Steven Soderbergh und Michelangelo Antonioni mit. Sein Werk wurde in einer Reihe großer Einzelausstellungen (unter anderem 2006 in Erlangen) gewürdigt. Neben zwei Max und Moritz-Preisen (für „Feuer“, Erlangen 1992 und für „Der Mann am Fenster“, Hamburg 1993) wurde
Mattotti unter anderem als erster Europäer mit dem amerikanischen Eisner-Award ausgezeichnet. An manchen jungen Comic-Künstlern kann man buchstäblich ablesen, wie groß der Einfluss von Lorenzo Mattotti auf die aktuelle Szene des grafischen Erzählens ist. Da ist zum Beispiel sein 2011 in Angoulême für das beste Album ausgezeichneter Landsmann Manuele Fior. Seine Anfänge sind unübersehbar von Mattotti geprägt. Der Linien-Dschungel in Fiors früher Kurzgeschichte „Giorgio e il drago“ ist inspiriert von den Tuschenetzen, die Mattotti in seinen Schwarzweiß-Romanen „Der Mann am Fenster“ und „Stigmata“ über das Papier der Buchseiten gesponnen hat und die er in „Hänsel und Gretel“ zu bedrohlichen Kulissen verdichtet. So entfalten sich Stilformen in Bezug zueinander. Mattotti hat die argentinischen Comic-
Künstler Alberto Breccia und Jose Muñoz als Vorbilder genannt. Inzwischen jedoch ist er selbst zur wichtigen Inspirationsquelle geworden.
In deutscher Sprache zuletzt erschienen:
– Hänsel und Gretel. Jacob und Wilhelm Grimm. Carlsen Verlag, 2011
– Venedig, eingegraben in Wasser. edition noir, 2011
– Schimäre. avant-verlag, 2006
– Spartaco – Reisen eines Epizentrikers. Übersetzung: Kai Wilksen. Edition 52, 2006
– Briefe aus ferner Zeit. Text: G. Giandelli. Übersetzung: R. Rebiersch. Verlag Schreiber & Leser, 2005
MAX UND MORITZ-PREIS 2012
Die 25 für den Max und Moritz-Preis 2012 nominierten Titel (in alphabetischer Reihenfolge):
Alois Nebel
von Jaroslav Rudiš und Jaromír 99. Übersetzung: Eva Profousová Verlag Voland & Quist
Schon immer gehört es zu den großen Leistungen von Literatur, die Geschichte eines Individuums mit dem Lauf der Historie einsichtig zu verschränken. Zunehmend knüpft die Graphic Novel an diese Tradition
an. Ein Musterfall für das Gelingen solcher Erzähltechnik ist der dreiteilige Comic-Roman „Alois Nebel“ des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš, der von dem Prager Zeichner und Songwriter Jaromír 99 (Jaromír Svejdík) in kontrastreiche Schwarzweiß-Bilder wie von Holz- oder Linolschnitten übertragen wurde.
In dem ebenso verschmitzt wie abgründig entworfenen Leben des kleinen Bahnbeamten Alois Nebel spiegeln sich die Schrecken der historischen Ereignisse im 20. Jahrhundert, durchdrungen von den Hoffnungen
auf die Erfüllung persönlicher Sehnsüchte. So erreicht das Buch eine hohe Komplexität und fesselt den Leser mit einem Geflecht von Traumata und Träumen und einem visuellen Konzept, das den literarischen Text nicht illustriert, sondern interpretiert.
