Interview mit Don Rosa :: Comic Radio Show :: Comics erfrischend subjektiv, seit 1992!  
23.06.2018, 06:24 Uhr
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geschrieben von Maqz am Samstag, 15. August 1998 (10366 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht
Vom Interview gibt es auch eine englische Originalversion.
Don Rosa

Comic Radio Show: Erinnern Sie sich, dass wir vor zwei Jahren schon
mal ein Interview geführt haben, in Sussmanns Comicladen im Hauptbahnhof
München?
Don Rosa: natürlich erinnere ich mich.
CRS: Was hat sich für Sie in diesen letzten 2 Jahre für
Sie verändert. Oder hat sich gar nichts verändert?
DR: Es ist eine langweilige Antwort, aber es ist alles identisch.
Wegen der Figuren, die ich zeichne ändert sich mein Job nie. Es macht Spaß,
aber es bleiben halt immer dieselben Figuren. Das ist eine Art Herausforderung.
Auch die Art der Geschichten, die ich mache ist gleich geblieben. Ich glaube,
dass meine Zeichnungen etwas besser geworden sind, das ist wohl der einzige Unterschied. Es gab eine Menge Platz für Verbesserungen. Als ich anfing war ich nur so etwas wie ein Fanzine-Künstler und jetzt bin ich das immer noch, nur halt berühmt. Ich halte mich immer noch nicht für einen
professionellen Künstler.
Mir fällt doch noch eine Veränderung ein: Es war immer sehr erfrischend
Deutschland oder jeden anderen europäischen Ort zu besuchen, da ich jedesmal
eine höhere Kultur zu sehen bekam. Natürlich meine ich damit auch
Kultur im allgemeinen, aber auf jeden Fall die Comic-Kultur. Die amerikanische
Comic-Kultur war für dreißig Jahre mehr oder weniger tot, aber hier
drüben finde ich so eine interessante und große Vielfalt, in allen
Genres und in jeder möglichen Stilrichtung. Und jetzt muß ich hören,
dass dieser amerikanische Superhelden-Schrott
beginnt den Markt hier zu übernehmen. Ich bin von den Europäern sehr
enttäuscht. Ich dachte immer, dass sie für sich selber denken
könnten und nicht eine andere Kultur imitieren müßten. Und wenn
sie schon eine Kultur imitieren, warum suchen sie sich dann eine so dekadente
wie die amerikanische aus? Das macht keinen Sinn.
CRS: Wieso finden Sie das so schlimm? Weil es nur so etwas
kulturelles Fast-Food ist?
DR: Genau, das ist eine gute Art, es zu beschreiben. Tja, es
würde unseren Rahmen hier sprengen um zu erklären, wie es zu dieser
bizarren Faszination mit den gewalttätigen Superhelden-Comics gekommen
ist. Aber es hing alles damit zusammen, dass irgendwann keine Comics mehr verkauft wurden und man das System umstellte auf Direktverkauf. So wurden Comics
nur in bestimmten Läden verkauft, es gab keine Rückgabepolitik mehr
und es wurden nur genau so viele gedruckt wie verkauft wurden.
Wahrscheinlich haben wir vor zwei Jahren schon mal darüber gesprochen.
Vor vierzig Jahren mußte man 5 Millionen Comics drucken um 500.000 zu
verkaufen. Das lag am Vertriebssystem. Das war natürlich eine unglaubliche
Verschwendung von Papier und Geld. Aber so war halt der Vertriebsweg. Als die
Käufer dann Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger verschwanden wechselte
man also zum Direktverkauf, damit man nicht eine Unmenge Comics drucken mußte
um einen kleinen Teil davon zu verkaufen. Jetzt funktioniert das folgendermaßen:
Ein Verlag spricht also die Läden an: "In sechs Monaten werden wir einen
Comic raus bringen. Dieser Typ wird ihn schreiben, dieser Typ macht die Bleistiftzeichnungen
und dieser Typ tuscht. Wieviele wollt ihr davon haben?" Und dann bestellen die
Läden, 500 Stück oder 30 oder nur 6 oder wieviel auch immer. Wenn
dann 300.000 Bestellungen zusammen kommen drucken sie auch genau 300.000. Das
ist wie Geld drucken, kein Verlust. Und natürlich gibt es dann noch die
Leute, die fünf oder zehn Exemplare eines Comics kaufen. Die Mehrheit der
Käufer sind tatsächlich diese hirnlosen Investoren. Das ist so etwas
wie ein Kult-Hobby, so was wie Kaugummi-Karten, etwas total sinnloses. Das sind
alles nur Leute, die etwas kaufen, weil sie glauben, dass sie es mit Profit
weiter verkaufen können.
CRS: Gilt das auch für Ihre Comics bei Gladstone, Ihrem
amerikanischen Verleger?
Don Rosa
DR: Gladstone bewegt sich langsam aus dem Geschäft heraus.
Vor zehn Jahren als sie begannen ging es ihnen blendend. Wir waren alle überrascht
wie gut alles klappte. Es ging nur bergauf. Etwas ähnliches hatte es in
der amerikanischen Ökonomie in den Jahren davor nicht gegeben. Gladstone
veröffentlichte Comics von guter Qualität mit viel Respekt für
die Figuren und Interesse an den Zeichnern und Autoren und als Ergebnis gab
es ziemlich überraschende Wachstumsraten. Dann aber nahm Disney ihnen die
Lizenz weg um die Comics selbst herauszubringen. Das hat die Leser dermaßen
empört, dass Disney aufgab und die Lizenz wieder an Gladstone gab,
doch die Leser blieben weg. Ich habe mit vielen geredet und fast alle fühlten
sich betrogen. Wie in einem schlechten Liebesfilm sagten sie: "Ich will meine
Liebe nicht jemandem geben, der mich betrügen wird!" So fühlten sie
sich und Gladstone schaffte es nicht mehr, sie zurückzugewinnen. Und seitdem
schwindet auch der Kult der Sammler/Investoren und sogar dem Superheldenmarkt
geht es ziemlich schlecht: die Verkaufszahlen sind in den letzten fünf
Jahren um mehr als siebzig Prozent zurückgegangen und jeder fragt sich,
ob er in drei Monaten noch ein Geschäft hat oder nicht. Wie jeder andere
auch wurde Gladstone durch eine Anhebung der Gebühren der nationalen Vertriebe
sehr getroffen. Gladstone ist zwar noch im Geschäft, aber sie drucken jetzt
nur noch Alben für sieben Dollar, die an Sammler und Abonnenten gehen.
Genau wie vor fünfzehn Jahren gibt es seit Beginn des Jahres eigentlich
keine Disney-Comics mehr auf dem amerikanischen Markt, aber das fällt der
Allgemeinheit gar nicht auf, denn der Durchschnittsbürger weiß nicht
einmal, dass es so etwas wie Comics noch gibt, da man sie nur in spezialisierten
Läden finden kann. Anders als hier in Deutschland, wo man im Supermarkt
oder am Kiosk an der Ecke Comics kaufen kann. Also gibt es noch etwas, dass
sich verändert hat, nämlich dass sich Gladstone traurigerweise
auf einem absteigenden Ast befindet, einerseits wegen fehlender Käufer
und andererseits wegen der nicht vorhandenen Unterstützung durch den Disney-Konzern.

