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Felix Pestemer & Stepan Ueding im Gespräch :: Comic Radio Show :: Comics erfrischend subjektiv, seit 1992!  
18.09.2021, 20:53 Uhr
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geschrieben von StefanS am Sonntag, 02. März 2014 (2973 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

“Dieses Hinterherrennen macht einen auf Dauer krank. Dann lieber Liebhaberei als Wirtschaftlichkeit.“


Von Stefan Svik
Interview Felix Pestemer & Stepan UedingAnlässlich der Ausstellung Streich auf Streich 150 Jahre Max und Moritz gab es am Sonntag, den 16.2.2014 ein Museumsfest im Deutschen Karikaturenmuseum. Neben Aktionen für Kinder (Luftballontiere & Mal-Tische) und Führungen mit Kurator Martin Jurgeit gab es auch ein Live-Zeichnen, mit den Wahl-Berlinern Felix Pestemer und Stepan Ueding, die sich der Frage stellten: Wie würde die Geschichte von Buschs frechen Buben wohl heute weitergehen?

Stepan Ueding wurde am 15. August 1967 in Münster und Felix Pestemer am 31. Dezember 1974 in Braunschweig geboren. Ich traf die beiden Künstler nach ihrer zweiten von drei, je gut einstündigen, öffentlichen Zeichungssitzungen, zum Gespräch für die ComicRadioShow. Auf Comicgate findet sich ein Bericht über die Ausstellungseröffnung und bald gibt es auf beiden Seiten weiteres zum Thema zu lesen.

Interview Felix Pestemer & Stepan Uedingvon links: Felix Pestemer & Stepan Ueding
Stepan wirkte auf mich zurückhaltend. Seine Cartoon-Figuren erinnerten mich etwas an MAD-Magazine-Legende Sergio Aragonés. Felix strahlte jederzeit eine große Ruhe und Gelassenheit aus, ermutigte Kinder selbst, auf seiner Unterlage zu zeichnen, was diese dann auch gerne taten – dabei aber eher wilde Kreise anfertigten. Gelacht haben beide, Stepan und Felix, viel. Trotz ab und an platzender Ballons und einem stark besuchten Museum, ließen sie sich nicht vom Zeichnen ablenken. So wuchsen die voll gezeichnete Papierrollen der beiden immer mehr in den Raum hinein – wobei Felix dank deutlich größerer Bilder wesentlich mehr Platz verbrauchte als Stepans kleinere Zeichnungen. Dank der freundlichen Unterstützung des Museums konnten wir uns in Ruhe zum Gespräch treffen und vor der dritten und letzten Zeichensitzung des Tages kurz innehalten und den Tag bis dahin Revue passieren lassen.

ComicRadioShow: Lieber Felix, Lieber Stepan. Die ersten beiden Runden Live-Zeichnen liegen hinter euch. Hattet Ihr schon Gelegenheit die Ausstellung zu besichtigen?
Felix Pestemer: Nee, leider noch gar nicht.

Stepan Ueding: Das werden wir aber noch machen.

Das erste Live-Zeichnen fand in Berlin statt?

Felix: Genau.

Stepan: Das war im Rahmen der Dramalight-Gruppe. Wir waren, ich glaube, acht Leute. Da haben wir uns dann ins Maxim-Gorki Theater hingestellt.

Auch mit der Vorgabe Wilhelm Busch-Motive zu zeichnen?

Felix: Nee. Es ging allgemein um Comics. Das war bei den Comic-Theater-Tagen 2011.

Und das ganze ist eine Art Poetry-Slam, nur eben mit Zeichnungen? Oder ist das ein unpassender Vergleich? Die Zuschauer rufen Euch etwas zu und ihr zeichnet das dann spontan – so etwas in dieser Richtung?

Felix: Das war mehr so eine Art Sit-in. Dort konnte man dann gucken, was jeder gerade so gezeichnet hatte. Dabei hatten wir allerdings noch viel mehr Umsatz – der Raum war so voll mit bezeichnetem Papier, dass man ihn kaum noch betreten konnte. Das war eigentlich auch ganz schön. Heute haben wir bisher so fünf, sechs Meter gemacht.

Stepan: Bei mir waren es kleinere Zeichnungen und somit etwas weniger.

Felix, Du hast das Comic-Manifest mit unterzeichnet. Du auch, Stepan?

Stepan: Nein.