Alte Meister
von Nicolas Mahler nach Thomas Bernhard
Suhrkamp Verlag
Thomas Bernhards „Alte Meister“, zum Comic umgesetzt von Nicolas Mahler, ist schon von der Idee her ein Vergnügen, und das Ergebnis überzeugt nicht zuletzt deswegen, weil das Kunsthistorische Museum Wien hier als Raum- und Größenereignis mit ins Geschehen einsteigt. Wer den monumentalen Bau kennt, genießt das Spiel mit dem runden Mosaikmuster beim Eingang, das sich von den oberen Rotunden besonders gut betrachten lässt, genießt die gewaltigen Hallen, Bilder und Türen, darunter winzige Kunstbeflissene, die aussehen, als müssten sie nun zu fünft eine Pyramide bilden, nur, um die Klinke zu erreichen, genießt selbstverständlich auch den Bernhard-Sound, der durch diese Räume weht und sich ganz zwanglos in die Mahler-Strichwelt einfügt. Die Story ist eine Liebesgeschichte, die sich als Grantelgeschichte verkleidet und am Ende mit einem zuvorkommenden Akt der Freundschaft endet, der die beiden zentralen Figuren ins Burgtheater führt, wo „Der zerbrochene Krug“ in anrührender Hilflosigkeit (so Mahlers Bild) dargeboten wird: „Die Vorstellung war entsetzlich.“
Annas Paradies
von Daniel Schreiber
Splitter Verlag
Fantasy ist derzeit das dominante Genre der Unterhaltungsindustrie. Es verbindet uralte Mythen mit dem aktuellen Appetit auf eingängige Geschichten. In Deutschland liegt es allerdings im Vergleich zu anderen Ländern zurück. Vielleicht hat der Splitter Verlag deshalb eine Offensive im Bereich deutscher Fantasy-Comics gestartet. Dabei ist der Beginn der Serie „Annas Paradies“ durch eigenwillige Akzente besonders aufgefallen. Geschrieben und gezeichnet wird die Serie vom Kölner Grafikdesigner und Filmemacher Daniel Schreiber. Er greift auf die inzwischen in zahlreichen Comic-Erzählungen präsente Legende vom Engelssturz zurück, verortet sie allerdings in der konkreten Situation der deutschen Nachkriegs-Epoche.
Diese wird von Schreiber düster und neorealistisch als eine Zeit existenzieller Herausforderung entworfen. Keine Zeit für Engel eigentlich. Und so fällt mit Anna ein eher dämonisches Wesen in die Welt, das seine zerstörerischen Kräfte nur mühsam beherrscht und neugierig macht auf seine weiteren Erlebnisse in deutscher Wirklichkeit.
Asterios Polyp
von David Mazzucchelli. Übersetzung: Thomas Pletzinger
Eichborn Verlag
Fünfzehn Jahre hat David Mazzucchelli an seinem Comic „Asterios Polyp“ geschrieben und gezeichnet, und wenn es eine Geschichte gibt, die die Bezeichnung „Graphic Novel“ verdient, dann dieser Band.
Denn hier wird tatsächlich auf eine Weise in Bildern erzählt, die so offen für alle formalen Möglichkeiten des Comics ist, dass die Geschichte jeden Vergleich mit den besten experimentellen belletristischen Romanen
aushält. In „Asterios Polyp“ geht es um Leben und Tod, um Leben und Kunst, um Leben und Liebe und darum, dass das Leben jeweils wichtiger ist, aber doch nicht ohne die drei anderen sein kann. In der deutschen Übersetzung ist so viel vom sprachlichen Raffinement des Originals erhalten geblieben, wie man sich nur wünschen kann. Und dass auch das Niveau der Buchgestaltung dem der Erzählung entspricht, dafür hat Mazzucchelli selbst gesorgt, der diesbezüglich keine Abweichung von der amerikanischen Publikation zuließ. Und das ist gut so.
Aufzeichnungen aus Jerusalem
von Guy Delisle. Übersetzung: Martin Budde
Reprodukt
Der franko-kanadische Zeichner Guy Delisle ist mit offenen Augen in der Welt unterwegs. 2000 erschien bei dem französischen Autorenverlag L’Association seine Graphic Novel „Shenzhen“ über einen mehrwöchigen Aufenthalt in der gleichnamigen chinesischen Großstadt, dann folgten Bände auch über Reisen
nach Nordkorea und Birma: keine Reportagen, vielmehr gezeichnete „Reisetagebücher“, basierend auf seinen Aufzeichnungen und Eindrücken, mit denen Delisle klug beobachtete, aufschlussreiche Einblicke gibt in den Alltag der Menschen und ihre Lebenswelten. „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ ist sein bislang umfangreichstes Buch, in dem er seine Frau, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, nach Israel begleitet und auf fast 350 Seiten vom Leben in der Heiligen Stadt erzählt. Dabei fängt Delisle die Chemie eines der brisantesten Konfliktherde unserer Zeit aus einer Perspektive ein, die kein Nachrichtenbild zu vermitteln vermag, und die ein tieferes Erfassen der Situation im Nahen Osten erst ermöglicht.
