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03. Sep 2010
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Mystery/Krimi: Special: 40 Jahre Bruno Brazil

Mystery/Krimi

Agenten-Klassiker von GREG


Bruno Brazil
von Oliver Manstein und Michael Hüster

Ursprünglich war dieser Beitrag ebenso wie das GREG-Special für die Sprechblase des Norbert Hethke-Verlags geplant. Leider kam der Artikel durch den Tod des Verlegers und die Auflösung des Verlages dort nicht mehr zum Abdruck. Darum lesen Sie die beiden Specials komplett im Zack Magazin 124 + 125 UND/ODER eben HIER auf der ComicRadioShow...


Als GREG 1966 die Rolle als Chefredakteur beim Comic-Magazin Tintin übernahm, erlebte dieses in den Jahren 1966 bis 1974 eine der erfolgreichsten Phasen überhaupt.
Mit einer ganzen Reihe neuer Serien und Helden brachte GREG das berühmte Magazin wieder auf einen erfolgreichen Kurs. Eine dieser Serien, die 1967 mit Test-Kurzgeschichten begannen, war BRUNO BRAZIL, für die GREG sich das Pseudonym Louis Albert zulegte, um eine Überpräsenz seines Namens als Autor zu vermeiden und die von William Vance gezeichnet wurde.
Bruno Brazil

William Vance wurde am 8.9.1935 als William van Cutsem in Anderlecht/Belgien geboren. Er studierte an der Akademie der schönen Künste in Brüssel und arbeitete ab 1956 zunächst sechs Jahre als Werbegrafiker. Nach ersten Illustrationen im Jahre 1962 entstand für die Zeitschrift Tintin 1964 die von Horatio Hornblower inspirierte Seefahrerserie ‚Howard Flynn’ nach einem Szenrio von Yves Duval. Zusammen mit dem Texter Jacques Acar kreierte Vance 1965 die Westernserie ‚Ringo’.
Bruno Brazil
Aber erst ab 1967 wurde Vance richtig berühmt: Zunächst entstand nach Texten von Louis Albert, ebenfalls für Tintin, die Serie ‚Bruno Brazil’. Dann folgte im gleichen Jahr die Übernahme der Science-Fiction-Serie Bob Morane, die Vance nach Erzählungen von Henri Vernes zeichnete und die in dem wöchentlichen Magazin Femmes d'Aujourd'hui erschien. Die Serie wurde später von Coria übernommen.
Parallel zu den Serien Bruno Brazil und Bob Morane zeichnete Vance für Femmes d'Aujourd'hui zwei neue Ritterserien: zunächst ab 1973 Roderic nach einem Szenario von Lucien Meys und ab 1974 Ramiro nach einem Szenario von Jaques Stoquart. 1976 folgte eine neue, im 18. Jahrhundert angesiedelte Seefahrer-Serie: Bruce J. Hawker (Szenarios: Vance, André-Paul Duchâteau).
Seit 1984 zeichnet Vance die sehr erfolgreiche Agentenserie XIII nach einem Szenario von Jean van Hamme. Gemeinsam mit Jean Giraud (Text) verwirklichte Vance 1991 und 1993 die ersten beiden Bände der Serie Marshal Blueberry.
Bruno Brazil
Die Agenten-Serie Bruno Brazil, die von GREG zunächst als eine Art James Bond-Parodie angelegt war, bietet dem Leser viel Spannung und atemberaubende Aktion mit geheimnisvollen Hintergründen und nicht selten bezahlen die Gegner mit ihrem Tod.
Bruno Brazils Abenteuer begannen mit fünf Kurzgeschichten, in denen der Held, ebenso wie im ersten Album, zunächst solo agierte (weitere sollten später folgen). In diesen ersten Kurzgeschichten dominierte Humor und Slapstick, und es gab einige Anleihen, die an Ian Flemmings James Bond erinnern.

Diese Kurzgeschichten aus der Anfangszeit der Serie wurden später, mit einer Rahmenhandlung versehen und zu einem Album zusammengefasst (Band 10, Dossier Bruno Brazil, dt. Dossier Bruno Brazil).

Doch die Autoren GREG und Vance entwickelten die Serie weiter und ließen sie aus dem Bond- bzw. Agentenklischee ausbrechen. Die Eigenständigkeit der Serie und der Figur Bruno Brazil erfolgte spätestens mit der Gründung des Kommando Kaiman, einer Art Guerillatruppe.

In neun albenlangen Abenteuern konnte sich Brazil, ab Band 2 als Teil seiner Multifunktions-Truppe, beweisen. Mit seinem Team kämpft Bruno Brazil weltweit u. a. gegen Kriminelle aller Art, Mafia, Menschenhändler und Agenten. Für sein sechsköpfiges Kommando Kaiman rekrutierte Bruno Brazil seinen Bruder Billy, den Schusswaffenexperten Gaucho Morales, den schlagkräftigen Cowboy Texas Bronco, den jojospielende Big Boy Lafayette und natürlich die hübsche, Peitschen schwingende Whip Rafale.

