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geschrieben von Micha am Samstag, 17. Januar 2009 (12298 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

Blow me down!



Popeye von E. C. Segar Dass Nebenfiguren sich zu Hauptfiguren aufschwingen, ist in der Geschichte der Comics gar nicht so unüblich. Man denke an Donald Duck, den ehemaligen Sidekick von Micky Maus, an die Schlümpfe, das blaue Zwergenvolk aus „Johann und Pfiffikus“, oder an Spirous Marsupilami. Dies geschieht in der Regel in Form von „Spin-offs“. Dass aber eine Nebenfigur eine Serie aber komplett übernimmt und die Hauptfiguren verdrängt, das dürfte nur Popeye gelungen sein, der am 17.Januar 1929 erstmals eine Druckpresse verließ – exakt eine Woche nach Hergés Tim und Struppi.

Popeye

Zu dieser Zeit lief der Strip namens „Thimble Theater“ (Fingerhuttheater) bereits über neun Jahre in den amerikanischen Tageszeitungen, als Tagesstrip und als Sonntagsseite. Zeichner Elzie Chrysler Segar erzählte darin mit skurrilem Humor von den Abenteuern des kleinwüchsigen, geldgierigen Castor Oyl, seiner hochgewachsenen Schwester Olive Oyl und ihrem spießigen Liebhaber Ham Gravy. Popeye wurde von Castor als Mannschaft für ein soeben gekauftes Schiff angeheuert und im Verlauf der Geschichte von Segar als Charakter immer weiterentwickelt. Mit den wulstigen Unterarmen (wohl eher eine zufällige Schöpfung, um die Anker-Tätowierungen darauf unterbringen zu können), dem verkniffenen Gesicht, der merkwürdigen Sprechweise und den verschrobenen Ansichten hatte diese Figur in kürzester Zeit um einiges mehr Profil als Castor und Ham nach neun Jahren. Obwohl Popeye am Ende des Abenteuers von Castor vorerst als Nebenfigur verabschiedet wurde, holte Segar ihn mitten in der nächsten Geschichte ohne eigentliche dramaturgische Notwendigkeit zurück.

Popeye

Ham Gravy wurde das erste Opfer Popeyes. Nicht nur, dass er Popeyes ersten Schlag überhaupt abbekam, er war als Figur in seiner Konzeption als öder Spießer dem kauzigen Popeye mit hoffnungslos unterlegen. In das nächste Tagesstrip-Abenteuer brach Castor dann im Oktober 1929 mit Popeye statt Ham auf, der kommentarlos fallengelassen wurde.



In den Sonntagsseiten hielt Ham etwas länger durch. Als er aber im März 1930 von einem zweijährigen Wildwest-Abenteuer mit Castor zurückkehrte, fand er seinen Schatz Olive auf Popeyes Schoß und überließ sie nach kurzem Kampf angewidert seinem Konkurrenten. Auf lange Sicht sollte es auch Castor kaum besser ergehen. Nachdem er noch einige Zeit ein Duo mit Popeye bildete, trat er in der Story um den „Großen Rauhbein-Krieg“ ab Mai 1931 funktionslos in den Hintergrund und tauchte in den folgenden Jahren nur noch sporadisch im Strip auf. Nur Olive blieb von der Ursprungsbesetzung. Popeye hatte sich durchgeboxt.



Was zeichnete Popeye aus? Einen großen Wiedererkennungswert hatte und hat er durch sein Aussehen, das knautschige Gesicht mit dem Doppelkinn und dem zugekniffenen Auge sowie die keulenförmigen Unterarme. Dazu kommt noch eine unbeholfene Sprechweise, die die an sich recht simple englische Grammatik nicht zu bewältigen weiß, an einer teilweise falsche Aussprache krankt (z.B. „fisk“ statt „fist“, „thousing“ statt „thousand“) und an Fremdwörter beständig scheitert. Dieser Charakterzug fällt leider in deutschen Übersetzungen fast immer weg; nur Ebi Naumann hat Popeye in der Kompilation im Mare-Verlag einen ganz eigenen Sprachduktus verliehen, ist dabei allerdings etwas über das Ziel hinausgeschossen.



