Ein Interview mit Bodo Birk (Comicsalon Erlangen) :: Comic Radio Show :: Comics erfrischend subjektiv, seit 1992!  
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geschrieben von M.Hüster am Mittwoch, 24. November 2010 (3703 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

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von Michael Hüster (c) der Abb.: ComicRadioShow und Jens Schneider

Erlangen ComicSalon 2010Bodo Birk Um für die meisten Leser einen Vergleich zu haben, über was hier diskutiert wird: wie sehen vergleichsweise die Besucherzahlen von Erlangen 2010 aus? Wie sah die Verlagsbeteiligung 2010 aus? Wer ist noch in Erlangen vertreten gewesen? Wie war die Altersstruktur des Kernpublikums? Gab es 2010 schwarze Zahlen?



Bodo Birk: Bitte erlauben Sie mir einleitend ein paar allgemeine Bemerkungen, bevor ich Ihre Fragen beantworte: Natürlich habe ich Georg Tempels September-Editorial gelesen und natürlich verfolgen wir die Diskussion im Comicforum mit großem Interesse. Tatsächlich finde ich die Debatte dort spannend und sehr ernsthaft. Insofern ist Georg Tempel für den Diskussionsanstoß wirklich zu danken. Dass wir uns nicht selbst an der Diskussion im Forum beteiligen, hat nichts mit Desinteresse oder gar Arroganz zu tun, sondern damit, dass es uns zum einen nicht kontinuierlich möglich ist, am Ball zu bleiben, schließlich gibt es die Phasen, in denen wir das Erlanger Poetenfest oder unser Theaterfestival vorbereiten und nicht regelmäßig dazu kommen, das Comicforum zu verfolgen. Außerdem wäre es nicht ganz einfach zu unterscheiden, in welcher Rolle wir uns im Forum äußern: als Privatpersonen, oder als Vertreter der Stadt Erlangen. In diesem Dilemma befinden sich die Verlagsvertreter im Forum sicherlich auch gelegentlich, aber zwischen einem Verlag und dem öffentlichen Dienst gibt es natürlich doch noch Unterschiede...

Jetzt aber endlich zur ersten Frage: Der Internationale Comic-Salon Erlangen hat in diesem Jahr offiziell 25.000 Besucher gemeldet. Insofern ist Georg Tempels Aussage von „sinkenden Besucherzahlen“ zumindest in Bezug auf Erlangen nicht richtig. Sie sind derzeit relativ stabil. Im Jahr 2006 – das Sommermärchen-Jahr – hatten wir mit 20.000 Besuchern einen kleinen Einbruch. In diesem Jahr hatten wir gute drei erste Tage, der Sonntag hätte besser sein können. Es war der erste richtig schöne Tag nach drei Tagen mit durchwachsenem Wetter. Da sind einige Familien wohl eher ins Grüne gefahren, als zum Familientag in die Heinrich-Lades-Halle zu kommen. Allerdings hat es in der Vergangenheit schon viel trostlosere Sonntag-Nachmittage gegeben, an denen vielfach schon mittags abgebaut wurde. Und die Verlage, die sich programmatisch etwas für Kinder und Jugendliche hatten einfallen lassen, haben in diesem Jahr sicherlich auch am Sonntag ihr Publikum gefunden. Wer sich allerdings mit schlecht gelaunter Miene in seinen Stand setzt und ein paar Comics auf den Tisch legt, der wird es immer schwer haben...
Comic Salon Erlangen 2010
Insgesamt ist zu sagen, dass der Internationale Comic-Salon Erlangen nie mehr Besucher hatte als 2008 und 2010. Wir zählen dabei nach den offiziellen Richtlinien für Messen und Ausstellungen, also jeder Besucher wird jeden Tag einmal gezählt, egal ob er an mehreren Tagen kommt, und jeder Veranstaltungsort zählt neu. Wir definieren Rathaus und Kongresszentrum Heinrich-Lades Halle als einen einzigen Veranstaltungsort, Kunstmuseum, Stadtmuseum, abends die Kinos und die Theater, zählen jedoch neu. Auch die Besitzer von Ausweisen – seien es nun Aussteller, Pressevertreter oder Künstler – zählen als Besucher. So machen das wie gesagt alle großen Ausstellungs- und Messeveranstalter. Die Besucherstruktur ist in Erlangen inzwischen erfreulich durchmischt: Nach wie vor stellt die klassische Szene die Mehrheit, darunter mischen sich aber inzwischen immer mehr Frauen, jüngere Leser der Graphic Novels, Kinder und Jugendliche sowie ein allgemein Kunst- und Kultur interessiertes Publikum, das vor allem wegen der Ausstellungen zum Salon kommt. Auch das „Junge Forum“ – der Bereich mit den Hochschulen – zieht inzwischen ein eigenes, eher kunstorientiertes Publikum an. Ausbaufähig ist nach wie vor das Manga-Publikum. Als es vor vier Jahren mit Unterstützung von Ehapa gelungen ist, Gosho Ayoma in Erlangen zu präsentieren, konnte man sehen, was grundsätzlich möglich wäre.