CRS: Wie wär's denn mit einer neuen Serie für Gladstone
zu starten? Keine Disney Geschichten, sondern was Neues, mit den Erfahrungen
von hier. Würde sowas Gladstone helfen?
DR: Ich würde sowas nicht versuchen. Den Verkauf von Comic
Bänder in de USA weiter zu verfolgen, meine ich. Ich sehe keinen Sinn in
einer solchen Aktion. Sie haben Glück, wenn sie noch ein Paar Jahren damit
überleben. So sehr ich die aktuellen Trends hasse -sie sind der Grund,
wieso ich vor 15 Jahren damit aufhörte, mir neue Comics anzuschauen - ohne
diese komische Denkweise (er meint die Sammler - Anm. der Red.) hätten
wir in den Vereinigten Staaten wohl überhaupt keine Comics mehr. Als ich
Comics sammelte, Anfang der Siebziger, erzählten uns die Verlage, dass
sie in fünf Jahren schließen müßten, weil es kaum Sammler
gäbe und das nationale Distributionssystem eindeutig nicht funktionieren
würde.
CRS: Haben Sie schon Mal überlegt, nach Europa umzuziehen,
wo Sie mehr Fans haben?
DR: Sie meinen, in Europa leben? Ich arbeite ja schon seit
neun Jahren für Europa. Ich arbeite nicht mehr für Amerika, ich arbeite
direkt für Europa
Ich würde nicht gern nach Europa umziehen, wegen den Steuern, die Sie haben.
Ich bin ein typischer Amerikaner: wir zahlen so wenig Steuern und jammern immer
noch. Wir zahlen nur einen Dollar pro Gallone Benzin und jammern trotzdem. Ich
mag die Kultur hier in Europa, aber ich habe zuviel Zeug zum Schleppen.
Ich würde gerne irgendwo leben, wo es keine Brennesseln gibt, aber ich
würde die Kolibris vermissen. (Don Rosa ist allergisch gegen Brennesseln
und litt während des Erlanger Salons erheblich darunter. Er mußte
sich die Hände bandagieren lassen - was ihn nicht daran hinderte, täglich
mehrere Stunden lang zu signieren und zu zeichnen - aks
)
Wie ich schon sagte mag ich die Kultur und die Vielfalt. Man sieht hier so viele
unterschiedliche Architektur und Leute und Landschaften und alles andere, aber
ich mag es, in Amerika zu leben. Solange ich auf dem Land leben kann, so weit
weg wie möglich von den anderen Amerikanern. Und die Steuern sind so hoch.
Außerdem möchte ich nicht die ganze Zeit berühmt sein. Es mach
einem nervlich fertig.
CRS: Kommen wir zu Onkel
Dagobert.
Worum geht's in der neuesten Geschichte?
DR: In der neuesten Geschichte geht es um den berühmtesten
verlorenen Schatz Nordamerikas, um "Die verloren Mine des Holländers".
Haben sie je davon gehört? Anscheinend nicht. Ich bin ein Amerikaner, der
Geschichten für Europa macht und ich muß diese Geschichten auf eine
amerikanische Art und Weise machen. Ich kann mir nicht ständig Sorgen darüber
machen, ob alles was ich schreibe für einen Europäer Sinn macht, denn
dann würde ich verrückt werden. Diese Mine ist also die berühmteste
Legende über einen verlorenen Schatz in Amerika und ich mache darüber
eine Geschichte und schaue, ob ich die Europäer dafür interessieren
kann. Wenn ich die Geschichte richtig erzähle, auch wenn ich mir alles
ausdenke, wird es sie interessieren.