Felix (mit gespielter Empörung): Waaas?

Ich hatte Ulli Lust interviewt und dabei ganz vergessen sie zu fragen, ob sie die Initiatorin oder eine von mehreren Unterzeichnern war. Hat sich aus der Aktion noch etwas ergeben, Felix?

Felix: Bisher lässt sich das noch nicht genau sagen. Die Comic-Stiftung war ja inzwischen auch in Angoulême. Ich bin mit beiden Vorsitzenden befreundet. Jens Meinrenken ist der erste Vorsitzende und Stefan Neuhaus ist der zweite und zugleich auch BDK-Vorsitzender. Die beiden haben das Ganze erst ins Leben gerufen. Was sich jetzt aus der Unterzeichnung ergibt, weiss ich nicht, aber vielleicht können die eines Tages mal Stipendien vergeben und einen Comic-Preis ausloben und so. Es gab da ja leider auch etwas Uneinigkeit, ob das ein guter Schritt ist. Das konnte ich nicht so richtig nachvollziehen.

Hast Du den Eindruck, dass das Manifest die Szene ein wenig spaltet? Etwa zwischen Manga-Zeichnern und den „Graphic Novel“-Machern, die eventuell den Eindruck vermitteln, als seien sie etwas besseres? So mag es jedenfalls teilweise rüber gekommen sein, denke ich.

Felix: (nachdenklich) Ach so.

Ist das so?

Felix: Na, da bin ich glücklicherweise nicht genug in der Szene integriert oder nicht so sehr dahinter her. Ich bin da auch nicht so der Networker. Ich kenne seit einigen Jahren natürlich schon einige Leute, aber eben vor allem durch „Der Staub der Ahnen“. Das ist ja bislang mein einziges Werk - Graphic Novel! Ich kann nur sagen: Leute, die so eine Arbeit machen, können definitiv Unterstützung gebrauchen.

Interview Felix Pestemer & Stepan Ueding

Und an Dir ging das Thema Comic-Manifest ganz vorbei, Stepan?

Stepan: Ein bisschen ja. Ich bin ja mehr freier Zeichner und mache Animationen und freie Zeichnungen.

Von Dir ist bisher ein Buch erschienen, das es bislang nur in Frankreich gibt. Wie ist der Titel?

Stepan: „Das Meerweib“. La Sirène.

Von wann ist es?

Stepan: Ach, das ist schon ganz alt. Von 2009, glaub ich.

Felix, mit Dir hatte ich 2012 ein Interview (auf Comicgate.de), in dem wir viel über Dein Comic-Debüt „Der Staub der Ahnen“ sprachen. Woran arbeitest Du aktuell?

An „Hertha Hindenburg“. Der Untertitel lautet: „Too big to fail“. Das war übrigens einst eines unserer Dramen, als wir die Gruppe Dramalight ins Leben gerufen haben, unter deren Namen wir heute hier auftreten. Dramalight wollte bekannte Werke der Literatur zu Anarcho-Comics adaptieren. Stepan hatte sich Kleists „Hermannschlacht“ vorgenommen, bei der sein Hermann die ganze Zeit nackig durch die Gegend rennt. Ich wollte damals eine Adaption von Rabelais´ „Gargantua“ machen. Aber das hat sich dann verselbständigt. Irgendwann hieß Gargantua halt Hertha Hindenburg. Rabelais ist dann doch für heutige Verhältnisse zu wenig...(überlegt)...Storytelling. Das sind eigentlich immer nur so groteske Episoden. Das zu einer richtigen Geschichte zu stricken? Dafür war es zu Parabelhaft. Jetzt arbeite ich mit einem befreundeten Autor zusammen. Aktuell ist das Storyboard gut 130 Seiten lang. Davon habe ich 70 fertig gezeichnet.

Und das Werk wird Avant-Verlag erscheinen?

Felix: Ja.

Interview Felix Pestemer & Stepan UedingBusch vs Zombies – Trend erkannt, und markant in Zeichnung gebannt

Seid ihr beide, Felix und Stepan, dieses Jahr in Erlangen beim Comic-Salon?

Felix: Ja, ich denke schon.

Stepan: Ich würde gerne dort sein dieses Jahr.

Zeigst du da was von deinem neuen Comic, Felix?