Baby Blues
von Rick Kirkman und Jerry Scott. Übersetzung: Michael Bregel
Bulls Press / Achterbahn im Lappan Verlag
Gute Comic-Strips gibt es viele. Sehr gute Comic-Strips auch. Die Reihen lichten sich jedoch, wenn man sich auf die Suche nach so etwas wie einem „modernen Klassiker“ begibt. Denn zum Faktor Qualität gesellt sich hier ein weiterer, alles andere als selbstverständlicher Faktor: Langlebigkeit: Es ist mehr als 22 Jahre her, dass Babs Meier ihre kleine Susi zum ersten Mal im Arm hielt. Beide blickten sich ziemlich ratlos an, über ihren Köpfen dieselbe Denkblase: „Und jetzt?“ Seitdem ist einiges passiert. Susi kommt langsam in die Pubertät, inzwischen hat sie zwei Geschwister. Die Zeit im „Baby Blues“-Universum ist nicht eingefroren, die Figuren entwickeln sich, wenn auch langsamer als im wahren Leben. So entsteht über die Jahre das Gefühl, tatsächlich am Leben der Meiers teilzuhaben. In Verbindung mit den handwerklichen Qualitäten der Serie – allen voran natürlich der Humor – hat sich „Baby Blues“ zu dem Dauerbrenner entwickelt, der sich das Etikett „moderner Klassiker“ zu Recht ans Revers heften kann.
Castro
von Reinhard Kleist
Carlsen Verlag
Schon mit seiner prämierten Graphic Novel „Cash. I See a Darkness“ hat sich Reinhard Kleist als meisterlicher Comic-Biograf gezeigt. Sein neues Buch „Castro“ erscheint zu einer Zeit, in der es um den Máximo Líder, der die Geschichte seines Landes 1958 in andere Bahnen lenkte, still geworden ist. Aus diesem vagen Moment heraus, der zwischen heroischer Vergangenheit und ungewisser Zukunft schwebt, blickt Kleist auf Fidel Castros Werden und Wirken in einer ebenso breit angelegten wie dicht erzählten Gesamtschau zurück, der ausgiebige Recherchen sowie ein längerer Aufenthalt auf Kuba vorausgingen. In ebenso atmosphärischen wie lebendigen Bildern erzählt er von dem ersten Aufstand, den der junge Fidel auf der Finca seines Vaters anzuzetteln versucht, von der Kubanischen Revolution, die mit einer Handvoll Männern beginnt und mit dem Sieg über das Batista-Regime endet, von den Jahren mit Che Guevara, der Invasion in der Schweinebucht und der „Kubakrise“ bis in die heutige Zeit des ständigen Mangels.
Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären
von Émile Bravo. Übersetzung: Ulrich Pröfrock
Carlsen Verlag
Émile Bravos „Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären“ ist vieles: Comic natürlich, Märchen, Parodie, Satire, die Liste ließe sich fortführen. Das Besondere an diesem Büchlein ist aber nicht allein seine Vielseitigkeit, sondern die Tatsache, dass die Ebenen gleichwertig nebeneinander stehen und jeder Leser seine eigene Bedeutung herauslesen kann. Die Geschichte der Zwergbären, die nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommen und die schlafende Prinzessin in ihren Bettchen vorfinden, kombiniert unzählige Versatzstücke traditioneller Märchenvorlagen. Wer sie kennt, der mag den wilden Ritt durch die Tradition als Verbeugung oder Persiflage wahrnehmen, die jüngeren und jüngsten unter den Lesern erfreuen sich einfach an einer witzigen Story, die in Bravos gewohnt freundlich-schrägem Strich daherkommt.
Bravo hat keinen Comic für Kinder geschaffen, der auch ein paar Gags für die Eltern bereithält, ebenso wenig einen Erwachsenen-Comic im Kindergewand. Er schlägt beide Fliegen mit einer Klappe, und das zielsicher und mit voller Wucht.
