Bericht zur Lesung von Ulli Lust in Hannover im Herbst 2013 :: Comic Radio Show :: Comics erfrischend subjektiv, seit 1992!  
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geschrieben von StefanS am Dienstag, 12. November 2013 (1873 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

Eigentlich ging es um Ulli Lusts neue Graphic Novel Flughunde


Bericht zur Lesung von Ulli Lust in Hannover im Herbst 2013
Ulli Lust stellte ihren Comic Flughunde vor
Nach dem kontrovers diskutierten Comic-Manifest, bei dem Ulli Lust eine der Mitunterzeichnerinnen war, fällt es vielen Comic-Interessierten möglicherweise schwer dieses Thema ganz auszublenden, wenn es um aktuelle, deutsche Graphic Novels geht. Mit „Flughunde“ stellte Lust ihr Debüt bei Suhrkamp vor und wollte danach noch das Vorgängerwerk „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ (Avant-Verlag) präsentieren. Aber es kam anders, denn das Leben ist kein Ponyhof und der Literaturbetrieb ist kein Comic-Festival.

Vorurteile. Standesdünkel. U(nterhaltung) versus E(rnsthafte Kunst). Das ist doch alles längst überholt, oder? Ein ernsthafter Künstler lebt mittellos in einer kleinen Dachkammer, in die es gefälligst hinein zu regnen hat, wie beim armen Poeten, auf Spitzwegs Gemälde. Die, der Welt entrückten, Gelehrten sitzen in ihren Elfenbeintürmen der Wissenschaft? Am 8.10.2013 war Ulli Lust Gast des Literarischen Salons der Universität Hannover. Im 14. Stock des Literaturhochhauses las sie, begleitet von einer Präsentation der Bilder aus dem Comic, eine viertel Stunde aus „Flughunde“. Außerdem sprach sie mit dem Comic-Publizisten und freien Redakteur Frank Neubauer; der die gut zweistündige Veranstaltung moderierte; über ihre Arbeit als Zeichnerin und Autorin. Zu ihren Auszeichnungen gehören etwa der Max und Moritz-Publikumspreis des Erlanger Comicsalons 2010, sowie der Prix révélation des Festival International de la Bande Dessinée d'Angoulême 2011.

Bericht zur Lesung von Ulli Lust in Hannover im Herbst 201315 Minuten las Ulli Lust aus Flughunde, wobei Geräusche wie “Tok” der Phantasie der Leser überlassen wurden

Suhrkamps neue Graphic Novels

Andreas Platthaus durfte im Auftrag des Traditionsverlages Künstler für die Adaption literarischer Vorlagen auswählen. Das mag manche an die „Illustrierten Klassiker“ erinnern, die gerade bei Comickünstlern etwas zwiespältig aufgenommen werden. Ihnen hängt etwas vom Image eines Fahrrads mit Stützrädern an, wobei das Fahrrad die „richtige Literatur“ ist und die Comics als Lesehilfe und Anreiz dienen, etwa um bei Kindern die Hemmschwelle zu senken, doch mal etwas Vernünftiges zu lesen. Dazu hat sich etwa George R. R. Martin im Vorwort zu den Game of Thrones Comicadaptionen geäußert oder auch Simon Schwartz im Interview mit Comicgate, das ich 2012 mit ihm geführt habe. „Der Hamlet kommt ganz gut ohne Comic aus“, so Schwartz. Ulli Lust befürchtete auch, dass das Projekt in diese Richtung gehen könnte, aber sie hatte freie Hand, sowohl bei der Auswahl eines beliebigen Buches aus dem Suhrkamp-Programm, als auch bei der Gestaltung. Sie entschied sich für die Umsetzung von Marcel Beyers „Flughunde“ aus dem Jahre 1995. Eine Geschichte über das Dritte Reich, in der es um einen Akustiker und um Helga Goebbels geht, eine der Töchter von Propagandaminister Joseph Goebbels. Kann das Werk dem Thema noch wichtige, neue Facetten hinzufügen? Oder ist es eben einfach nur eines der meist nach gefragtesten Themen Deutschlands im Ausland, wie Lust an anderer Stelle nachdenklich anmerkte. Ist es nicht wieder ein Beweis dafür, dass Graphic Novels schwer und düster sein müssen, um im Feuiletton besprochen und gelobt zu werden? Das dem nicht so ist belegt etwa Olivia Viewegs Beitrag zu dieser Reihe, sie setze Mark Twains „Huck Finn“ um. Ulli Lust erklärte ihre Wahl damit, dass sie Stoffe bevorzugt, die in ihr vertrauten Orten spielen. Für die Wahl-Berlinerin aus Österreich wären das also zum Beispiel Wien und Berlin. Und das Thema düster, hatte in diesem Fall offenbar auch andere Gründe...