Zu den Ausstellern: Die Aussteller-Zahlen sind in Erlangen seit Jahren weitgehend stabil und spiegeln die Entwicklungen auf dem deutschen Comic-Markt wider. Verschwindende Aussteller werden glücklicherweise durch neue Verlage oder positive Entwicklungen bestehender Verlage ausgeglichen. Soweit ich das einschätzen kann, gibt es kaum einen deutschen Comic-Verlag, der in Erlangen nicht vertreten ist, den reinen Manga-Bereich einmal ausgeklammert. Natürlich bedauern wir es, dass es uns in diesem Jahr nicht gelungen ist, Tokyopop wieder von Erlangen zu überzeugen, wo wir dem Verlag vor zwei Jahren mit der Präsentation von Benjamin doch zu einem vielbeachteten Messeauftritt verholfen hatten. Aber natürlich respektieren wir die unternehmerische Entscheidung. Wachstumspotenzial sehen wir – auch wenn viele in der Szene das ungern hören – im Graphic Novel-Bereich. Vielleicht wird zukünftig der eine oder andere Literaturverlag den Weg nach Erlangen finden, zumindest einige Scouts waren in diesem Jahr schon unterwegs. Neben Verlagen zählen in Erlangen auch Händler aus dem Comic- und Merchandising-Segment, Ausbildungsinstitute, Vereine und Institutionen sowie Einzelkünstler und Fanzines zu den Ausstellern, allerdings in erster Linie aus dem deutschsprachigen Raum. Internationale Aussteller gibt es allerdings selbst beim größten Comic-Festival Europas in Angoulême nur wenige in einem nicht öffentlich zugänglichen Bereich. Natürlich würden wir uns, wie Georg Tempel in seinem Editorial auch, in Erlangen mehr aufwändige und eindrucksvoll inszenierte Stände wünschen. Bekanntlich ist das aber nicht die Aufgabe des Veranstalters. Hilfestellungen bieten wir aber immer an.
Comic Salon Erlangen 2010
Zu den Finanzen: Eine Kulturveranstaltung wie der Internationale Comic-Salon mit seinen Begleitveranstaltungen, den Ausstellungen, dem Max und Moritz-Preis usw. kann niemals schwarze Zahlen schreiben. Der Salon kostete in diesem Jahr etwa 450.000 Euro, davon wurden 250.000 von der Stadt Erlangen übernommen. Etwas weniger als die Hälfte kann durch Einnahmen gedeckt werden. Selbst wenn man die Messe isoliert betrachtet, wird man damit kein Geld verdienen können. Die Personalkosten in der Planung und in der Durchführung, die Kosten für die Hallenmiete, das Messesystem, den Auf- und Abbau, Technik, Infrastruktur wie Pressebüro, Information, Organisationsbüro, Werbung und Drucksachen, Versicherungen usw. sind mit Standgebühren und Eintrittseinnahmen nicht zu decken. Sonst gäbe es längst kommerzielle Konkurrenz. Von dem Kulturprogramm rund um die Messe, die aus dem Salon erst ein Festival macht, ganz zu schweigen ...


Georgs Editorial beabsichtigte ja ganz bewusst, eine Diskussion über Erlangen und andere Festivals in Gang zu bringen und auszuloten, was denn möglich wäre, wenn bisherige Strukturen auf den Festivals verändert oder ergänzt werden, um damit mehr Besucher anzuziehen. U.a. wird vorgeschlagen, angelehnt an San Diego, z.B. Comic-Film-Produzenten oder Schauspieler nach Erlangen einzuladen, um dort ihre Produkte zu präsentieren. Mehr Kommerz für mehr Besucher in Erlangen? Ist das überhaupt machbar in Erlangen?