Dédé – Eriks Detektiv Deschamps > nominiert durch das Publikum
von Erik
Epsilon Verlag
Schon das Hardcover-Album von Erik verweist auf den traditionellen franko-belgischen Comic. Da der deutsche Zeichner im Saarland aufwuchs, ist es kein Wunder, dass er mit der Serie „Dédé“ einen waschechten Semifunny alter Schule mit modernen Krimizutaten liefert: ein Privatdetektiv mit einem markanten Kinn, mysteriöse Serienmorde, gefährliche Ermittlungen und obskure Täter. Vor allem aber besticht Erik durch seine filmische Erzählweise, sein grafisches Licht-und-Schatten-Spiel, die geschickten Perspektiven und überhaupt durch zeichnerisches Talent. Die Anlehnung an die franko-belgische Tradition ist weniger eklektisch als man befürchten könnte, denn Erik ist grafisch weitaus moderner und so wirkt „Dédé“ wie „Jeff Jordan“ mit ADHS. Das hat ihm 2011 schon einen ICOM Independent-Preis für das beste Artwork eingebracht. Deshalb ist es nur konsequent, dass Erik mit seiner Film noir-Variante nun auch in Erlangen unter den Nominierten ist.
Der Mann, der seinen Bart wachsen ließ
von Olivier Schrauwen. Übersetzung: Helge Lethi
Reprodukt
Lassen Sie sich von der virtuos vielfältigen, aber immer angejahrt anmutenden Bildsprache nicht verwirren: Olivier Schrauwen ist nicht 1877, sondern 1977 geboren und ein resolut moderner Autor. In „Der
Mann, der seinen Bart wachsen ließ“ erzählt Schrauwen die Genese der Menschen auf eine perfide Weise neu, er fabuliert über das Schicksal von Missionaren und Großwildjägern im belgischen Kongo, er analysiert
den Zusammenhang zwischen Haar- und Persönlichkeitstypen, und überall sprießen die Bärte.
Getrieben von abstrusem Witz schlagen Schrauwens schräge Geschichten immer wieder unerwartete Haken, erzählerisch und visuell. Sein Surrealismus hat jedoch Methode, geht es ihm doch um die Konfrontation von innerer und äußerer Wirklichkeit, um Alb- und Wunschträume, um Eskapismus – und um
die Macht der Kunst, diese anderen Welten zu schaffen. Schrauwen greift die Sprache der Comic-Pioniere auf, um als moderner Pionier das Potenzial des Erzählens mit Bildern neu zu vermessen und Comics zu schaffen, die in der gegenwärtigen Szene ohne Vergleich dastehen.
Der Staub der Ahnen
von Felix Pestemer
avant-verlag
Die Bilderwelt des mexikanischen Muralismo gehört zu den prägenden Vorbildern narrativer Grafik. Für seine Erzählung „Der Staub der Ahnen“ hat sich Felix Pestemer ganz auf diese Vorbilder eingelassen und Szenen aus dem Geist Diego Riveras oder José Guadelupe Posadas entwickelt. Dabei ließ er sich von der Präsenz des Todes und der Toten in der Kultur Mexikos so sehr inspirieren, dass die Geschichten hinter der visuellen Kraft fast ein wenig verblassen. „Der Staub der Ahnen“ ist ein überwältigender Bilderrausch,
der den Leser tief in die Stimmung eines „Dia de los Muertos“ versetzt. Wichtig ist auch, die publizistische Leistung des Berliner Künstlers Pestemer zu würdigen, der sein Buch zuerst im Selbstverlag veröffentlichte, bevor es ihm gelang, in Frankreich und Deutschland mutige Comic-Herausgeber von den
unbequemen Themen der Lebensendlichkeit und der Erinnerungsarbeit an die Geschichten der Verstorbenen zu überzeugen.
Die Ballade von Seemann und Albatros
von Nick Hayes. Übersetzung: Henning Ahrens
mareverlag
„The Rime of the Ancient Mariner“, die Ballade des britischen Autors Samuel T. Coleridge aus dem Jahr 1798, wurde schon öfter popkulturell verarbeitet (Entenhausen- und Iron Maiden-Fans wissen Bescheid). Mit „Die Ballade von Seemann und Albatros“ liegt jetzt eine aktualisierte Comic-Adaption des Stoffes vor, die in ihrer grafischen Gestaltung schlicht atemberaubend ist. Der 1982 in West Berkshire geborene Autor und Zeichner Nick Hayes verwebt in seinem Erstlingswerk einen plakativ-illustrativen Zeichenstil mit den
Buchstaben des Textes zu einer grafischen Einheit und erzeugt damit eine ungeheure ästhetische Wucht, die die modernisierte Aussage des Ursprungstextes in eine ökologische Richtung aufs Eindrucksvollste
transportiert. „Die Ballade von Seemann und Albatros“ ist einer der überraschendsten und schönsten Comics der letzten Jahre.