Im ersten Album (Le requin qui mourut deux fois, dt. Der Hai der zweimal stirbt, Hinweis: Die Nummerierungen in diesem Beitrag entsprechen den Nummern der Carlsen-Alben bzw. bei Band 11 dem Stripspiegel-Titel) agierte Bruno Brazil noch weitgehend allein, lediglich der aus den Kurzgeschichten bekannte Barney Hawks begleitet Brazil nach Caraguay. Dort jagen sie einen Ex-Nazi und einen fiktiven Schatz in einem U-Boot.
Bruno Brazil
Im zweiten Album (Commando Caiman, dt. Kommando Kaiman) kommt es zu einer völligen Neukonzeption der Serie: Bruno gründete das Agenten-Team Kommando Kaiman, das in der Folge die eigentliche Hauptrolle in der Serie übernahm. Titelheld Bruno Brazil selbst spielte 'nur noch' als Mitglied, wenn auch als Anführer des Kommandos, eine Rolle. Mittels eines Dschungel-Spezialtrainings wird die Truppe in kürzester Zeit zu einer schlagkräftigen Einheit geformt. Der erste Auftrag der Kaimane ist die Zerstörung eines geheimen TV-Senders, der Fernsehbilder manipuliert. Das Kommando Kaiman wird während des Einsatzes nicht nur schwer getroffen (Texas Bronco bricht sich die Beine und Billy sowie Gaucho werden angeschossen), es schafft sich auch mit ‚Rebelle’ eine ebenso hübsche wie erbittere Feindin.
Bruno Brazil
In den beiden weiteren Abenteuern gilt es Rebelle auszuschalten, die das Kommando zunächst mit einem geheimnisvollen Hirnwellensenders vernichten will (Band 3, Les yeux sans visage, dt. Die teuflischen Augen), aber von Brunos Team in Band 4 (La cité pétrifiée, dt. Die versteinerte Stadt) nach dem Versuch, eine Einrichtung der US-Bundesbank zu überfallen, gestellt wird. Dieser Band glänzt nicht nur durch tolle Actionszenen sondern auch durch den Einsatz von Hochtechnologie, als Rebelle einen Ultraschallsender einsetzt, um jedes Lebewesen in Bewusstlosigkeit zu versetzten.

In den Bänden 5 + 6, einer von Greg glänzend inszenierten Kriminalgeschichte, säubert das Team Sacramento von der Mafia (La nuit des chacals, dt. Die Nacht der Schakale und Sarabande à Sacramento, dt. Höllentanz in Sacramento).
Dieser einzige Bruno Brazil-Zweiteiler ist eines der besten Szenarios der Serie! Außerdem taucht im Szenario erstmalig verstärkt der Familien-Aspekt auf: Die Helden haben, in diesem Fall Gaucho Morales, eine Biographie und einen familiären Hintergrund. Dieser Aspekt wird später mit der Hochzeit von Bruno Brazil (Band 8) weiter ausgebaut.
Bruno Brazil
In Band 7 hat das Team einen Einsatz in Thailand (Des caimans dans la rizière, dt. Akashitos Vermächtnis). In Bangkok soll es den Start einer alten japanischen Rakete aus dem 2. Weltkrieg verhindern, die die Welt bedroht. Startete Greg seine Agentenserie anfänglich noch ganz im Stil gängiger Helden-Muster des Agenten-Genres, so brach er 1973 in Tintin mit einem Klischee, indem er mit einem 'Kaiman' eine Hauptperson sterben ließ: Big Boy Lafayette.
Bei der Veröffentlichung dieser Geschichte im Comic-Magazin ZACK ging man 1974 sogar so weit, Big Boy nicht sterben zu lassen, da man dem Leser diesen ‚Schock’ nicht zumuten wollte. Kurzerhand wurde die Textstelle in der Handlung geändert und Big Boy schwer verletzt ins Krankenhaus verlegt.