Comic Salon Erlangen 2010
Bodo Birk: Dem Salon wurde in der Vergangenheit immer mal wieder vorgeworfen, sein Programm sei zu weit vom Markt entfernt. Wenn das mit der Forderung nach „mehr Kommerz“ gemeint ist, kann man darüber diskutieren. Wir haben uns in den letzten Jahren in den Ausstellungen und im Begleitprogramm fast ausschließlich an aktuellen Themen des Markts, an Neuerscheinungen und Trends orientiert. In diesem Jahr haben wir im großen Saal fünf Graphic-Novel-Projekte präsentiert, von denen eines bereits erfolgreich publiziert war und ein weiteres kurz vor der Veröffentlichung in einem großen Publikumsverlag stand. Außerdem haben wir eine große Western-Klassiker-Ausstellung produziert, weil wir beobachtet haben, dass der Western im Comic eine Renaissance erlebt. Wir haben uns in mehreren Ausstellungen mit dem Thema Zeitungscomics beschäftigt, weil die Zeitungen für die deutschen Zeichner inzwischen wieder ein kommerziell (!) wichtiges Betätigungsfeld geworden sind. Wir haben Jens Harders „Alpha“ eine Bühne geboten und unseren Teil zum großen Medieninteresse an diesem Buch beigetragen; als „Dankeschön“ an einen unserer wichtigsten Aussteller haben wir Milo Manara eine kleine Ausstellung gewidmet. Im Comic-Forum werden die Kollegen von Cross Cult zurecht dafür gelobt, wie es ihnen gelungen ist, das Debut-Album „Jakob“ am deutschen Markt zu positionieren. Hat die Jakob-Ausstellung im Zentrum des Salons dazu vielleicht auch einen kleinen Teil beigetragen? Comic-Blogs, Mecki, Duckomenta ... Ich glaube, der Internationale Comic-Salon war in seiner Geschichte noch nie so nah am Markt, wie in diesem Jahr! Das alles übrigens mit Steuergeldern. Alle diese Ausstellungen hat der Salon bezahlt, ohne dafür die Verlage in Anspruch zu nehmen.
Comic Salon Erlangen 2010

Georg Tempels Vorschlag, nach dem Vorbild San Diegos auch in Erlangen die Filmwirtschaft in die Messe zu integrieren, geht meiner Meinung nach an den deutschen Verhältnissen vorbei. Wo sind denn in Deutschland die großen kommerziellen Filmproduzenten, die sich mit Comic-nahen Stoffen beschäftigen? Bei den Vorbereitungen zum Filmprogramm des diesjährigen Salons mussten wir sogar der zuständigen Mitarbeiterin beim deutschen Verleih erst einmal erklären, dass die europäische Produktion „Vertraute Fremde“ auf einer Comic- bzw. Manga-Vorlage beruht....


Bodo Birk: Bis auf wenige Ausnahmen besteht die deutsche Filmproduktions-Landschaft aus kleinen, unabhängigen Firmen, die ohne öffentliche Filmförderung – also auch wieder Zuschüsse aus Steuergeldern – gar nicht existieren könnten, und in erster Linie Arthouse-Filme, also wenig kommerzielle Programmkino-Filme produzieren. Im Hinblick auf Comic-Nähe sind in Europa in den letzten Jahren Filme wie „Persepolis“, „Waltz with Bashir“ oder eben „Vertraute Fremde“ entstanden. Alles keine Blockbuster und sicherlich nicht die Art von Filmen, die Georg Tempel meint. Oder glaubt jemand, dass es uns gelingen müsste, die großen Hollywood-Studios nach Erlangen zu locken?

Und wer sagt denn, dass Erlangen in den letzten Jahren nicht viel Presse gehabt hätte? Unser Pressespiegel füllt mehrere Leitz-Ordner.
Comic Salon Erlangen 2010


Die Meinungen zum aktuellen Erlangen-Konzept gehen, wie bei vielen Dingen, auch im Comic-Forum auseinander. Die Einen finden das alles sehr o. K., andere finden, dass es vieles zu verbessern gibt. Die Letzteren glauben aber auch, dass der Comic-Salon aus Gründen der speziellen organisatorischen Voraussetzungen mit einer Stadt als Veranstalter nicht der beste Ort ist, ein modernes kommerzielles Festival auf die Beine zu stellen. Wie sehen Sie das?