Essex County
von Jeff Lemire. Übersetzung: Thomas Schützinger
Edition 52
Ein Junge, dessen Mutter gerade gestorben ist, flüchtet sich in Fantasien von gerechten Kämpfen undmaskierten Helden, einem alten Mann am Ende seines Lebens fällt es zunehmend schwer, Erinnerung und Gegenwart zu trennen … und beide finden an unerwarteter Stelle Verbündete. Zwei Bände („Geschichten vom Land“ und „Geistergeschichten“) aus Jeff Lemires Essex County-Saga sind bereits auf Deutsch erschienen, ein weiterer kommt demnächst: Für den vertieften Einblick in die außergewöhnliche Erzählkunst dieses kanadischen Comic-Künstlers reicht das vollkommen aus. In der flachen Landschaft von Essex County mit seinen Silos, einsamen Tankstellen und alten Traktoren wird viel geschwiegen, und auch den Geschichten reicht eine karge Betextung: Lemire weiß um die Kraft seiner Bilder. Wann hat uns ein Comic das letzte Mal zum Weinen gebracht? Das Ende von „Geschichten vom Land“ kriegt das hin, was für die Kunst dieser außergewöhnlichen Graphic Novel spricht.
Fennek
von Lewis Trondheim und Yoann. Übersetzung: Kai Wilksen
Reprodukt
Genau betrachtet ist Lewis Trondheim schon immer ein Erzähler von Fabeln gewesen. Nicht allein, dass er mit der Tierfigur des Herrn Hase menschliche Schwächen karikiert, er hat seine eigene Comic- Repräsentation auch stets mit einem Vogelkopf gekennzeichnet. Mit „Fennek“ hat er nun eine Fabel über die Gnadenlosigkeit der Natur noch im Leben von Fabeltieren geschrieben. Es geht um einen jungen Wüstenfuchs auf der Suche nach einem Halsband mit angeblicher Wunderkraft. Das heißt, es geht um den menschlichen Blick auf das Animalische, denn Tiere kennen keine Mythen. Der menschliche Blick –
hier fixiert in den leichthändigen Aquarellen und einschlagenden Charakterzeichnungen des Comic-Künstlers Yoann (Chivard) – vermenschlicht Tiere oder versucht, sie durch Verniedlichung zu verharmlosen.
Das ist das Spannungsfeld, das Trondheim entfaltet, um davon zu berichten, dass es draußen im Leben nur um Fressen und Gefressenwerden geht. (Seine) Kunst soll uns darüber nicht hinwegtäuschen.
Fünftausend Kilometer in der Sekunde
von Manuele Fior. Übersetzung: Maya della Pietra
avant-verlag
In „Fünftausend Kilometer in der Sekunde“ – die Geschwindigkeit der mobilen Kommunikation zwischen Oslo und Ägypten – erzählt der 1975 geborene Italiener Manuele Fior eine große Geschichte über die Liebe und Lebensentwürfe dreier Menschen. Er tut dies nicht in Form eines linearen Romans, sondern in sechs, jeweils nur wenige Stunden beinhaltenden Episoden, die eine Zeitspanne von über zwanzig Jahren abdecken. Er verknüpft diese Episoden so meisterhaft, dass er uns auch das, was dazwischen liegt, spürbar vermittelt. Dass Fior ein begnadeter Zeichner ist, war schon immer sichtbar und tritt hier, dank der stilsicheren Kombination von leichten, stilisierten und zeitlos anmutenden Federzeichnungen und einer
atmosphärischen Farbgebung, die jedes Kapitel in eine andere Stimmung taucht, besonders deutlich zutage. Mehr noch ist Fior als Erzähler gereift: Subtil erzählt er seine melancholische Ballade um das richtige Leben, das von falschen Entscheidungen gesteuert wurde und in den Protagonisten unerfüllbare Sehnsüchte nach einer nicht mehr möglichen Liebe weckt.