Ich hatte schon mal Sachen daraus mit. Ich frickele ja schon seit Jahren daran herum. Und dann denkt man immer: so weit ist es gar nicht mehr, bis es fertig ist.

(Felix wendet sich an Stepan): Das wollte ich Dir noch sagen. Ich könnte mir vorstellen mit dir „Boobman“, meine Superhelden-Story in Buchform zu machen. Das ist Storyboardmäßig schon durchgeplant und ich kann mir eigentlich keinen besseren Illustrator dafür vorstellen. Das wäre dann etwas unkonventionell. Erster Teil illustrierte Kurzgeschichte. Zweiter Teil Comic. Na ja, bewege es in deinem Herzen (beide lachen).

Felix, Du wirst 2014 in Mexiko zugegen sein, wenn deine Bilder aus „Der Staub der Ahnen“ ausgestellt werden?

Felix: Ja.

Wann wird das sein?

Felix: Im Oktober. Das ist jetzt wirklich der Abschluss für „Der Staub der Ahnen“. Ein bisschen hängt es mir inzwischen auch zum Hals raus (lacht). Also nicht so wirklich, aber ich habe Momente, in denen ich denke: Jetzt musst du dich konzentrieren, weil ich bestimmte Sätze schon tausendmal gesagt habe. Aber das das jetzt mit dem „Museum für Volkskunst“ geklappt hat, ist schon sehr schön. Wir hatten 2012 auf der „Buchlust“ schon darüber gesprochen. Da stand das bereits im Raum. Inzwischen ist es finanziert. Am 25. Oktober 2014 wird die Ausstellung im Museo de Arte Popular eröffnet.

Und du bist selbst vor Ort?

Felix: Ich bin dann knapp zwei Wochen in Mexiko. Ende Oktober und Anfang November, um auch den „Tag der Toten“ mitzunehmen. Die Ausstellung geht bis Ende Februar 2015.

„Der Staub der Ahnen“ ist inzwischen in mehreren Ländern erschienen?

Felix: Ja, ja. Bei Ediciones La Cúpula S.L.
in Barcelona. Und auch in Frankreich bei Actes Sud Editions.


Stepan (ruhig): In Paris lag es überall herum.

Felix: (aufgeregt) Echt?

Stepan (noch ruhiger) Ja.

Felix: Na, wenn es nur herumliegt, bringt es ja nichts (lacht).

Stepan: Ja, aber immerhin.

Felix: Stimmt.

Interview Felix Pestemer & Stepan UedingUnermüdliches, stundenlanges Zeichnen – Felix und Stepan schonten sich wirklich nicht

Du hast einige Monate in Mexiko gelebt und gearbeitet. War da Wilhelm Busch auch ein Thema oder generell die Frage, welche Deutschen, welche deutschen Comic-Künstler etwa, man in Mexiko kennt?

Felix: Ach so. Da habe ich keine Ahnung. Das stand auch nie so im Vordergrund. (Überlegt). Ich war ja nicht primär als Comiczeichner dort. Vor allem nicht damals. Da wusste ich ja noch gar nicht, was daraus wird, aus diesem Vorhaben.

Wann habt ihr beide angefangen zu zeichnen?

Stepan: Immer schon.

Felix: Yup. Kann ich unterstreichen.

Also als Säugling? (Wir lachen)

Stepan: Sobald ich einen Stift halten konnte, fing ich an zu kritzeln.

Wann war das?

Stepan: Wann wird das gewesen sein? So mit vier, fünf Jahren. Keine Ahnung (lacht).

Und dann immer dran geblieben?

Stepan: Ja.

Da war euch dann schon früh euer Talent bewusst und der Wunsch vorhanden, daraus einen Beruf zu machen? Oder habt ihr es einfach unbewusst gemacht, weil es Spaß gemacht hat?

Felix: Ja, auf jeden Fall.

Stepan: Unbewusst drangeblieben aus Spaß, würde ich sagen. Aber ich habe schon relativ früh, so mit 13, einen Brief an den Carlsen-Verlag geschrieben und gefragt: 'Wie wird man Comiczeichner?' Darauf haben sie mir dann auch sehr lieb geantwortet, muss ich sagen.

Felix: Das ist ja süß.

Stepan: Sie antworteten dann: Da brauchst du viel Durchhaltevermögen. Und du musst zur Schule gehen. (Lacht). Ja, da war ich ganz angetan von.