Bodo Birk: Ich möchte keineswegs den Eindruck erwecken, dass ich der Auffassung wäre, dass es beim Salon nichts zu verbessern gäbe. Im Gegenteil. Und natürlich würden wir auch gerne noch ein paar Tausend Besucher mehr erreichen und die Präsenz des Salons in der breiten Öffentlichkeit noch weiter forcieren. Nicht als Selbstzweck übrigens, sondern um die deutsche Comicbranche im gemeinsamen Interesse voran zu bringen. Allerdings sollten wir auch die Kirche im Dorf lassen: Hunderttausende von Besuchern gibt der deutsche Comic-Markt nicht her und eine Veranstaltung dieser Größenordnung wäre auch von einem kleinen Team von fünf Leuten in ein paar Monaten nicht zu organisieren. Außerdem ist es völlig richtig, dass eine Kommune für eine rein kommerzielle Messe nicht der richtige Veranstalter ist. Die Aufgabe kommunaler Kulturarbeit ist es, die Steuergelder zur Förderung von Kunst und Kultur einzusetzen und den Bildungsauftrag der öffentlichen Hand einzulösen. Vor diesem Hintergrund ist der Salon zu bewerten.
Comic Salon Erlangen 2010
Wobei ich die in der Frage formulierte Zuschreibung kommerziell sei modern, weniger kommerziell im Umkehrschluss also altmodisch, nicht unwidersprochen stehen lassen kann. Im Gegenteil: Die Kunst- und Kulturgeschichte hat ja immer wieder gezeigt, dass gerade die modernen, innovativen Ansätze Zeit gebraucht haben, sich durchzusetzen. Außerdem glaube ich, dass die angeführte Argumentation aus dem Forum auf einer sehr eingeschränkten Wahrnehmung dessen beruht, was sich derzeit auf dem deutschen Comic-Markt abspielt. Die Zeiten, in denen die klassischen Comic-Themen mühelos die Massen erreicht haben, sind doch längst vorbei, während mit Publikationen wie „Gift“, „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens“ usw. durchaus Umsatz gemacht werden kann. Es ist also alles etwas differenzierter geworden.

Die Voraussetzungen, ein modernes, zukunftsgerichtetes Comic-Festival zu organisieren, sind in Erlangen natürlich gegeben. Für eine rein kommerzielle Veranstaltung ist eine Stadtverwaltung tatsächlich nicht zuständig. Allerdings frage ich mich, warum es bislang niemand versucht hat, einmal abgesehen von den Comic-Bereichen der Buchmessen in Frankfurt und Leipzig, bei denen noch andere Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Wir haben ja niemals gesagt, dass es neben Erlangen keine weiteren Comic-Veranstaltungen geben darf.


Wer gehört alles zum Comic-Salon- Kreativ-Team und gibt es bestimmte Zukunftsvisionen mit geänderten Konzepten? Welche Konzepte könnten das sein?


Bodo Birk: Der Internationale Comic-Salon wird von mir und meinen Kolleginnen und Kollegen Christine Auernheimer, Britta Bock, Volker Holzmann und Tobias Ott verantwortet. Hinzu kommen eine Reihe von Beratern und freien Mitarbeitern aus der Comic-Szene wie Paul Derouet, Martin Jurgeit, Jutta Harms, Andreas C. Knigge und anderen. Das „Kreativ-Team“ ist allerdings viel größer: Die ganze deutsche Branche kann und soll sich an der Programmarbeit beteiligen. Wir sind nicht nur für Vorschläge offen und setzen Anregungen aus der Branche gerne um, sondern würden uns noch viel mehr Input aus der Szene wünschen. Der Internationale Comic-Salon Erlangen ist eine Bühne, die wir der deutschen Comic-Szene bieten, dass sie sich präsentieren kann. Häufig beschweren sich gerade diejenigen darüber, dass sie im Programm des Salons zu wenig Berücksichtigung finden, die sich noch nie mit Vorschlägen und Angeboten an uns gewendet haben. Diejenigen, die die Zusammenarbeit mit uns suchen, können sicherlich bestätigen, dass ihre Anregungen bei uns auf fruchtbaren Boden fallen.