Don RosaCRS:
Wie lange arbeiten Sie an einer Geschichte?
DR: Normalerweise brauche ich bei längeren Geschichten,
die meist zwischen 25 und 30 Seiten lang sind, einen Tag für eine halbe
Seite. Das beinhaltet die Recherche, das Schreiben, das Zeichnen und das Tuschen.
Bei einer Geschichte über 25 Seiten bedeutet das also 50 Arbeitstage, also
ca. 10 Wochen. Ich arbeite sehr langsam, da ich mir Zeit nehme für die
Recherche zu all den authentischen Details, auch wenn vermutlich 99% der Leser
glauben, dass ich mir alles ausdenke.
Dazu ein gutes Beispiel: Ich habe eine Geschichte gemacht über den berühmtesten
südamerikanischen Schatz "Eldorado". Den kennen Sie im Gegensatz zu der
Mine, oder? Aber das wundert mich nicht, denn die Legende über die Mine
des Holländers stammt aus den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts,
während die Legende von Eldorado für sehr viele Leute der Grund war,
nach Amerika zu kommen. In meiner Geschichte gab es Verbindungen zu einem alten
deutschen Bankhaus aus dem 15.Jahrhundert. Ich mußte Dagobert eine Metalltafel
finden lassen, die sich in einem Wrack auf dem Grunde des Ozeans befand, wo
sie ein Abgesandter der Bank zurück lassen mußte. Es sollte ein Text
auf der Tafel zu lesen sein, der Dagobert zu dem Schatz führen sollte,
aber der Text sollte nicht nur deutsch sein, sondern authentisches Deutsch aus
dem Mittelalter in Text und Schrift. Ich mußte mich also mit Experten
an einer deutschen Universität in Verbindung setzen. Ich beschrieb ihnen,
was ich brauchte und sie schickten mir einen Text mit einer Übersetzung.
Ich sagte, dass wäre ganz gut, aber ich bräuchte es doch noch
etwas anders. Und die dritte Version ist jetzt in dem Comic. Es ist schwierig
so etwas jedem Leser zu erklären. Vielleicht wirkt es albern so viel zusätzliche
Arbeit in einen Comic zu stecken, die der durchschnittliche Leser niemals bemerkt,
aber es gibt so viele frustrierende Dinge in meinem Job, dass ich mich
auf diese individuellen kleinen Freuden besonders freue. Und es ist interessant.

