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geschrieben von Micha am Dienstag, 19. Oktober 2010 (5701 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

Warte, warte nur ein Weilchen...



Haarmann Er ist wieder da: Hannovers beliebtester Serienmörder Friedrich „Fritz“ Haarmann, der schon mehrfach in Form eines Wimmelbilddetails auf dem offiziellen Adventskalender der Stadt aufgetaucht ist (Mmhh, Schoko!) und über den populäre Schlager geschrieben wurden. Diesmal erscheint er allerdings nicht augenzwinkernd, sondern in Form einer ernsthaften und anspruchsvollen Graphic Novel.

Ebenfalls wieder da ist Autor Peer Meter, der nach „Gift“ nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr einen graphischen Roman zur Massenmörderthematik vorlegt. Wer beim diesjährigen Comicsalon in Erlangen die Ausstellung mit von Meter getexteten Comics gesehen hat, weiß um Meters bemerkenswertes Talent, herausragende Zeichnerinnen und Zeichner für seine Projekte zu begeistern und zu Höchstleistungen zu inspirieren. Mehrere noch in Arbeit befindliche und vielversprechende Werke waren in dieser Ausstellung zu bewundern und machten neugierig auf das, was da noch kommt.

Haarmann

Was den Betrachter bei „Haarmann“ sofort umhaut, sind die atemberaubenden Zeichnungen von Isabel Kreitz. Schon zuvor war sie als eine der besten deutschen Comic-KünstlerInnen bekannt, aber hier übertrifft sie sich selbst noch einmal um einiges. Ihre offenbar nur mit Bleistift ausgeführten Bilder zeugen von einer Hingabe, die seinesgleichen sucht. Die Zeichnungen sind so sorgfältig gestaltet, dass es scheint, sie habe an jedem einzelnen Bild so lange gearbeitet wie eine Fix-und Foxi-Zeichnerin an einem Fünfseiter. Und davon macht Kreitz 150 Seiten! Dass sie dieses enorme Arbeitspensum in den nur zwei Jahren seit ihrem letzten Comic-Roman „Die Sache mit Sorge“ bewältigt hat, ist eine unglaubliche Leistung.

Haarmann

Denn Kreitz' Bilder strotzen nicht nur von Details, alle diese Details sind auch noch sorgfältig herausgearbeitet. Gegenstände sind nicht nur an ihrer Form zu erkennen, sondern auch auch Material und Oberflächenbeschaffenheit sind durch die Gestaltung unverwechselbar. Wenn man nur kleinste Bildausschnitte vorgelegt bekäme, die die Objekte nicht erkennen ließen, könnte man doch fast immer sagen, dies ist Stein, dies ist Holz, dies ist Metall, dies ist Glas, dies ist Textilie. Wenn Kreitz zwei Frauen mit Hüten zeichnet, sind die Hüte nicht nur im Design verschieden, sondern auch aus erkennbar verschiedenen Stoffen! Besondere Meisterschaft zeigt sie an den Ziegeln der Hauswände, aber sie beeindruckt auch mit Kopfsteinpflaster trocken oder nass, Holzbalken von Fachwerkhäusern mal mit mehr, mal mit weniger Wurmbefall, glänzenden Tschako-Helmen, Fensterscheiben, Dachschindeln im Morgenlicht. Das kann man sich alles viel, viel leichter machen, aber weil sie das eben nicht getan hat, sind die Zeichnungen so unglaublich gut.

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Durch Lichteffekte erzeugt Kreitz eine enorme räumliche Tiefe, und gerade dadurch gelingt es ihr, die räumliche Enge der Altstadt des Vorkriegs-Hannovers fassbar zu machen. Etwas unsicherer ist sie nur bei der Darstellung von Gesichtsausdrücken, die ihr nicht immer sehr lebendig gelingen. Allerdings ist das auch dem realistischen Zeichenstil geschuldet, denn es ist einfach wesentlich schwieriger, einem ganz realistisch gestalteten Gesicht einen bestimmten Ausdruck zu verleihen als einem stilisierten. Vielleicht hätte sie bei den Gesichtern öfter den Mut haben sollen, das realistische Korsett zu verlassen, denn ab und zu tut sie es, und dann mit guten Ergebnissen. Aber auch durch Körperhaltungen transportiert sie Stimmungen.