Grundsätzliche konzeptionelle Änderungen sind derzeit eigentlich nicht vorgesehen. Der Rahmen besteht aus Messe, Ausstellungen, Gesprächen und Diskussionen – fachspezifisch und für ein breites Publikum, Filmprogramm, Lesungen usw. und natürlich dem Max und Moritz-Preis. Unsere inhaltliche Überlegungen bewegen sich in diesem Rahmen, der jedes Mal aufs Neue gefüllt werden muss. Die Art Ausstellungen zu machen, wird sich in Zeiten der Digitalisierung verändern müssen, die Präsentation von grafischer Literatur auf der Bühne, in multimedialen Lesungen oder Performances, steckt noch in den Kinderschuhen. Das sind zum Beispiel Themen, die uns konzeptionell beschäftigen. Oder der Max und Moritz-Preis ist natürlich völlig zu Recht immer wieder im Mittelpunkt der Debatte. Auch hier werden wir natürlich versuchen, ihn alle zwei Jahre in seiner Ausrichtung den Entwicklungen in der Szene anzupassen.
Comic Salon Erlangen 2010

Ein Forumsteilnehmer weißt sehr berechtigt darauf hin, dass Deutschland noch nie ein Comicland war. Außerdem sind die Märkte in keiner Weise in Sachen Landesgröße und Einwohnerzahlen vergleichbar. Wird also nur blanke Theorie betrieben? Außerdem: hätte Erlangen überhaupt alleine schon die räumlichen Kapazitäten? Der Platz ist doch sehr limitiert.


Bodo Birk: Sicherlich werden wir in Comic-Deutschland in absehbarer Zeit keine mit Frankreich vergleichbare Akzeptanz erzielen können. Von der Größe des amerikanischen Comic-Markts einmal ganz abgesehen. Aber es gibt doch in den vergangenen Jahren einige Entwicklungen, die einen zuversichtlich machen, dass die grafische Literatur in Deutschland eine feste Größe mit internationaler Anerkennung werden könnte. Insofern habe ich schon die Hoffnung, dass auch der Comic-Salon Erlangen langfristig zusätzliche Aussteller akquirieren und ein noch breiteres Publikum erreichen kann. Dass die Einbeziehung der Filmwirtschaft der entscheidende Schlüssel dafür ist, glaube ich wie gesagt aber nicht.

Richtig ist natürlich der Hinweis, dass die räumlichen Kapazitäten des Erlanger Kongresszentrums begrenzt sind. Wir nutzen derzeit tatsächlich jeden Quadratmeter, der zur Verfügung steht. Bislang wollten wir aber auch nicht mit der Regel brechen, dass der Große Saal des Kongresszentrums nicht für die Messe, sondern für die wichtigsten Ausstellungen zur Verfügung steht. Das hat schließlich eine programmatische Bedeutung: Wir wollen den Kommerz, also die Messe, und die Kunst möglichst nah zusammen präsentieren. Da wären wir wieder beim vorhin angesprochenen Auftrag kommunaler Kulturarbeit. Wenn wir die Nachfrage nach erheblich mehr Messefläche hätten, müssten wir darüber sicher noch einmal nachdenken. Schließlich gibt es auch noch die Möglichkeit, Zelte aufzustellen. In Angoulême findet die gesamte Messe ausschließlich in Zelten statt, ebenso in Lucca. Wenn die zusätzlichen Quadratmeter regulär bezahlt würden, dann wären ähnliche Zelte wie in Angoulême sicherlich auch in Erlangen denk- und finanzierbar. Daran sollte es also nicht scheitern...


Ein anderer Diskussionsteilnehmer stellt fest: dass Erlangen mit Besucherzahlen zu kämpfen hat, liegt vielleicht auch daran, dass es meistens nichts Neues mehr gibt …


Bodo Birk: Wie gesagt: Natürlich hätten wir in Erlangen gerne noch mehr Besucher und kämpfen daher um jeden Gast. Allerdings jammern wir auf einem durchaus ordentlichen Niveau. Tatsächlich hatte Erlangen in seiner gesamten Geschichte nie mehr Besucher, als in den letzten Jahren.
Comic Salon Erlangen 2010
Die Auffassung des Forums-Teilnehmers, dass es in Erlangen nichts Neues gibt, versetzt mich jedoch in eine gewisse Ratlosigkeit. Natürlich versuchen wir bei jedem Salon, aktuelle Trends aufzuspüren, neue Präsentationsformen für die grafische Literatur auszuprobieren und unsere Besucher zu überraschen. Die Inhalte sind doch immer wieder Neue. Bei jedem Salon präsentieren die Verlage Novitäten, deutsche Ersterscheinungen und Exklusivausgaben in großer Zahl. Der grundsätzliche konzeptionelle Rahmen bleibt jedoch so, wie ich ihn vorhin umrissen habe.