Gaza
von Joe Sacco. Übersetzung: Christoph Schuler
Edition Moderne
Bei Recherchen in einem Archiv der UNO stieß Joe Sacco auf ein Dokument, das zwei Massaker an der palästinensischen Zivilbevölkerung während der Suezkrise 1956 erwähnte. In Chan Younis und Rafah wurden 400 Männer getötet. Dass er dazu keine weitere Literatur fand, weckte Saccos Neugierde: Er reiste in den Gaza-Streifen und interviewte zahlreiche Augenzeugen. Während er die Vergangenheit aufarbeitete, ging das Leben im heutigen Gaza weiter – Sacco wird immer wieder Zeuge der Willkür der israelischen Besatzer, die Wohnhäuser plattwalzen und Aktivisten ausschalten. Dank der Gegenüberstellung eines weitgehend vergessenen Ereignisses aus der Vergangenheit mit dem trostlosen gegenwärtigen Alltag wird „Gaza“ zur vielschichtigen und vielstimmigen Reportage, die nicht zuletzt auch die Mechanismen des endlosen Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern untersucht. Mit „Gaza“ führt der 1960 geborene Sacco nach „Palästina“ und „Bosnien“ einmal mehr auf eindrückliche und eindringliche Weise das dokumentarische und journalistische Potenzial des Comics vor.
Grablicht > nominiert durch das Publikum
von Daniela Winkler
Droemer Knaur
Eine 16-Jährige wacht nachts blutüberströmt auf einem Spielplatz auf – ohne Erinnerungen an ihr früheres Leben. Der Vampir David erzählt ihr, dass sie seine Schöpfung sei und gibt ihr den Namen Emily. So beginnt „Grablicht“, eine Interpretation des Vampir-Genres aus der Feder der Manga-Zeichnerin Daniela Winkler. Die Oberhausener Künstlerin ließ sich in ihrem Werdegang unter anderem von Tim Burton beeinflussen und vermischt in ihrem Werk düstere Szenarien mit niedlichen Humoreinlagen. Hierbei bedient sie sich geschickt der beim Manga typischen Stilisierung. „Grablicht“ blickt auf eine lange Entstehungsgeschichte zurück und ist fester Bestandteil der deutschen Manga-Eigenproduktionen. 2004 startete das Projekt unter dem Titel „Eternal Sapphire“ als Web-Comic; 2010 und 2011 erschienen die ersten beiden
Taschenbücher der überarbeiteten Geschichte als „Grablicht“ unter dem Comicstars-Label bei Knaur Taschenbuch.
2012 soll die Serie in wieder neuer Bearbeitung beim Independent-Verlag Delfinium Prints erscheinen. Bis dahin bietet ein neuer Web-Comic auf Animexx.de Einblicke in Emilys Geschichte.
Haarmann
von Peer Meter und Isabel Kreitz
Carlsen Verlag
Mit „Haarmann“ rollen der bei Bremen lebende Autor Peer Meter und die Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz den Fall um den berüchtigtsten deutschen Serienmörder, der bereits Filmemacher wie Fritz Lang oder Rainer Werner Fassbinder inspiriert hat, erneut auf: Beinahe erschreckender noch als die Bluttaten, die Fritz Haarmann zwischen Anfang 1923 und Mitte 1924 in Hannover an 24 jungen Männern beging, wirkt dabei die politische Dimension des Skandals, denn Haarmann war Spitzel der hannoverschen Polizei und lockte seine Opfer mit einem Polizeiausweis in sein kleines Mansardenkabuff, um sie dort mit einem Beil zu zerlegen und anschließend ihr Fleisch zu verkaufen. Die Polizei jedoch wurde trotz deutlicher Spuren, die zu Haarmann führten, nicht tätig. Meter hat die Entwicklung der Ereignisse fundiert aufgearbeitet, und Kreitz setzt die frühen Jahre der Weimarer Republik und das kaum vorstellbare Elend der Zeit nach dem verlorenen Weltkrieg atemberaubend detailliert und atmosphärisch dicht in Szene.
Lou!
