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geschrieben von Peixe am Dienstag, 20. September 2011 (3831 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

Lasst Euch irritieren!



Habibi von Craig Thompson „Habibi“ (mein Liebling) sprengt nicht wenige Konventionen, die man gerne an Comics anlegen möchte. Craig Thompson hat wieder etwas Besonderes, etwas Einmaliges vorgelegt, das des Verschlingens würdig ist. Ein modernes Märchen wie aus „1001 Nacht“ entnommen!
Stop, keine falschen Klischees! Die Geschichten der imposanten Erzählsammlung „1001 Nacht“ sind eindeutig für Erwachsene verfasst. Besonders in ihrer ältesten Fassung, erst 1984 von dem Arabisten und Islamwissenschaftler Muhsin Mahdi (nach 25 jähriger Forschung!) vorgelegt und 2004 von der Arabistin Claudia Ott bis in die Klanggestalt und Metrik textgetreu ins Deutsche übertragen, enthält die deftigen und grausamen Passagen ohne falsche Scheu – nichts für Kinder! Genauso sind in „Habibi“ einige Zumutungen für konventionelle Leser enthalten – ich beiß mir auf die Zunge, um diese Momente nicht zu spoilern – lasst Euch irritieren!

Zum Inhalt: Aus Not wird die neunjährige Dodola verheiratet, dann geraubt und zur Sklavin gemacht. In der Sklaverei rettet sie dem dreijährigen schwarzen Sklaven Habibi das Leben, indem sie sich seiner annimmt. Letztlich kann sie flüchten und gemeinsam, später getrennt schlagen sich die beiden Sklaven- und Waisenkinder durch ein hartes Los: Todesdrohungen, Prostitution als geheimnisvolle Geisterkurtisane, unlösbare Proben, um ihr Leben zu retten, die Entdeckungen der Pubertät und einiges mehr an Herausforderungen haben die beiden zu bewältigen bis sie in einer Welt der Gegenwart neue Schwierigkeiten sie bedrängen. Zentrales Thema ist die zärtliche Zuneigung, die diese beiden Sklavenkinder als Kinder und Erwachsene füreinander empfinden. Kunstvoll eingeflochten ist dies in Liebe und Aufopferung in Notlagen, Solidarität von Dritten und eine Welt voll Gier, Betrug, Gewalt, Lust und Zerstörung

Habibi von Craig Thompson

So ist die Erzählung von Thompson – wie auch „1001 Nacht“ - keine Lektüre für die Kleinen, sondern für Erwachsene, die sich auf diese verwobene und bezügereiche Erzählweise einlassen wollen. Ach ja, und seid nicht unbedingt zimperlich.

Das Verwobene ist die sehr moderne nicht-lineare Erzählweise, wie sie in zahlreichen Filmen (Zerrissene Umarmungen, Babylon usw.) Stilelement ist und hier tatsächlich Verbindungen und Spannung und Überraschungen schafft, die einer simplen Erzähltechnik nicht entnommen werden könnten.

Das Vielschichtige sind auch die Subtexte und Bezüge, die dieser Lebens- und Liebesgeschichte, den Rahmen Geben: Mythen und Religion, Symbolik und sogar die gegenwärtige Umweltzerstörung. Die immer wieder eingeflochtenen Geschichten eröffnen tiefere Sinnebenen und stellen neue Bezüge her, ganz im Duktus von „1001 Nacht“ oder der Erzähltechnik der Bibel. Leitmotiv, das sich in immer neuen und stets originellen Facetten als Leitmotiv durch die Handlungen zieht ist das Wasser. Die Wendungen halten selbst für die Belesenen unter uns Überraschungseffekte bereit und sollen hier ganz bewusst nicht gespoilert werden (denn „Habibi“ erscheint heute, dem 20.9.2011, erstmals überhaupt und auf Deutsch bei Reprodukt).