Eine weitere Aussage: Die starke Kunst- & Hochkulturausrichtung macht den Salon dröge und auch ein wenig elitär. Die beinahe gleiche Aussage zur Berichterstattung: Die deutschlandweite Berichterstattung rund um den Salon ist in der Regel so elitär, dass sie wie ein Ausschlussverfahren wirkt…


Bodo Birk: Schon zu Beginn unseres Gesprächs habe ich ja versucht deutlich zu machen, dass sich der Salon in den letzten Jahren durchaus mit populären Themen beschäftigt hat. Die Beispiele möchte ich jetzt nicht wiederholen. Allerdings habe ich auch auf den Erziehungsauftrag öffentlicher Kulturarbeit hingewiesen. Steuergelder müssen dafür eingesetzt werden, die Künstler und die Arbeiten zu unterstützen, die es am Markt aufgrund ihres Anspruchs schwieriger haben. Allerdings muss ich mich dagegen verwahren, dass Kunst und Kultur hier grundsätzlich als etwas Elitäres oder dröges dargestellt werden. Zum einen sind selbst die anspruchsvollen Werke der grafischen Literatur weit davon entfernt, elitär zu sein. Zum anderen gibt es viele kommerzielle Produkte, die ich als ausgesprochen dröge empfinde, nicht nur im Bereich des Comics. Diese Formulierungen im Forum empfinde ich als ausgesprochen kulturfeindlich.

Das Gleiche gilt für die Einschätzung der Medienberichterstattung: In diesem Jahr haben das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF, 3sat, das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“, das Fernsehen der Deutschen Welle, das Bayerische Fernsehen, die Frankfurter Allgemeine, die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung, die Stuttgarter Zeitung, die Berliner Zeitung, der Berliner Tagesspiegel, die WAZ, die tageszeitung, mehrfach die Deutsche Presseagentur usw. vom Salon berichtet. Jetzt kann man natürlich sagen, das ist alles zu elitär. Oder: das sind alles nur Medien für Minderheiten. Aber was wäre denn dann die Alternative?


Der Unterschied zu den USA besteht ja vielmehr darin, dass dort "populäre" Titel im Vordergrund stehen, während man hier eher das "elitäre Moment" auch im Alben-Bereich hochhält. Mittlerweile gibt es im Albensegment nur noch teure Gesamtausgaben oder Noble HC-Ausgaben für viel Geld. Nichts mehr für Kinder. Dieses haben einige Verlage für sich so erkannt und ziehen beispielsweise schon in Frankfurt in den Erwachsenen-Buch-Bereich. Große Hoffnungen setzt man auf das Zauberwort „Graphic Novels“. Sind diese die Zukunft des Comics?

Comic Salon Erlangen 2010
Bodo Birk: Diese Frage müssten Sie natürlich eigentlich einem Comic-Markt-Experten stellen. Das bin ich nicht und kann und will mich deshalb an dieser Stelle auch nicht zu der Politik der Verlage äußern. In den Graphic Novels sehen wir in Erlangen natürlich nicht DIE Zukunft der Comics. Aber wir sehen, dass die Bezeichnung und die zahlreichen Neuerscheinungen auf diesem Gebiet – schließlich handelt es sich ja bei den Graphic Novels nicht nur um ein Label, sondern um eine inhaltliche Entwicklung – die eine große Chance für den Comic-Markt bietet, sein Nischendasein zu überwinden und eine breite kulturinteressierte Leserschaft hinzuzugewinnen. Dies geschieht auch über die Feuilletons und den Buchhandel und nimmt den klassischen Comics – was auch immer das sein mag – keinen einzigen Leser weg. Im Gegenteil: Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere Käufer einer Graphic Novel über diese Lektüre auch zu anderen Bereichen der grafischen Literatur Zugang findet. Insofern verstehe ich die Auseinandersetzungen und Eifersüchteleien in der Branche zu diesem Thema überhaupt nicht. Wir sollten gemeinsam jede Chance ergreifen, die sich uns bietet!