CRS: Aber in den deutschen Versionen gibt es Erklärungen
zu den Geschichten und zu der zusätzlichen Arbeit. Kann man dem Leser nicht
immer mehr Details geben?
DR: Sie dürfen nicht vergessen, dass diese deutschen
Alben nicht meine eigentliche Arbeit sind. Mein Job ist es, wöchentliche
Comichefte zu machen, in denen kein Platz ist für Text. Diese erscheinen
alleine bei Egmont
in fünf bis zehn Sprachen und das deutsche Album kommt erst ein paar Jahre
später und hat eine ganz andere Leserschaft. Für die deutschen Alben
schreibe ich Texte, in denen ich solche Dinge erkläre, aber ich kann das
leider nicht für jeden tun. Ich fände es schön, wenn meine Alben
auch in anderen Ländern veröffentlicht würden und wenn sie mir
dann auch noch Platz für Text gäben könnte ich den Leuten erklären
wieviel Arbeit in den Geschichten steckt. Dann könnte ich sagen: "Gut,
jetzt wissen sie es."

CRS: In der "Barks Library" gibt es zusätzliche Texte
wie zum Beispiel Briefe. Würde Sie so etwas auch interessieren?
DR: Mit solchen Briefen hatte ich so meine Probleme in den
letzten Jahren und das ärgert mich. Eigentlich benötigt man die Erlaubnis
von beiden Seiten um einen Brief zu veröffentlichen. Brief bedeuten eine
private Korrespondenz und ich glaube nicht, dass in allen Fällen immer
nach der Erlaubnis gefragt wurde, weder von Barks noch den Leuten die ihm geschrieben
haben. Ich mag das nicht. Briefe an die Redaktion sind dagegen etwas ganz anderes,
diese sind öffentlich, aber Briefe an oder von Barks sind sehr privat.
Ich habe Anfang der Siebziger Briefe an Carl Barks geschrieben und die möchte
ich nicht veröffentlicht sehen, die sind nur für Carl Barks. Nun muß
ich herausfinden, dass sie vielleicht irgendwo in einem Album auftauchen
und jemand das Zeug jedem zugänglich macht. Das ist sehr irritierend.

Zeichnung für Die CRS
CRS: Schalten Sie dann Ihren Anwalt ein?
DR: Nein, das nicht. Ich finde so etwas nur unverschämt,
verdammt unverschämt.
CRS: Zum Abschluß dieses Interviews möchten wir
Sie noch um ein paar "BERÜHMTE LETZTE WORTE" bitten. Einige der interviewten
Künstler sagten einfach: "Kauft meine Comics!"
DR: Das brauche ich nicht zu sagen, denn ob die Leute meine
Comics kaufen oder nicht macht für mich keinen Unterschied, denn ich bekomme
deshalb nicht mehr Geld, ich bekomme nämlich keine Tantiemen. Ob von meinen
Comics also nur einer verkauft wird oder eine Trillionen ist mir egal, der Scheck
bleibt der gleiche.
Was diese letzten Worte betrifft habe ich eine gute Idee: Nach dem, was ich
bei dieser Messe mitbekommen habe, vor allem wenn ich es mit der Situation vor
ein paar Jahren vergleiche, muß ich den Europäern folgendes sagen:
"Denkt selber! Kauft nicht die amerikanischen Superhelden-Comics! Kauft
das, von dem ihr wißt, dass es besser ist! Laßt euch nicht
von Magazinen und Preiskatalogen sagen, was heiß ist. Kauft die guten
Sachen!"

CRS: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview wurde geführt von mg, Bilder von aks, Übersetzung von svl.
Das Interview fand statt am 13.Juni 1998 im Rahmen des 8.
Internationalen Comic-Salons in Erlangen

Wir bedanken uns beim Ehapa-Verlag
für die Interview-Möglichkeit.


 
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