von Julien Neel. Übersetzung: Thomas Schöner
Tokyopop
Ihren Vater hat Lou nie kennengelernt. Sie lebt mit ihrer Mutter und einer namenlosen Katze, die ihnen zugelaufen ist, in einer ebenso namenlosen Stadt. Und sie kommt nun langsam in das Alter, in dem man Jungs nicht mehr nur ekelig findet … In „Lou!“ erzählt Julien Neel, Jahrgang 1976, von einem gleichnamigen lebenslustigen Mädchen und plant, dessen Weg in acht Alben von der Zeit kurz vor der Pubertät bis zur Volljährigkeit zu verfolgen – eine Kinder-Graphic Novel, brillant inszeniert in warmen wie zugleich zeitgeistig frischen Zeichnungen und charmanten Farben. In jedem Band fokussiert Neel auf alterstypische Themen, die feinfühlig beobachtet sind und bei vielen Szenen – quasi autobiografisch – auf eigenem Erleben und seinen Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend beruhen. Im ersten Band kann Lou vom Dach ihres Hauses aus mit dem Fernglas in das Zimmer des Nachbarsjungen gucken, ihn beim Comic-Lesen beobachten und muss immer wieder feststellen: „Waaah! Er ist einfach zu süß!“
Packeis
von Simon Schwartz
avant-verlag
Ein deutscher Comic, der ästhetische Anleihen bei Chris Ware, David B. und Seth macht – kann das mehr sein als eine eklektische Arbeit? Allemal, wie „Packeis“ beweist, mit dem der Berliner Zeichner SimonSchwartz nach seinem autobiografischen Debüt „drüben!“ ganz neue Wege einschlägt. Denn „Packeis“ blickt hinaus in die Welt und zurück in die Vergangenheit. Der voluminöse Band erzählt die Geschichte der ersten Reise zum Nordpol, Rechtfertigung für die kühle blaue Zusatzfarbe, die den Band prägt. Er
erzählt aber noch viel mehr: von Mythen der Inuit, von Betrügereien der Entdeckungsreisenden und vom alltäglichen Rassismus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, der Matthew Henson, den afroamerikanischen
Helden von „Packeis“, um die Früchte seines Muts und seiner Mühe betrügt. Simon Schwartz hat in diesem Comic Abenteuer, Geschichtsdokumentation und Vision zu einem Amalgam verknüpft, das erzählerisch eine ganz eigene Handschrift zeigt – ein seltenes Glück im deutschen Comic.
Pluto
von Naoki Urasawa nach Osamu Tezuka
Co-Autor: Takashi Nagasaki. Übersetzung: Jürgen Seebeck
Carlsen Verlag
Roboter-Manga reloaded: Mit dem Remake von Osamu Tezukas „Astro Boy – Der größte Roboter auf Erden“ durch „Monster“-Macher Naoki Urasawa liegt hier ein Manga vor, der jedem Anspruch genügt: von philosophischen Überlegungen zum Mensch-Roboter-Verhältnis und Tableaus, die als Fortführung einer jahrhundertealten Landschaftsbildtradition daherkommen, über Kampfszenarien, die die Seiten sprengen, versorgt mit ausreichend Ambivalenz, um dem Geschehen das notwendige Gewicht zu verleihen, bis hin
zu einem schlichtweg exzellent erzählten Thriller. Allein schon für den würde es sich lohnen, Urlaub zu buchen – die acht Bände sind wie dafür gemacht, am Strand unterm Sonnenschirm mehrmals hintereinander konsumiert zu werden. Gute Idee der Macher, das (mittlerweile) nach choreografierten Musikkombos klingende „Astro-Boy“ im Titel durch den Namen des Erzschurken „Pluto“ zu ersetzen – ein Manga für jedermann, mit eventuell einem minimalen Bonusvorteil für eingeschworene Fans von Philip K. Dick.
Riekes Notizen
von Barbara Yelin
Frankfurter Rundschau
In unaufgeregten kleinen Geschichten erzählt Barbara Yelins Strip „Riekes Notizen“, der seit Oktober 2011 täglich in der „Frankfurter Rundschau“ erscheint, vom Leben der rothaarigen Comic-Zeichnerin Rieke, von den Tücken des Alltags, den Sorgen der Freiberuflerin und ihren Spleens. Nennen wir den Strip eine Art öffentliches Tagebuch, in dem uns Rieke an ihrem Leben teilhaben lässt. Das läuft überwiegend in überschaubaren Bahnen, wenn Rieke nicht gerade wieder etwas melancholisch ist und sich vor der
Arbeit drückt. Dann nämlich erwachen nicht nur Kühlschränke und Wasserkocher zu einem überaus gespenstischen Eigenleben, sondern auch ein dichtbehaartes und furchterregendes Grübelmonster. Barbara Yelin hat in den letzten Jahren eine Reihe hervorragender Comics veröffentlicht und ist Mitherausgeberin der Comic-Anthologie „Spring“, nebenher illustriert sie Bücher und veranstaltet Workshops im In- und Ausland. Jetzt überrascht sie ihre Fans damit, dass sie auch das klassischste aller Comic-Formate meisterlich beherrscht: den täglichen Zeitungs-Strip.