Popeye

Was Popeye aber aus dem Trivialen heraushebt (zumindest zu Segars Zeiten), ist sein stoischer Charakter gepaart mit der naiven Weltanschauung. Nichts beeindruckt ihn, er lässt sich nichts gefallen und bleibt trotz intellektueller Unterlegenheit gegenüber seinen Widersachern immer der Sieger. In Aufregung versetzt ihn allenfalls die Angst vor „evil spiriks“ (lies: „spirits“). Auch wenn er manchmal etwas zweifelhafte Methoden wählt, seine Ziele zu erreichen, bleibt er mit sich selbst im Reinen: „When a man does what he thinks is right – he deserves credick (credit) even if he's wrong!“

Also tut er, was immer er für richtig hält. Als im Januar 1933 in Deutschland die Machtergreifung in vollem Gange ist, manipuliert Popeye im Inselstaat „Nazilia“ die Königswahl munter und ungeniert zu Gunsten des Amtsinhabers König Blozo, weil er den Herausforderer, General Bunzo, für einen Schurken hält. Weil er damit Recht hat und auch sonst mit Freude uneigennützig handelt, sieht der Leser ihm das gerne nach.

Egoistisch ist Popeye lediglich, wenn es um sein Hobby, das Prügeln geht. Hier reicht ihm auch ein kleinster Anlass, jemanden zu Brei zu schlagen. Als er 1931 in Rough-House's Café zweimal hinterrücks mit einem Spucknapf beworfen wird und anschließend keiner zugibt, es gewesen zu sein, haut er kurzerhand sämtliche Gäste k.o. („I gotta sock somebody, ain't I?“), nicht ohne sich anschließend zu entschuldigen: „All what's innercent I begs yer pardon“. Nicht einmal Olivias Forderungen, sich nicht mehr zu prügeln, fruchten. Als ihm in ihrer Begleitung ein Rüpel auf den Fuß tritt und eine Entschuldigung verweigert, bittet sie ihn inständig, nicht zu kämpfen. Das verspricht Popeye, lenkt Olivia dann jedoch mehrfach mit einem billigen Trick ab (Hey, Olive – ain't that Lizzy Fidget over there?), um dem Flegel einen Fausthieb auf die Rübe zu verpassen. Am Ende der Sontagsseite fliegt der Trick jedoch auf, denn der Mann kippt k.o. Zu Boden. Er hätte sich eben entschuldigen sollen.

Popeye



In Popeyes Anfangsszeit ist der Strip unglaublich brutal. Das änderte sich Mitte der 30er, als Popeye zu einer Identifikationsfigur für Kinder wurde. Segars Assistent Bud Sagendorf berichtet, der Herausgeber habe Segar ein Telegramm geschickt, in dem er verlangte, dass Popeye wegen seines Vorbildcharakters nicht mehr grundlos zuschlagen und auch nicht mehr fluchen dürfe und respektabel sein müsse. So erging es Popeye wie Micky Maus, der als in seiner Laufbahn als Held immer langweiliger wurde. Segar reagierte kreativ darauf, indem er als Ausgleich Popeyes Vater Poopdeck („Achterdeck“) einführte, der Popeyes Brutalität und Amoralität im Quadrat besaß. Allerdings waren Popeyes Gesichtszüge schon zuvor immer weicher geworden und nicht mehr so abgewrackt wie zu Beginn.



Was Segars „Thimble Theater“ über die Figur Popeyes hinaus auszeichnete, waren die für einen Cartoonstrip sehr lebensnah charakterisierten Figuren mit ihren Schwächen und Nöten. Zu nennen sind da der weinerliche König Blozo, der dummdreiste Oskar, der zartbesaitete Urmensch Toar und vor allem der geniale Schnorrer John W. Wimpy. Auch Popeyes Beziehung zu Olivia ist von einer starken Ambivalenz gezeichnet, die beide auch stets nach anderen Partnern Ausschau halten lässt. Olivia lässt sich sogar wiederholt vom feisten, aber redegewandten Wimpy betören, obwohl sie wissen müsste, dass seine Liebe allein leckeren Hamburgern mit Gurken, Zwiebeln und Salat gehört. Außerdem ist Segars Humor von einer aberwitzigen Skurrilität, die keiner seiner Nachfolger erreichen sollte. Beispiel: Als Popeye König Blozo bei einer Finanzkrise rät, mehr Geld zu drucken, bekommen die beiden vom Drucker mitgeteilt, er habe nur noch gerade genug Papier, um sich sein eigenes Gehalt zu drucken. Später wird Popeye selbst König eines neuen Landes und führt Massentrauungen durch, die zu Verwirrungen führen, weil keiner mehr weiß, mit wem er eigentlich verheiratet ist. Popeye löst das Problem, indem er die Männernamen auf die Rücken der Damen malt, was bei Joe, Jim und Bill ok ist - „Alexander“ jedoch muss sich eine dickere Braut suchen, auf dessen Rücken sein Name passt.