Felix: Das ist ja bei dir was ganz anderes. Bei mir war es erst so mit Mitte 30, aus Versehen, sozusagen. Denn ich komme ja aus der Bildenden Kunst. Und in meinem Kunststudium habe ich explizit nicht mehr gezeichnet. Obwohl ich vorher, für meine Bewerbungsmappe etwa, immer ultra viel gezeichnet hatte. Das Zeichnen war mein Steckenpferd schlechthin. Aber irgendwie war mir das dann zu naheliegend. Ich musste dann erst mal...

Stepan (unterbricht): Ich habe ja dann auch zwischendurch mal alles aus dem Fenster geworfen und dann wieder was anderes gemacht. Ich war dann beim Theater und solche Geschichten.

Während des Zeichnens waren immer Kinder zu deinen Füßen am Zeichnen. Waren das deine Kinder, Felix?

Felix: Nee. Die sind nicht mit dabei.

Interview Felix Pestemer & Stepan UedingZwischendurch gabs Lob und Anerkennung aus dem Publikum für die beiden Wahl-Berliner
Es gibt ein Comic-Stipendium von Egmont (http://comic-stipendium.de/) und das Museum bewirbt einen Zeichenwettbewerb ab der fünften Schulklasse. Nun war mein Eindruck, dass bei eurem ersten Live-Zeichnen mehr Kinder der Ballon-Biegerin zugesehen haben als euch. Zwischendurch knallte dann auch immer mal ein Ballon. Bei der zweiten Runde waren die Ballons weg und viel mehr Kinder und Erwachsene beachteten eure Arbeit und verweilten.

Felix: Ich hab mich gar nicht umgedreht, fällt mir auf.

Stepan: Ich auch nicht.

Ihr habt die Umgebung gar nicht wahrgenommen, das Ballonknallen? Ihr ward ganz konzentriert drin in eurer Arbeit?

Stepan: Beim ersten Mal total.

Beim zweiten Mal hattet ihr euch an die Situation gewöhnt und ward gelockerter?

Stepan: Ja.

Felix: Ich fand jetzt nicht so sehr, dass es eine Konkurrenzsituation war. Bei uns muss man auch gar nicht die ganze Zeit zugucken. Einfach mal einige Minuten später wieder vorbei kommen und sehen: 'Ach, so ist es also weitergegangen'.

2013 habe ich ein Live-Zeichnen von Simpsons-Zeichner Bill Morrison auf der Frankfurter Buchmesse miterlebt. Er wies die Zuschauer extra darauf hin, dass ein Profizeichner ganz anders arbeitet, als locker aus der Hand und ohne Absetzen zu zeichnen. Ein Profi arbeitet mit Hilfslinien, die dann später weg radiert werden, damit die Ergebnisse exakter werden. Pädagogisch also nicht wertvoll so ein Live-Zeichnen? Ist es völlig anders als das Zeichnen, das ihr alleine betreibt?

Stepan: Das ist grundsätzlich anders!

Felix: Aber bei dir ein bisschen mehr, vom Stil her, als bei mir, würde ich sagen. Weil du eher der Lockere und ich eher der „Verkrampfte“ bin. (schmunzelt).

Nee. Aber dieses Manische, dieses Herumgefrickel mit tausend Details, das ist ja mehr so meines.

Stepan: Mit so einem Publikumssaal im Nacken – das kenne ich so nicht. Sonst bin ich völlig allein, in der Kammer.

Felix: Das ist schon ein ganz schöner Druck. Harte Arbeit!

Frau Riedhammer, die Tochter von Manfred Schmidt, sagte mir, dass sich ihr Vater zum Zeichnen einschloss. Das hört man von vielen Zeichnern. Könntet ihr auch so arbeiten wie hier heute, überspitzt formuliert: wenn nebenbei die Müllabfuhr kommt, das Telefon und die Tür gleichzeitig klingelt und immer irgendwer was will?

Stepan: Wenn man erst mal reinkommt... Also grundsätzlich ist das heute eine gute Übung. Heute morgen hieß es dann für mich: 'So, jetzt Schluss. Nun muss ich mich konzentrieren, damit mir das nicht ganz und gar entgleitet' (lacht). Damit es nicht für die Tonne ist. Das war schon toll. Wenn ich das zu Hause immer schaffen würde, das wäre schon gar nicht schlecht.

