Jens Harder im Interview :: Comic Radio Show :: Comics erfrischend subjektiv, seit 1992!  
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geschrieben von Maqz am Donnerstag, 17. März 2011 (4835 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

"Comiczeichner fahren ja auch nicht Porsche, sondern Fahrrad!"

Jens Harder im Interview Unser letztes Interview liegt sechs Jahre zurück. Damals hab' ich mit Jens Harder über das bemerkenswerte Band "Cargo" gesprochen. Als ich ihn letztes Jahr wieder in Erlangen getroffen hatte, war mir klar: Es muss ein neues Interview her. In der Zeit ist Harder so umtriebig gewesen und preisgekrönt geworden, dass sich hier einige Antworten zu einigen Fragen lohnen können...

ComicRadioShow: Hallo Jens, kurz noch zu Cargo: Wie wird dieses israelisch-deutsche Comicprojekt im Rückblick von Dir bewertet? (...und wird es eventuell noch ein Band geben?)

Jens Harder: Für mich und das Cargo-Team war es ein voller Erfolg -- weniger finanziell, aber vor allem in Bezug auf das, was wir zurückbekamen von den Leuten, also die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und die Reaktionen der Leser und Ausstellungsbesucher (vor allem der israelischen oder derjenigen mit einem jüdischen Background). In Anlehnung an unser Vorhaben entstand übrigens im letzten Jahr eine ähnliche Anthologie namens "Tel Aviv Berlin", die ich mit großem Interesse verfolgte -- auch bei avant erschienen, teils mit den selben Zeichnern, jedoch von anderen Organisatoren.
Und ja -- es wird sicher auch von meiner Seite Folgeprojekte geben. Es dauert zwar alles länger als erhofft, aber gerade aktuell gibt es mit dem Goethe-Institut Planungen für 2013. Da alles noch sehr vage ist, möchte ich hier noch nicht mehr verraten als: Südamerika!

Jens Harder im Interview

CRS: Nun aber zu dem, was Dir in der Zwischenzeit widerfahren ist: "Alpha ...directions", e.o.Plauen-Förderpreis, Max-und-Moritz-Preis (again), "Prix de L'Audace" in Angoulême! Sind das die Stationen, die Dir in dieser Zeit als wichtig erschienen sind?

JH: Im Beruflichen sicher, neben den vielen tollen Einladungen zu Festivals, Ausstellungen und Workshops. Im Familiären ist es aber ganz klar die Geburt unserer Kinder und das turbulente Zusammenleben seitdem.


CRS: Was mich als Nicht-Zeichner immer wundert: Wie kannst Du dich in der Zeit, in der Du "nur" ein Riesencomic zeichnest finanziell über Wasser halten?

JH: Bisher hatte ich das Glück, sowohl für Alpha als auch aktuell für Beta ein kleines Stipendium zu erhalten -- das deckt schon mal einen Teil der Ausgaben ab. Dazu kommt dann ab und an eine Auftragsillu oder eine verkaufte Originalzeichnung. Und jedes Frühjahr eine ganz ordentliche Ausschüttung der Verlags-Tantiemen. Aber dennoch -- "über Wasser halten" trifft's schon ganz gut.

Jens Harder im Interview

CRS: Ist denn nach der Erscheinung von Alpha Geld noch ein Problem für Dich?

JH: Geld ist bei uns immer Mangelware. Wir müssen echt kratzen, um alles Nötige zusammenzubekommen, mit zwei Kindern mehr denn je. Zu Beginn meiner Arbeit an Alpha vor sieben Jahren kam ich in meiner Studentenbutze ja noch mit wenigen Hundert Euro monatlich über die Runden. Mittlerweile galoppieren in den tauglichen Gegenden Berlins die Preise dermaßen, daß wir allein fürs Wohnen zwei Wochen ackern müssen. Aber hey, ich will echt nicht jammern -- ich bin glücklich. Comiczeichner fahren ja auch nicht Porsche, sondern Fahrrad!


CRS: Und (gleich zu Beginn) ans Eingemachte: woher nimmst Du die Kraft auch noch aus dem Thema eine Trilogie zu machen? Das dauert jetzt doch schon wieder Jahre, bis das nächste Buch fertig wird.

JH: Tja, weiß auch nicht. Die Begeisterung für die Thematik auf jeden Fall, dann ganz wichtig der Rückhalt und die Unterstützung durch Familie, Freunde und meine beiden Verlage. Also zehn Jahre habe ich bestimmt noch zu tun, bis Gamma eingetütet ist -- beruhigend und beängstigend zugleich.


CRS: Wie sind denn die Reaktionen zu Alpha in Frankreich und weichen diese vom Feedback aus der deutsche (Comic-)Szene ab?