Popeye

Und zu guter Letzt ist Popeye natürlich Ahnherr der Superhelden. Er stark genug ein Haus hochzuheben, kann auch Karbolsäure verdauen und steckt Gewehrkugeln ohne mit der Wimper zu zucken weg. Schon 1932 bezeichnete ein Beobachter Popeye und seinen Gegner Bluto als „Supermen“ - sechs Jahre vor dem Superman, nach einer Übersetzung von Nietzsches begriff „Übermensch“. Anders als spätere Superhelden muss er sich aber nicht hinter einem Kostüm verstecken und bleibt authentisch er selbst.

Popeye

Segars Nachwirkung ist groß. Von seinen Wortschöpfungen sind einige in die amerikanische Alltagssprache eingedrungen. Sein Fabelwesen „Jeep“ wurde zum Namensgeber des berühmten Geländewagen und Vorbild des Franquinschen Marsupilamis. Auch Asterix' Zaubertrank gemahnt an die Wirkung des Spinats auf Popeye (Spinat wurde damals wegen eines Kommafehlers für besonders eisenhaltig gehalten), und eine Hamburgerkette in den USA hat sich „Wimpy's“ benannt.



Auch hierzulande sind stilprägende Einflüsse deutlich, etwa bei Volker Reiche, dessen „Herr Leo“ aus „Strizz“ die Körpergröße von Castor Oyl und den Schnurrbart von Wimpy ausborgt:



Popeye



Ein anderes Beispiel:



Popeye



Auch der große Bernd Pfarr hat seinen Segar gut studiert:



Popeye



Popeye

Leider war es Segar keine 10 Jahre gegönnt, an seiner Erfolgsfigur zu arbeiten. Am 13. Oktober 1938 verstarb Segar im Alter von nur 43 Jahren mitten in einer Phase, als seine Geschichten immer runder und stimmiger wurden. Keiner seiner Nachfolger konnte seine Figuren so lebendig werden lassen, und keiner hat nennenswerte Figuren hinzuerfunden, nicht einmal sein ehemaliger Assistent und Schwiegersohn Bud Sagendorf der ab 1940 Popeye-Comichefte verfasste und zeichnete und 1958 den Zeitungsstrip übernahm. Und dennoch blieb Segars Werk trotz der höheren Qualität im Markt weniger präsent als das seiner Nachfolger, weil sich die in den 30er Jahren auf das Zeitungsformat ausgerichteten Comics nur schwer in gängigen Buchgrößen nachdrucken ließen und mittlerweile auch die Archive nicht mehr vollständig waren. Auf deutsch gab es eigentlich nur in den 70er Jahren eine Ausgabe im Melzer Verlag und dreißig Jahre später den großen Band im mare Buchverlag mit der Übersetzung von Ebi Naumann Um so erfreulicher, dass Fantagraphics nun eine sorgfältig Werkausgabe im Großformat mit allen Segar-Arbeiten begonnen hat und bereits auf der Hälfte angelangt ist. Insgesamt werden es sechs Bände sein, die jährlich im Herbst erscheinen.



Popeye



Quellen:



Ich, Popeye : Melzer Verlag 1976

Popeye – die ersten 50 Jahre : Ehapa, 1979

Popeye : mare Buchverlag, 2006

E.C.Segar's Popeye, Bd 1-3 : Fantagraphics, 2006-2008



Popeye von E. C. Segar



Weiteres Bildmaterial:

www.strizz.de

Alle lieben Sondermann : Eichborn, 1993







(c) der Abb.: Melzer, Ehapa, mare, King Features Syndicate Inc.

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