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Obwohl Kreitz eine ganz ähnliche Zeichentechnik verwendet wie Barbara Yelin in „Gift“, ist der Zeichenstil und die Atmosphäre eine ganz andere. Schien in „Gift“ Bremen die ganze Zeit in einem düsteren Nebel zu liegen – was ja auch zur Erzählsituation passte, die als Rückblick der inzwischen hochbetagten Hauptfigur konzipiert war –, erzeugt Kreitz durch das schmutzige und abgenutze Aussehen, das sie Gebäuden und Zimmereinrichtungen verleiht, eine triste und hoffnungslose Atmosphäre, in der die Desillusionierung nach vergangenen, scheinbar glorreicheren Zeiten dominiert.

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Natürlich besteht ein Comic nicht nur aus Bildern, sondern auch aus einer Geschichte. Die Art und Weise, wie Peer Meter die Geschichte dieses Mal erzählt, gefällt mir deutlich besser als bei seinem Vorgängerband „Gift“, welcher mir persönlich in seinem Erzählansatz nicht gefallen hat, auch nach mehrmaligem Lesen nicht. (Allerdings ging mir das offenbar als einzigem so.) In jener Geschichte über die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried ließ Meter eine junge Journalistin am Vorabend von Gottfrieds Hinrichtung durch Bremen stolpern und mal hier, mal dort ein Gerücht oder eine persönliche Anfeindung erfahren. Stark wurde „Gift“ für mich erst im letzten Viertel, als die Giftmörderin endlich selber auftauchte und selbst zu Wort kam.

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In „Haarmann“ dagegen sind wir von Anfang an bei Haarmann dabei und erleben seine Taten mit. Wir müssen zwar nicht im blutigen Detail mit ansehen, wie er seine Opfer nach den Morden zerlegt, aber wir sehen die Opfer zuvor, können mit ihnen leiden, und über die kaltblütige Art schaudern, wie Haarmann trotz seiner Debilität seine Wohnumgebung durch seine umgängliche Art zu täuschen vermag. Auch das absichtliche Wegsehen der Behörden, das schon in „Gift“ thematisiert wurde, wird hier fassbarer, weil es in dem Moment gezeigt wird, als es geschieht. Tatsächliche, an sich schon fast filmreife Ereignisse wandelt Meter geschickt im Sinne der Dramaturgie ab, um ihre Wirkung noch zu erhöhen. Es gibt auch zahlreiche Spannungsmomente. Eine psychologische Erklärung, warum der Mensch Haarmann im mittleren Lebensalter scheinbar plötzlich eine Mordserie beginnt, versucht Meter nicht zu finden; die Charakterisierung Haarmanns bleibt dem Moment verhaftet. Aber das entspricht auch dem Gemüt Haarmanns wie es hier dargestellt wird, denn der akzeptiert seine Verhaftung und seine Hinrichtung als etwas, das eben so ist.

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Lesern aus Hannover könnte eventuell noch aufstoßen, dass das berühmte Café Kröpcke im Lettering beide Male, wo es im Lettering auftaucht, falsch geschrieben wird. Diese Minuspunkte für den Letterer gehen wiederum an Zeichnerin Kreitz, die hat es nämlich in ihrer Zeichnung richtig gemacht. Aber Nicht-Hannoveranern wird das nicht auffallen, und ansonsten ist „Haarmann“ wie auch zuvor schon „Gift“ hervorragend recherchiert. Der Name von Haarmanns Intimus, „Hans Grans“, liest sich wie für einen Comic ausgedacht, ist aber wie fast alles authentisch.

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Und da die Täter immer wieder an den Tatort zurückkehren, stellen Autor und Zeichnerin den Band am Donnerstag, den 4. November 2010 um 20 Uhr in der Polizeigeschichtlichen Sammlung Niedersachsen in Hannover vor. Das tun sie im Gespräch mit dem Comic-Experten Andreas C. Knigge, auf den in „Haarmann“ in einem Bild mit einem „C.Knigge Destillation“ lautenden Geschäftsschild augenzwinkernd angespielt wird. Die Wahl des Polizeimuseums als Veranstaltungsort finde ich besonders gut, da es weniger als einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt liegt. ;)


Haarmann
von Peer Meter und Isabel Kreitz,
176 Seiten, Hardcover
Carlsen, 19,90 Euro


Haarmann

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(c) der Abb.: Carlsen und Kreitz
 
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