JH: Die Rezensionen und Leserstatements in Frankreich waren sehr euphorisch. Und viele der deutschen Reaktionen standen dem in nichts nach. Wobei hier eher auch kritische Stimmen aufkamen (aber vielleicht habe ich die im französischen Sprachraum auch nicht so genau registriert). Und ohne Quatsch -- ich freue mich auch immer über Kritik, da sie mir als Autoren wertvolle Hinweise über die An- bzw. Aufnahme der Arbeit bringt. Na jedenfalls war medial in Deutschland noch mehr los als beim Nachbarn (so eine Menge Radio- und TV-Interviews) und die Verkäufe in den ersten Monaten haben dann alle Erwartungen in den Schatten gestellt.

Jens Harder im Interview

CRS: Wie hast Du es eigentlich geschafft, Dich so gut in Frankreich mit Deinen Arbeiten zu etablieren?

JH: Ich hab' da gar nichts "geschafft". Es gab bei meinem ersten Besuch in Angouleme vor acht Jahren die simple Frage am Stand von Thierry Groensteens frischgegründeten Mini-Verlag, ob ihm Leviathan (bzw. die ersten zwanzig Seiten) zusagen würden. Er signalisierte sofort Interesse und somit konnte das Buch Ende 2003 bei Editions de l'An 2 erscheinen - als meine erste größere Publikation überhaupt. Danach ging ich mit jeder neuen Idee erst mal zu ihm und er unterstützte mich nach Kräften, organisierte Festivaleinladungen, Personalausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen (wie bei der tollen "BD Reporter"-Schau 2007 im Centre Pompidou).


CRS: Wo hast Du in den Jahren eigentlich überall ausgestellt (und warum)? Ist es, neben der gedruckten Comic-Publikation, wichtig für Dich, dass Deine großformatigen Arbeiten der Öffentlichkeit näher gebracht werden? (Oder steckt dahinter eher eine profan monetäre Absicht ?)

JH: Klar mache ich gern Ausstellungen, so aktuell mit Alpha oft in naturwissenschaftlichen Kontexten (wie z. B. in Naturkundemuseen) obwohl ich leider immer weniger Zeit für die ganze Vorbereitung aufbringen kann. Deshalb muß ich nun auch, wenn möglich, stets nach einer kleinen Aufwandsentschädigung fragen. Aber monetäre Absichten -- nee, das ist es echt nicht. Ich hab' ja auch noch nie danach gefragt, irgendwo auszustellen. Alpha wurde bisher neben Erlangen in der Schweiz, in Österreich, in Frankreich und Brasilien gezeigt. Einige Seiten sind auch bei der "Comic & Manga"-Wanderausstellung des Goethe-Instituts dabei.

Jens Harder im Interview

CRS: Jetzt hab' ich vor einigen Tagen im webblog vom "Groben Unfug" diesen Sammel-Artikel gefunden ), der mit Hilfe verschiedener Stimmen den Plagiats-Knüppel in Deine Richtung schwingt. Was magst Du Deinen Kritikern dazu sagen?

JH: Also ich und mein Verlag -- wir waren schon recht erstaunt über die ganze Sache. Einerseits über diese Art von Angriffen, andererseits auch den Eifer, teilweise die Häme, mit der einige der Leute diesbezüglich vorgingen. Die Sache liegt doch so: das Buch ist in Deutschland seit fast einem Jahr draußen, in Frankreich sogar schon mehr als zwei Jahre. Ich habe von Anfang an kein Geheimnis über meine Arbeitsweise und die Bildquellen gemacht, ich gehe im Nachwort darauf ein, nenne die mir (zum jeweiligen Zeitpunkt bekannten) Namen im Impressum, wir sprechen in den meisten Interviews oder Buchvorstellungen darüber. So gut wie alle Rezensenten oder Leser sehen die Bezüge sehr deutlich und erkennen sie auch als das an, was sie sind -- keine Plagiate (denn ich habe sie ja nie als meine Eigenschöpfungen ausgegeben), sondern Zitate, Remixe oder Coverversionen der Originale, aus meiner Sicht gar eine Art Hommage an den jeweiligen Erschaffer. Das ganze Buch ist von vornherein als Reise nicht nur durch die Zeiten, sondern auch durch das kollektive Bild-Erbe konzipiert worden -- mit hunderten Quellen aus rund 30.000 Jahren menschlicher Kulturgeschichte (von den ersten Höhlenmalereien bis zur aktuellsten Computeranimationen). Ich proklamiere dennoch nicht, daß nun jeder bei jedem abzeichnen soll und darf. Andererseits will ich auch keine Sonderbehandlung. Es hängt immer vom Kontext ab, was wie wahrgenommen wird. Und in solchen Fällen wie "Alpha/Beta/Gamma" muß eine Herangehensweise wie die meine möglich sein, sonst beschneidet sich das Medium Comic selbst massiv.