Felix: Ich habe gerade Elternzeit. Wenn ich nur eine Stunde Zeit habe, dann nutze ich das zwar, aber es ist natürlich ein schaler Abglanz von den „Night-Sessions“, die ich dann mache. Auch wenn man dann eigentlich manchmal pennen müsste (lacht kurz auf). Aber das wäre dann zu frustrierend, wenn man sonst zu nichts mehr kommt. Das geht dann immer so bis drei Uhr morgens und tagsüber muss ich wieder Papa sein.

Von der Ausstellung von Manfred Schmidt, 2013 hier im Museum, habe ich im Hinterkopf, dass er gerne sagte, dass er nur gerade so viel zeichnet, wie er auch veröffentlichen konnte – ob das so wahr ist, ist unbekannt. Zeichnet ihr viel für die Schublade oder sehr gezielt?

Felix: Na ja, bei Schmidt erschien alles zuerst in Zeitungen. Und erst später, wenn einiges zusammengekommen war, wurde es als Buch publiziert.

Interview Felix Pestemer & Stepan Ueding Es wurde viel gelacht, besonders Felix strahlte eine große Gelassenheit aus und schmunzelte viel

Im Gespräch mit Ulli Lust (für Comicgate) war zu erfahren, dass Ulli die kommenden zehn Jahre für die Arbeit an ihren nächsten beiden Comics verplant hat. Heute habt ihr in zwei Stunden schon, übertrieben gesagt, einen halben Comic fertiggestellt. Aber dieser Vergleich hinkt sicherlich gewaltig. Diese Show im Museum hat wenig mit dem Arbeitsalltag zu tun, oder? Warum braucht es Jahre bis zum fertigen Comic? Arbeitet Ihr auf Halde?

Stepan: Endlos, ja klar. Bei mir kippt immer was um, so bald ich mich bewege.

Zeichnet ihr jeden Tag?

Felix: Geht ja nicht, wir haben auch noch andere Jobs. Ich mache auch viel Lehre. Aber ich versuche mir gerade noch herauszunehmen Liebhaberei zu betreiben. Es ist gar nicht sinnvoll, wie viel Arbeit ich mir noch aufbürde. Aber irgendwie ist das total mein Bedürfnis. Weil es das ist, was mich am Zeichnen erfüllt. Da gehe ich voll drauf ab und stecke viel Arbeit und Liebe hinein. Aber das ist echt sehr unökonomisch (lacht).

Felix, du bist weder bei Facebook noch bei Twitter. Sind „soziale Netzwerke“ für dich uninteressant?

Felix: Ich bin passiv bei Facebook, das macht ein Kumpel von mir. Er stellt die Sachen rein. (Pause). Aber ich... hab keine Freunde bei Facebook (lacht, Stepan fängt an mitzulachen). Ich werbe – kann mir dafür einer einen Daumen geben oder nicht? Vom Networking her ist das natürlich unter aller Kanone. Da könnte man ganz andere Kreise ziehen, wenn man sich da ein wenig einbringen würde. (Leise): Hmpf. Ich weiss nicht. Mag ich nicht, dieses: Alles nach außen kehren.

In den RTL-Prominachrichten („RTL Exclusiv – Das Starmagazin“) war diese Tage zu erfahren: wer in den USA wirklich wichtig ist, macht sich rar und gibt kaum Interviews. Wer hingegen vor jeder Kamera plappert ist eben gerade nicht besonders wichtig. Ist das bei deutschen Zeichnern auch so? Melanie Schober, die seit 10 Jahren Mangas zeichnet, sagte mir im Interview (für CRS), dass man immer präsent sein muss, um nicht ganz schnell wieder vergessen zu werden. Melanie kommuniziert regelmäßig. Ihr beide teilt euch weniger mit. Letztlich geht beides, oder?

Stepan: (überlegt). Ich glaube man muss schon ziemlich viel Lärm machen, wenn man beachtet werden will. Und eben auch viel produzieren. Beides.

Felix: Aber man muss auch selbst damit glücklich sein. Dieses Hinterherrennen macht einen auf Dauer krank. Dann lieber Liebhaberei als Wirtschaftlichkeit.

Wurdest du auch für die Graphic Novels 2013 von Suhrkamp angefragt?

Felix: Nee. Dafür bin ich noch nicht etabliert genug. Ich bin gespannt, ob Suhrkamp das fortsetzt. Hast du dazu Verkaufszahlen?