Schöne Töchter
von Flix
Der Tagesspiegel
„Dieser Strip“, sagt sein Autor, „handelt von allem, was sich Liebe nennt.“ Dass damit nicht alles gesagt sein kann, weiß jeder, der die Liebe kennt. Und wer Comics liebt, der wird an dieser Serie, die alle vier Wochen sonntags im Berliner „Tagesspiegel“ erscheint, seine helle Freude haben. Flix bringt in „Schöne Töchter“ nicht nur auf subtilste Weise die Faszination zwischen Männern und Frauen aufs Papier, sondern nutzt das ungewöhnliche quadratische Format auch für die schönsten Spielereien. So ist tatsächlich
einmal das in Deutschland zustande gekommen, was wir sonst nur aus den klassischen amerikanischen Sunday Strips der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen – und aus den Sonntags-Folgen von „Calvin
und Hobbes“. Das sind denn auch die Vorbilder, an denen sich Flix orientiert. Und so ist bei den bislang 24 Folgen von „Schöne Töchter“ keine Seitenarchitektur wie die andere. Wer wissen will, was der Comic auf beschränktem Raum alles leisten kann, der lese und liebe diesen Comic-Strip.
Summer Wars
von Mamoru Hosoda, Iqura Sugimoto und Yoshiyuki Sadamoto
Übersetzung: Nadine Stutterheim
Carlsen Verlag
Wenn aus einem erfolgreichen Film ein Comic wird, muss man das Schlimmste befürchten. Im Falle von „Summer Wars“, dem japanischen Anime-Hit des Jahres 2009, ist das anders. Iqura Sugimoto hat in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur und Drehbuchautor Mamoru Hosoda die zweistündige Handlung auf drei Manga-Bände verteilt, die nicht nur grafisch, sondern auch erzählerisch den Vergleich mit dem Film nicht scheuen müssen. Das ist umso überraschender, als die virtuelle Welt des sozialen Netzwerks OZ, die ein wichtiger Bestandteil des Geschehens in „Summer Wars“ ist, hier nur in Schwarzweiß und auf Taschenbuchformat geboten werden kann. Iqura Sugimoto zieht daraus die Konsequenz und konzentriert sich mehr auf die Figuren und besonders auf die alles überstrahlende Teenager-Liebe zwischen Natsuki, die aus einer alten Samurai-Sippe stammt, und dem bürgerlichen Kenji. Und die Zeichnerin fügt einige bei der Anime-Produktion entfallene Szenen in ihre Bände ein, was dem Manga zusätzlichen Reiz verleiht.
The Walking Dead > nominiert durch das Publikum
von Robert Kirkman, Charlie Adlard und Cliff Rathburn. Übersetzung: Marc-Oliver Frisch
Cross Cult
„Ein Zombie-Film, der niemals endet“, so beschreibt Autor Robert Kirkman seine Serie „The Walking Dead“, die als eine der erfolgreichsten amerikanischen Comic-Serien des 21. Jahrhunderts gilt. Angesiedelt in einer postapokalyptischen Welt voller Untoter wird der Kampf ums Überleben gezeigt, die Menschen ziehen in kleinen Gruppen durchs Land, bemüht, mit den veränderten Lebensbedingungen zurecht zu kommen. Und Kirkman macht unmissverständlich klar, der Horror sind nicht die Untoten, es sind die Anderen ... „The Walking Dead“ hat alles, was ein toller Comic haben muss: glaubwürdige Charaktere, eine bedrohliche Welt, überraschende Wendungen und effektive Cliffhanger. Dass die Reihe als Fernsehserie
erfolgreich verfilmt wurde, ist folgerichtig, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Kirkman und seine Zeichner, zunächst Tony Moore und dann Charlie Adlard, jeden Monat aufs Neue spannende und aufregende Comic-Hefte verfassen. Auf der Bestseller-Liste der New York Times sind die Paperback-
Nachdrucke der Hefte immer weit oben zu finden. Zu Recht.
Zu den gezeigten Covern in diesem Artikel gibt es mehr Informationen auf der ComicRadioShow! Viel Spaß beim Entdecken!
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