Jens Harder im Interview

CRS: Wird diese Geschichte Deine weitere Arbeit beeinflussen, auch wenn es nur bedeutet, dass der Ärger darüber Dich aus Deinem Arbeitsfluss reißt? Erwägst Du eventuell sogar den Guttenberg zu machen?

JH: Nun -- an der Arbeitsweise ändern werde ich nichts, ich bin ja nicht der Meinung der Kritiker und werde gerade im Gegenteil in vielen Gesprächen mit Kollegen und Fachleuten darüber in meiner Auffassung bestärkt. Für meine 'Bildrecherche zu Beta nehme ich aber bereits seit einiger Zeit mit den heranzuziehenden Zeichnern Kontakt auf, um von ihnen eine Art Einwilligung zu erbitten, was bisher auch sehr gut anlief.
Und wie man "den Guttenberg macht" -- keine Ahnung?! (Aber apropos KT: In der Paläontologie gibt es die KT-Schwelle, das große Sauriersterben beim Übergang von der Kreide zum Tertiär, Massensterben und Neuanfang zugleich. Will sagen -- alles hat sein Gutes!)


CRS: Wie soll man sich Deine Arbeit zu Deinem zweiten Band "Beta" generell vorstellen? Überwiegt hier das "analoge" Zeichnen oder das digitale Nachbearbeiten?

JH: Die meisten Zeit geht immer noch für's Zeichnen drauf, obwohl aufgrund der zunehmenden Komplexität die Recherche und das Arbeiten am Text mittlerweise einen immer höheren Part einnehmen. Also wenn alles geklärt ist (Storyboard, Text etc.), brauche ich circa zwölf Stunden pro Seite zum Reinzeichnen und dann noch mal vier für Retusche und das Colorieren, das ich aus verschiedenen Gründen nach Alpha komplett auf?s Wacom-Tablett verlagert habe (früher hatte ich dafür Layer am Lichttisch gefertigt).

Jens Harder im Interview

CRS: Legst Du Die Fortsetzung von Alpha mit der gleichen Geschwindigkeit an, oder bist Du schneller geworden?

JH: Ich hoffte, es würde schneller gehen, aber es wird eher immer schwieriger -- a) wegen der Recherche und b) wegen der vielen Details. Es ist eben ein Riesenunterschied, ob in Alpha beispielsweise auf Seite 135 eine Bakterienkolonie vor sich hin wuchert und nun in Beta auf Seite 135 (wo ich aktuell bin) eine Horde Neanderthaler zu Abend speist. Wenn ich ein Jahr lang ohne große Ablenkungen arbeiten kann und am Ende wieder 100 Seiten im Kasten habe, war es ein gutes Jahr.


CRS: Was machst Du eigentlich außer Comiczeichnen? Bist Du ein Partymensch oder ein Gamer oder machst Du etwas Sport nebenbei?

JH: Spiele interessieren mich nicht und zu Sport fehlt mir die Zeit. Die freien Stunden verbringe ich meist mit meiner Familie, ab und an auch mit Freunden. Partys, Kino und Konzerte sind super -- kommen aber im Moment nur sehr selten zum Zuge.


CRS: Wo können Dich Deine Fans (und Kritiker) aktuell persönlich treffen, um sich (doch) eine Signatur und/oder Zeichnung bei Dir abzuholen? Und wo werden wir Dich über das Jahr sonst noch treffen können? Eventuell sogar auf dem Comicfestival in München?

JH: Ja -- München, da freu? ich mich schon sehr drauf. Ansonsten Aix und Paris im Frühjahr, dann Curitiba im Sommer und Prag im Herbst.

Jens Harder im Interview

CRS: Was wünschst Du dir eigentlich für die nächsten Jahre? Ich meine natürlich neben der Vollendung der großen Comic-Trilogie? Baum pflanzen, Haus bauen, Kinder zeugen?

JH: Die Kinder sind jetzt komplett, hehe. Also wünsche ich mir aktuell, dass alles wächst und gedeiht, was mir lieb und wichtig ist -- sowohl die Kids als auch die Bücher. Baum und Haus überlasse ich erstmal anderen.


CRS: Und was machst Du in 10 Minuten?

JH: Den Rechner aus!


CRS: Lieber Jens, vielen Dank für das Gespräch!

JH: Ich dank' Dir auch sehr.




(c) der Abb.: Jens Harder
(c) Fotos: Carmen Miller

Die Fragen stellte Markus Gruber
 
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