Nein. Ich weiss nur, dass bei Ulli Lusts Flughunden die Farben der Printausgabe, bei der Erstauflage zumindest, nicht so aussehen, wie ursprünglich geplant – da zeigte sich, dass für Suhrkamp Comics noch Neuland sind.

Bei Ullis Lesung wurde aber auch thematisiert, dass Graphic Novels eher im Feuilleton, etwa in der FAZ, „stattfinden“ und eher in Buchhandlungen verkauft werden als in Comicshops. Du bist heute im Museum und sonst wohl eher nicht zu Signierterminen im Comicladen, oder?


Felix: Ja, doch. Aber die Veröffentlichung von „Der Staub der Ahnen“ liegt jetzt einfach schon zu weit zurück. Das gilt auch für die Ausstellungen. 2012 waren es super viele, gut sieben Stück, mit allen oder einer Auswahl der Originalseiten. 2013 waren es dann noch mal zwei. Und 2014 eine in Mexiko Stadt. Dann ist es auch erst mal gegessen, denke ich. Kann sein, dass es später mal wieder auftaucht. Das ist schon sehr der Aktualität unterworfen.

Dein Comicdebüt handelt vom Tod, ein in unserem Kulturkreis meist eher ernstes, tabuisiertes Thema. Heute beim Live-Zeichnen habt ihr viel gelacht und viele humorvolle Elemente in eure Geschichte eingebracht. Könntest du dir ein sehr auf den Mainstream ausgerichtetes Werk von dir vorstellen? Etwas leichteres, was vielleicht eher im Comicshop verkauft werden kann? Oder denkst du über so etwas, also über die Zielgruppe, gar nicht nach?

Felix: Doch. Aktuell arbeite ich ja mit „Hertha Hindenburg“ an einer bösen, witzigen Groteske. Das ist ja was ganz anderes, wenn auch nicht gerade Mainstream-tauglich. Da hocke ich dann mit dem Autor Robin Jahnke zusammen und wir gehen voll ab: 'Dann passiert das, und dann das. Au ja, voll krass!'. Also: was ganz anderes.

Beim Live Zeichnen hättet ihr auch Flip-Charts verwenden können, damit man nicht darauf herum tritt. Warum das Endlospapier von der Rolle? Felix, du hast die Kinder auch immer ermutigt: 'Kommt ruhig her und zeichnet selbst auf unserer Vorlage'. Das gehörte also zum Konzept und war euch so recht?

Stepan: Ja. Das war halt Zufall und eine Notlösung. Übernommen vom Maxim-Gorki-Theater. Da wollten wir ursprünglich auf so einem modernen schicken Overheadprojektor zeichnen. Der ist dann ausgefallen. Also haben wir eben diese Rollen aufgestellt. Die machten dann aber viel Spaß!

Der Projektor war so wie ein elektronisches Zeichenbrett?

Stepan: Nee. Das war ein tolles Gerät. Man legte ein Stück echtes Papier darauf und dann wurde es ganz klar projiziert, selbst bei Tageslicht. Ein super Gerät, das dann leider den Geist aufgegeben hat.

Felix: Aber mit einem Flip-Chart hätte es auch nicht geklappt. Der Charme an der Sache war, dass man die Geschichte auch nachvollziehen kann. Wenn man dann umblättert, reißt irgendwann der Faden ab, für Leute die nicht permanent zugucken. Den können sie dann irgendwann nicht mehr aufnehmen.

Stepan: Wir fanden die Rollen einfach gut. Das ist etwas, das man sonst nirgendwo machen kann. Jedenfalls nicht so leicht. Das ist eine schöne Sache!

Felix, Du sagtest 2012, dass du am liebsten mit Bleistift zeichnest. Ist es heute mit einem Edding schwieriger? Bist du damit weniger kreativ als mit Bleistift?

Felix: Nee, wahrscheinlich sogar kreativer. Denn es ist unmittelbarer. Man muss das Bild vorm inneren Augen visualisieren und dann aufs Blatt werfen. Das haut womöglich nicht immer richtig hin, aber das ist ja auch ganz gut. Für mich ist das eine super Übung. Weil ich so ein manischer Frickler, so perfektionistisch, bin.

Das Konzept Max und Moritz 2014 fortzusetzen wurde gemeinsam mit dem Wilhelm Busch-Museum erarbeitet? Gab es Vorgaben?