Bericht zur Lesung von Ulli Lust in Hannover im Herbst 2013Frank Neubauer sprach mit Ulli Lust über Comics im allgemeinen und über die Adaption des Romans “Flughunde”

Comics und Bücher, E-Books & Gedrucktes – Welten prallen aufeinander

Die Farben des Suhrkampbuches sind viel zu dunkel. Das merkt Moderator Frank Neubauer an. Als dieser Fehler bemerkte wurde, war das Buch bereits gedruckt, bedauert Lust. Die E-Book Ausgabe war auch nicht so wie erwartet, wurde zurückgerufen und wird überarbeitet. Auch das Lektorat sei bei klassischer Literatur und Comics ganz anders – für Suhrkamp seien Comics eben noch Neuland, so der Tenor. Dafür könne der Buchhandel mit einem viel stärkeren Vertrieb punkten. Unbestreitbarer Fakt: Es gibt wesentlich mehr Buchhandlungen als Comicshops. Und „in den Comicläden seien eben Superhelden deutlich stärker gefragt als Graphic Novels“, wirft eine Frau aus dem Publikum ein, und sie muss es wissen, schließlich ist sie Betreiberin eben einer solchen Comicbuchhandlung. „Können sie das nicht lieber beim Bier besprechen?“ fragt nun eine Dame aus der ersten Reihe. „Wann sprechen wir denn endlich über das literarische Meisterwerk? Wann geht es denn um das Meisterwerk? Wir sind doch hier um mehr über das Meisterwerk zu erfahren!“. Da bereits ausführlich über die Umsetzung als Graphic Novel diskutiert wurde, war diese barsch vorgetragene Kritik offenbar abwertend gemeint und mit „Meisterwerk“ war die Romanvorlage gemeint, nicht aber der Comic. Erstaunlich, dass Menschen, die sich so sehr auf ihre hohe Bildung berufen dann oft so unkultiviert, humorfrei und unhöflich reagieren. Oder war alles gar nicht so böse gemeint? Im Comicgate-Interview befragte ich Ulli Lust neben vielen anderen Themen auch zu diesem Vorfall, der letztlich zu einer Programmänderung führte. Denn statt im zweiten Teil der Lesung aus „Heute ist der letzte Tag...“ zu lesen, gab es einen Nachschlag aus „Flughunde“, allerdings aus dem Comic. Mit dem sei Marcel Beyer im übrigen einverstanden gewesen, ganz im Gegensatz zur Hörspieladaption, verrät Lust. Der Ausgewogenheit sei angemerkt: als Denis Scheck an gleicher Stelle 2012, anlässlich des Kinostarts von „Der Hobbit“, mit Synchronsprecher Andreas Fröhlich sprach, wurde weniger über den Film und deutlich mehr über Tolkiens Roman gesprochen und auch aus diesem vorgelesen. Eventuell hatten einige Besucher erwartet Zitate aus der Vorlage zu hören. Dem hätte man dann die Adaption gegenüberstellen können. Lust betont, dass sie sich sehr an die Vorlage gehalten habe. Den Fokus habe sie aber etwas stärker auf Helga Goebbels gelegt. Warum sie denn nur Szenen mit ihr vorliest, wird sie von Neubauer gefragt. Weil es albern klingen würde, wenn sie eine Männerstimme nachahme, zumal sie keine ausgebildete Sprecherin sei, entgegnet sie. Die Geräusche liest sie übrigens nicht laut vor. „Liest du die mit?“ fragt der Moderator. „Ich höre sie ja“ sagt Lust.

Geräusche spielen in “Flughunde” eine wichtige Rolle. Dabei schien nicht immer allen Kritikern klar zu sein, was jeweils eigentlich gemeint war, “vielleicht haben die auch nur voneinander abgeschrieben”, meinte Ulli amüsiert, denn das permanente Maschinengewehrfeuer im Bunker sei lediglich das Geräusch der Belüftungsanlage.

Bericht zur Lesung von Ulli Lust in Hannover im Herbst 2013Da liegen sie friedlich Seite an Seite: Roman und Comic. Wäre es doch nur immer so harmonisch.

Die Zukunft

Comicleser haben eine besonders starke Bindung zum gedruckten Comic. E-Book und Bücher auf Papier – beides hat Vor- und Nachteile, meinte Ulli Lust. Auf lange Sicht werde sich das E-Book aber ganz klar durchsetzen, denkt sie. Und wie sieht ihre persönliche Zukunft aus? Die nächsten zehn Jahre hat sie bereits fest verplant. So viel Zeit werden die zwei Fortsetzungen ihres autobiographischen Comics „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ verschlingen. Dazu widmet sie sich ihrem Lehrauftrag an der Universität Hannover. Neben dem Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst also ein weiteres Plus mit dem die niedersächsische Hauptstadt in Sachen Comickultur glänzen kann.

Bericht zur Lesung von Ulli Lust in Hannover im Herbst 2013Zeit zum Signieren und für kleine Zeichnungen blieb auch noch.


Bericht zur Lesung von Ulli Lust in Hannover im Herbst 2013Zwei Stunden Fragen beantworten, zwischendurch Comics signieren, anschließend noch ein Interview – Ulli nahm’s gelassen.


(c) der Fotos: Stefan Svik
 
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