Deftig ist es, was Thompson an Sexualität bietet und märchenhaft unkorrekt: Vergewaltigung und Zwangsehen werden mit dem distanzierten grausamen Blick der Märchen als Gewalt, wie sie existiert, ohne Erklärung dargestellt, hier und da rollt auch mal ein Kopf oder Empfindlicheres wird abgetrennt.

Habibi von Craig Thompson

Auch aktuelle Bezüge schimmern durch das Epos: Gewalt an Kindern, Zwangsehen, unfreiwillige Prostitution, Schwangerschaft und Adoption, Umweltverschmutzung (man erinnere sich an Thompsons Familie in „Blankets“, wenn Thompson seinen Vater zum Thema globale Erwärmung zitiert: „Ach! Das ist doch nur liberale Propaganda, damit sich die Leute mehr um den Zustand ihrer Umwelt als um den Zustand ihrer Seelen kümmern!“), Ausbeutung durch Konzerne, Zwangsumsiedlungen für Staudämme und den Profit, den sie versprechen... Vielleicht eine Anmerkung zum religiösen Subtext am Rande: Die Darstellung des Propheten Mohammeds erfolgt mit Schleier, um ihn nicht bildlich darzustellen, wie es der Islam untersagt - das scheint mir keine falsch verstandene political correctness, sondern kreativer Respekt. Die Erzählungen aus Qu’ran (Koran) und Erstem (Altem) und Neuem Testament werden oft parallel erzählt, da aus der abrahamitischen Urzeit bis zu Jesus – im Islam ein Prophet! - dieselben Geschichten erzählen, aber Akzente anders setzen, etwa bei der Opferung Isaaks bzw. Ismaels oder der Geburt Jesu.

Habibi von Craig Thompson

So stehen am Ende Staudämme und Bagger den Sklaven und dem Harem aus dem Orient zu Zeiten aus „1001 Nacht“ gegenüber, ohne dies als größeren Bruch wie zwischen Fantasy-Begeisterten im 21. Jahrhundert zu erleben oder wie zwischen „Erster“ und „Dritter Welt“.

Zeichnerisch entspricht die Vorliebe von Thompson mit seinen filigranen Verzierungen der verschnörkelten arabischen Kalligrafie, die sich hier im künstlerischen Geiste als Verwandte verbinden. Liebevoll und kreativ sind nicht nur die erzählenden, sondern auch die trennenden Seiten gestaltet. Wer Thompsons „Bericht einer Reise“ – wie ich – grottenschlecht fand und beim Lesen seine Zeit verschwendete, lernt hier, wo Thompson in den sieben Jahren zwischen „Blankets“ und „Habibi“ diese Bilder, Mythen und Fantasie eingesogen hat. Sie finden sich in klischeefreien und stimmigen Hintergründen, Geisteswelten und Typen dieser Erzählung, wunderbar gelungen und mehrfach zu lesen, vielleicht ist jetzt der erneute Blick in „Bericht einer Reise“ (auch Reprodukt) von neuem Interesse...

Letztlich teilt „Habibi“ aber auch die Liebe zum Erzählen von Geschichten, Mythen und Märchen als heilendes Mittel für den Menschen und sei es, weil sie das frauenfeindliche, rassistische und destruktive Klima der Gegenwart entlarven und ein gelingendes Gegenbild trotzig als Inspiration und Möglichkeit behaupten.

Kann das möglich sein, dass jemand heute noch ein Märchen für Erwachsene erfindet, die sich so stimmig in die Erzählweise des Meisteropus’ der „Geschichten aus 1000 und einer Nacht“ einfügt, ein US-Amerikaner obendrein? Tatsächlich, Craig Thompson ist es gelungen!

Habibi von Craig Thompson

- Leseprobe

- Bilder zur fulminant gestalteten deutschen Ausgabe



Habibi
Grafik und Szenario: Craig Thompson
mit Anmerkungen und Info zum Zeichner
672 Seiten, Hardcover, s/w
Reprodukt, Berlin, 39 Euro
September 2011


Habibi könnt Ihr gerne auch hier kaufen.

Habibi von Craig Thompson


(c) der Abb.: Reprodukt und Thompson
 
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