Stepan: Wir wurden dazu eingeladen und es sollte etwas mit Max und Moritz zu tun haben, im weitesten Sinne. So habe ich das verstanden. Und deshalb ging ich beim Bild und Text vom letzten „Max und Moritz“-Bild aus. Das war der Ausgang, der dann zum Neuanfang wurde.

Vom heutigen Tage mal abgesehen, hat Wilhelm Busch euch beeinflusst? Habt ihr seine Bücher als Kinder gelesen? Und arbeitet ihr heute bewusst in seiner Tradition?

Stepan: Manchmal ja. Ich habe letztens Illustrationen erstellt, die sehen ein wenig nach Wilhelm Busch aus.

Felix: Gelesen habe ich ihn natürlich. Na selbstverständlich! Und das seit Kindertagen. Man könnte also sagen: Das war mein erster Comic. Inwiefern er mich beeinflusst hat, kann ich so ad hoc nicht sagen.

Gibt es für eure Generation Zeichner, egal ob deutsche oder internationale, die für euch die „Wilhelm Buschs von heute“ sind und die euch sogar noch mehr beeinflusst haben als Busch? Wer sind eure persönlichen Vorbilder?

Stepan: Eine Zeit lang, hat mich beispielsweise Ralph Steadman sehr beeinflusst. Da dachte ich: 'Was soll immer dieses Getue? Da kritzele ich doch einfach drauflos! Egal, ob jetzt die Hände irgendwie richtig aussehen oder nicht'. Und das war dann ziemlich befreiend.

Und du, Felix, kommst ja gar nicht so sehr von den Comics?

Felix: Ja, genau. Das hatte ich dir ja 2012 auf der Buchlust gesagt. Aber bei „Hertha Hindenburg“ war es schon so, dass ich Winshluss´ „Pinocchio“ im Hinterkopf hatte. Auf dieses bitterböse, sehr witzige Erzählen hatte ich richtig Bock.

Stepan: Das ist auch ein tolles Buch.

Verkaufst du Originalseiten?

Felix: Ja, aber weniger aus dem Comicbereich, weil ich die zusammenhalten möchte. Bei „Der Staub der Ahnen“ würde ich es nicht übers Herz bringen, die drei schönsten Seiten wegzugeben. Dann wäre es ja nicht mehr komplett. Ich könnte mir eher vorstellen das gesamte Werk weiterzugeben.

Hat jemand aus Mexiko angefragt, ob er Bilder von dir kaufen kann?

Felix: Nein. Ich nenne die Bilder, die ich extra zeichne „Kalenderblätter“, darunter ist eine zweistellige Zahl mit mexikanischen Motiven und darunter sind auch welche, die ich verkaufe. (Homepage von Felix Pestemer: www.puttbill.com/de/home.html)

Nun war das ein symbolträchtiges Bild vorhin: Jeder durfte mit zeichnen. Kunst fürs Volk. Aber auch: Ihr steht auf Comics. Oder: Auf eurer Kunst wird herum getrampelt. Ist der deutsche Umgang mit Comics zu verkrampft? Wird eure Arbeit zu wenig wertgeschätzt und quasi darauf, überspitzt formuliert, „herumgetrampelt“?

Stepan: Na ja, das waren jetzt Kinder, glaube ich.

Felix: Das war doch auch schön! Wir haben ihnen ja auch die Stifte gegeben, damit sie mitmachen. Wir standen ja selbst auch auf unseren Zeichnungen, das haben sie ja gesehen.

Es war aber nicht als Botschaft, als Aussage geplant, sondern hat sich so ergeben?

Stepan: Das hat sich so ergeben. Das soll jetzt nicht heißen: 'Das ist Klopapier'.

Felix: Es war klar, dass das so passiert, wenn man ein paar Meter gezeichnet hat. Mal sehen wie es gleich aussieht, wenn wir weitermachen. Vielleicht liegen dann überall die Fetzen herum (beide lachen).

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Günter Grass gefiele, wenn auf seinen Bildern herum getrampelt werden würde.

Stepan: Die sind ja auch klein, da kann man nicht drauf herum treten. Na ja, wenn ich einen Nobelpreis hätte, würde ich sicher auch nicht wollen, das jemand auf meinen Werken herum trampelt (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch!

(c) der Fotos: Stefan Svik
 
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