Auch ein Problem auf deutschen Festivals: es gibt kaum echte Stars im deutschen Unterhaltungs-Comic-Bereich, die in der gleichen Liga wie die franko-belgischen, japanischen oder US-Stars spielen. Das ist dann natürlich auch ein Problem für Erlangen und Co. Diese großen ausländischen Künstler-Namen winken bei Erlangen meist ab. Außer sie bekommen einen Preis. Damit fehlen aber auch die Besucher-Magneten. Die meisten Fans wollen auch Signaturen mit nach hause nehmen. Manche kommen nur deshalb. Wie könnte man die großen Stars anlocken? Georg brachte Signatur-Zahlungen der Fans, wie in den USA ins Gespräch und bemängelte, dass die deutschen Fans alles für lau haben wollen …


Bodo Birk: Natürlich können wir hinsichtlich der Stars nicht mit den Franzosen, Belgiern, Japanern oder Amerikanern mithalten. Aber auch der deutsche Comic hat einige Stars zu bieten, Ralf König, Volker Reiche, cTom, Rötger Feldmann, um nur einige zu nennen. Und eine ganze Reihe junger deutscher Zeichner sind kurz davor, Star-Status zu erreichen, zum Beispiel Reinhard Kleist, Isabel Kreitz, Jens Harder, Nicolas Mahler, Uli Oesterle, Uli Lust usw.
Comic Salon Erlangen 2010
Aber natürlich wird ein großes Comic-Festival in Deutschland nicht ohne internationale Stars auskommen können. Ich will ja gar nicht bestreiten, dass es nicht einfach ist, die großen Namen zu bekommen. Aber ich kann andererseits nicht bestätigen, dass die internationalen Künstler bei Erlangen gleich abwinken würden: Albert Uderzo, Gosho Aoyama, Jacques Tardi, Lorenzo Mattotti, Dave McKean, Pierre Christin, Milo Manara, Derib und viele andere haben in den letzten Jahren das Gegenteil bewiesen. Und sie haben nicht alle einen Max und Moritz-Preis in Erlangen abgeholt.

Sicherlich wäre es einfacher, internationale Stars nach Erlangen zu holen, wenn der deutsche Comicmarkt eine entsprechende Bedeutung für sie hätte. So müssen wir versuchen mit anderen Pfunden zu wuchern: einem guten Programm, einer professionellen Betreuung, einer Festivalatmosphäre die sich in der Szene herumspricht, sodass sich die Stars in Erlangen wohl fühlen. Das bringt meiner Auffassung nach mehr, als ein paar hundert Euro, die vielleicht durch bezahlte Signaturen erzielt werden könnten.
Comic Salon Erlangen 2010

Ausgesprochene Manga-Verlage fehlen in Erlangen. Dafür veranstalten diese Cons wie der Animagic oder Connichi, nur das dorthin natürlich erheblich mehr Besucher kommen. Und dass diese Cons für die Wochenendtage oft schon Monate vor Beginn der Veranstaltung ausverkauft sind (und das trotz horrender Eintrittspreise!). Diese Festivals sind exakt auf eine spezielle Zielgruppe ausgerichtet. Gäbe es für den Salon eine theoretische Chance, all diese Comic-Gruppen unter einen Hut zu bringen und eine Art Super-Festival durchzuführen oder wäre so ein Megaevent, vergleichbar mit San Diego, dann doch eher einer Messestadt wie Leipzig oder Frankfurt oder welche auch immer vorbehalten?


Bodo Birk: Der Internationale Comic-Salon Erlangen will nach wie vor das Comic-Festival in Deutschland sein, das die gesamte Bandbreite der grafischen Literatur in seinem Programm widerspiegelt. Am weitesten sind wir von diesem Ziel zurzeit sicherlich beim Manga entfernt. Diese Szene ist für uns schwer zu erreichen, weil sie – wie Sie ja selbst sagen – ihre eigenen attraktiven Großereignisse hat. Natürlich kann und will Erlangen Veranstaltungen wie der Connichi oder der Animagic auch keinesfalls Konkurrenz machen. Wir sind aber davon überzeugt, dass auch die Manga-Fans zur Comic-Szene dazugehören und werden nicht in unseren Bemühungen nachlassen, uns im Bereich Manga besser aufzustellen. Unter diesen realistischen Vorgaben wüsste ich nicht, warum es uns nicht gelingen sollte, alle Comic-Gattungen in unserem Programm zu repräsentieren. Zumindest deutet nichts darauf hin, dass es für Erlangen schwieriger sein sollte, als für die angesprochnen Messen in Frankfurt und Leipzig...


