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geschrieben von StefanS am Samstag, 06. Oktober 2018 (203 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

Weniger ausufernd, aber genau so gelungen wie Babylon Berlin



Der Nasse Fisch - Babylon Berlin Der Wahlberliner Arne Jysch, geboren 1973, hat ein Faible für das Medium Film und verdiente sein Geld auch zuerst mit anderen Jobs als mit Comics. Nach seinem Debüt „Wave and smile“, über den Bundeswehr- Einsatz in Afghanistan, widmet sich der Autor und Zeichner nun einer Adaption des Romans „Der nasse Fisch“ vom 1962 geborenen und in Köln lebenden Volker Kutsche. Im Interview, Teil des Bonusmaterials der Neuauflage dieses Comics, erzählt Jysch, wie ambivalent es für ihn war, als er erfuhr, das dieser Stoff nun als „Babylon Berlin“ zum Fernsehereignis des Jahres 2018 werden würde, befürchtete er doch, dass sein Werk als Comic zur TV-Serie gedeutet werden könnte, dabei entstand der Comic vor der ARD- und Sky-Koproduktion, die zu einer der teuersten deutschen Serien bislang ausuferte.

Wer die achtteilige TV-Serie genießen will, sollte erst danach oder vorab den Comic lesen, denn im Kern wird durchaus die selbe Geschichte erzählt. Gleichzeitig lohnt sich der Comic auch für Zuschauer, die bereits das Buch oder die Fernsehserie kennen, denn Jysch hat genug eigene Ideen einbringen können und interpretiert den Stoff auf seine Weise und das erfreulich kurz und knackig und nicht gar so langatmig wie die Mattscheibenfassung.



Kommissar Gereon Rath wechselt von Köln zur Sittenpolizei nach Berlin. Eigentlich möchte er lieber Karriere in der Mordkommission machen, aber zuerst gilt es sich hochzuarbeiten. Ein rätselhafter Mord mit einem Toten im Landwehrkanal wird zum Ausgangspunkt eines Falls, indem russische Mächte, ein Kokainbaron, Nationalsozialisten und vom Ersten Weltkrieg geprägte Kameraden beteiligt sind.



Der Nasse Fisch - Babylon Berlin



Die Stimmung von TV-Serie und Comic sind teils ähnlich, aber in ganz grundlegenden Dingen völlig unterschiedlich, dazu trägt die fehlende Kolorierung bedeutend bei. Was in der ARD so frisch und hip wirkt wie das heutige Berlin ist bei Jysch viel distanzierter, weiter weg und wird erfreulich unaufgeregt erzählt, alles Reißerische fehlt und das tut der Geschichte gut. Eine Ausnahme bildet das Finale, indem ein einzelner SA-Mann auf diverse andere Figuren trifft, geradeso als müsse unbedingt alles in dieses Buch gequetscht werden, was in den 1920er vorkam. Ähnlich verhält es sich auch mit Elementen wie Heroin, Kokain und anderem, das hat was von: hey, schaut her, die Zwanziger waren total nah an unserer heutigen Zeit, das wirkt wie ein übereifriger Geschichtslehrer, der den Blick seiner Schüler vom Smartphone in Richtung Tafel lenken will und doch nur dafür belächelt wird.



Der Nasse Fisch - Babylon Berlin



Der Comic ist stark textlastig, es ist eine Wohltat, wenn zwischendurch endlich mal Action gezeigt wird. Hier wäre es schön gewesen, wenn mehr Text in Bilder umgesetzt worden wäre. Zeichnerisch ist Jyschs Arbeit eine Wonne, aber es bleiben weit weniger starke Bilder hängen als in „Babylon Berlin“, was durchaus an der fehlenden Farbe liegt. Im Grunde genommen ist die Story recht trivial. Über die Verlockungen des Nationalsozialismus, gerade für im Grunde nicht schlechte Menschen, lernt man in „Des Teufels General“ sehr viel mehr, über die politischen Unruhen der Weimarer Republik hat „Hitler – Aufstieg des Bösen“ mehr zu berichten. Einen Klassiker wie Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ gar, kann „Der nasse Fisch“ nicht das Wasser reichen. Aber als reiner Unterhaltungsstoff funktioniert das Werk. Der Comic ist spannend, lässt sich vortrefflich erwachsenen Lesern empfehlen, die sonst gar nichts mit der Neunten Kunst am Hut haben und beweist, dass Deutschlands Kino mit Hollywood gleichziehen kann und deutsche Comics längst viel öfter auf internationalem Niveau als machen klar ist. Fortsetzung folgt? Gerne! Jysch hat bereits begonnen den zweiten Roman zu bearbeiten. Bis dahin lässt sich die Zeit mit der App verkürzen, in der man selbst Kommissar spielen darf.



Wertung: 82 %

Der nasse Fisch - Erweiterte Neuausgabe
Genre: Krimi
Text: Volker Kutscher
Zeichnungen: Arne Jysch
Extras: Interview mit Arne Jysch, Skizzen, Leseempfehlung
224 Seiten, Hardcover, s/w
2018 Carlsen, 20 Euro



Der Nasse Fisch - Babylon Berlin


LESEPROBE DER NASSE FISCH


(c)opyrioght der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung: Carlsen Verlag Gmbh, Hamburg 2018
 
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