Fazit: Hinter allem steht natürlich das große € oder $ -Zeichen. Bei der Diskussion sollte man auch die Realitäten nicht vergessen. In den USA stehen riesige Konzern, im Falle von DC mit Time Warner und im Falle von Marvel mit Disney die größten Medienkonzerne der Welt hinter den Comic-Verlagen. In Deutschland sind das in der Masse Kleinst- und Mittelständische Unternehmen. Hinzu kommen einige wenige „Große“ (z.B. ECC, Panini, Carlsen), die von Konzernen wie Time Warner oder Disney weit entfernt sind. Sind Konzepte mit mehreren kleineren bis mittelgroßen Festivals für Deutschland nicht doch die richtige Richtung?


Bodo Birk: Ihre Einschätzung Deutschlands im Vergleich zu den großen Comic-Nationen teile ich natürlich in vollem Umfang. Ein deutsches Comic-Festival kann nicht größer und bedeutender sein, als der deutsche Comic-Markt. Auf der anderen Seite sollten wir – auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole – unser Licht auch nicht zu sehr unter den Scheffel stellen. Die deutsche Comic-Szene hat sich in den letzten Jahren toll entwickelt und wird auch international mit Interesse beobachtet. Und der Internationale Comic-Salon Erlangen ist – bei aller Bescheidenheit – auch im internationalen Vergleich keine ganz unbedeutende Veranstaltung. Über allem schwebt in Europa natürlich das Festival in Angoulême, dahinter folgen eine Reihe großer Festival wie Neapel, Barcelona, Lucca, Posen usw., zu denen auch Erlangen zählt. Wir spielen also durchaus in der Champions-League mit, wenn auch nicht ganz an der Spitze.
Comic Salon Erlangen 2010

Die Zukunft des Erlangener Comicsalon wird beinahe vor jeder Veranstaltung diskutiert. Wie sieht die Zukunft für den Salon aus?

Bodo Birk: Das kann niemand mit hundertprozentiger Sicherheit einschätzen. Sicherlich hat der Internationale Comic-Salon Erlangen in den letzten Jahren weiter an Akzeptanz vor Ort gewonnen. Er wird – neben seinem kulturellen Wert – auch als Wirtschaftsfaktor für Erlangen und Imageträger für die gesamte Region angesehen. Nicht umsonst wurde der Comic-Salon neben den Bayreuther Festspielen, den Bamberger Symphonikern und dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu einem der zehn Top-Kulturereignisse der Europäischen Metropolregion Nürnberg gewählt.

Andererseits hat die Vergangenheit auch immer wieder gezeigt, dass in Zeiten knapper kommunaler Haushalte alles in Frage gestellt wird, wozu die Kommunen nicht gesetzlich verpflichtet sind. In Erlangen jagt derzeit ein Sparhaushalt den nächsten und in jedem Jahr werden vor allem die Kulturetats erneut in Frage gestellt. Das in Erlangen überaus populäre Internationale Figurentheater-Festival 2011 konnte nur durch die Firma Siemens gerettet werden, um ein Haar hätte der Erlanger Stadtrat in diesem Jahr das Weihnachtsmärchen für die Kinder am Theater Erlangen gestrichen. Vor diesem Hintergrund muss man auch die Zukunft des Internationalen Comic-Salons sehen. Auch er muss jedes Mal aufs Neue erkämpft werden. Derzeit sind wir aber zuversichtlich, gute Argumente für seine Fortführung zu haben. Wir gehen also davon aus, dass der Internationale Comic-Salon 2012 in gewohntem Umfang und entsprechender Qualität stattfinden kann. Vorausgesetzt natürlich, dass die deutsche Comicbranche uns weiterhin darin unterstützt.
Comic Salon Erlangen 2010

Vielen Dank für die Statements!

Bodo Birk: Vielen Dank für die Gelegenheit zur Stellungnahme!
 
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