In Band 8 (Otage aux aléoutiennes, dt. Bewährung für das Kommando Kaiman) heiratet Team-Leader Bruno Brazil zunächst Gina, die er im vorherigen Album kennen gelernt hatte.
Gemeinsam adoptierten die beiden den Thai-Jungen Mai, eine Ähnlichkeit zu Gregs Andy Morgan, wo der aus Indien stammende Schiffsjunge Ali zum ständigen Begleiter des Helden wird. Nachdem das Team mit dem langhaarigen Tony Nomade, einem Späthippietyp, wieder vervollständigt wurde, muss sich die Elitetruppe mit einer Bande von Menschenhändlern auseinandersetzen.
Bruno Brazil
Als völliger Bruch mit den Lesegewohnheiten und ungeschriebenen Seriengesetzen wird im letzten albenlangen Abenteuer (Band 9, Quitte ou double pour Alak 6, dt. Die Myxin-Formel) das Kommando Kaiman komplett demontiert: Bei dem Versuch einen Ex-Agenten und Geheimnisträger einer wichtigen Formel in Sicherheit zu bringen, sterben mehrere Mitglieder oder werden zu Krüppeln. Lediglich Bruno und der zur 'heimlichen Hauptfigur' avancierte Goucho Morales kommen einigermaßen heil davon. Das Team ist damit nicht mehr einsatzfähig.

Diese beiden Helden stellen interessante Gegenpole dar: Auf der einen Seite Bruno, der weißhaarige westliche, bis zur Emotionslosigkeit rationale und nüchterne 'edle' Held, auf der anderen Seite Gaucho: südländischer Typ, dunkelhaarig (dieser Unterschied besteht auch bei den Rauchutensilien: Bruno weiße Zigaretten, Gaucho dunkle Zigarillos), aufbrausend und temperamentvoll, der allein schon durch Gesetzesübertretungen alles andere als 'edel' ist...

Mit diesem fulminanten Höhepunkt war die Serie aber gleichzeitig auch am Ende. Darüber können auch die nun noch folgenden drei Kurzgeschichten (1978, 1982, 1983) mit Bruno und Goucho nicht hinwegtäuschen (zusammengefasst in Deutschland in Band 10, Die Rückkehr des Bruno Brazil), die im Grunde nur das Dilemma belegen: In der Demontage der Seriengesetze lag zwar einerseits der Reiz der Serie, der ihren Erfolg ausmachte, gleichzeitig entzog sie ihr andererseits die Grundlage für eine Weiterführung. Ein Ausweg aus dem Dilemma wäre vielleicht der Aufbau eines neuen Agenten-Teams gewesen, doch ein entsprechend konzeptioniertes Album blieb ein sechsseitiges Fragment (1977, La Chaîne Rouge, dt. Die rote Kette).
Bruno Brazil
Bruno Brazils Kurzgeschichten der Anfangszeit erschienen in Deutschland zunächst bei MV Comix. Den zweiten ‚Auftritt’ bekam die Serie beim Koralle-Verlag ab 1972.

In ZACK und der Albenreihe ZACK Comic Box erschienen neben den frühen Kurzgeschichten (s.o.) sämtliche albenlangen Geschichten (z. T allerdings stark gekürzt) sowie die erste der späteren Kurzgeschichten. Während dieser ZACK-Zeit erlebte die Serie Bruno Brazil in Deutschland unzweifelhaft ihren Höhepunkt. Vielleicht wird sich der eine oder andere Leser noch daran erinnern, wie in der Ausgabe 39/1972 ein neuer ZACK-Held angekündigt wird: „Super-Detektiv Bruno Brazil wird eingeschaltet, als ein mysteriöses Bild auf den amerikanischen Fernsehschirmen die US-Sicherheitsbehörden in Panik versetzt“ und die Vorschau ergänzt: „ Bruno Brazil sucht in fieberhafter Eile die Leute für sein Team zusammen. Dabei scheut er auch nicht vor Gefängnisinsassen zurück.“
Die in ZACK 39/1972 bis 45/1972 zum Abdruck gekommene Geschichte war ‚Kommando Kaiman’. Man begann bei ZACK also nicht mit den frühen Geschichten, sondern bereits mit dem zweiten langen Abenteuer, in dem das Kommando gegründet wurde.

1985 erschienen die ersten drei Alben auf deutsch bei Bastei, doch erst die 10-bändige Albenausgabe durch Carlsen (1987-1991), die sich an den bis dahin im Original erschienenen Alben orientierte, erschloss dem deutschen Leser 'den kompletten Bruno Brazil'.
Komplett? Nicht ganz! Denn im Original waren bis 1983 noch drei weitere Kurzgeschichten erschienen. Diese wurden 1994 als Album zusammengefasst, allerdings nicht vom Originalverlag Lombard / Dargaud sondern in deutscher Sprache von dem Kleinverlag Stripspiegel Comics: in der Comiclandschaft eine kleine Sensation!

Erstmalig hatte der deutschsprachige Leser seinen westlichen Nachbarn mit diesem Album etwas voraus. 1995 startete Lombard / Dargaud eine Neuauflage der BRUNO BRAZIL-Alben mit neuen Titelbildern. Der erste Band dieser Neuausgabe enthielt die Kurzgeschichten des in Deutschland erschienen 11. Albums, erweitert um die Erstveröffentlichung der ersten sechs Seiten des Fragments der unvollendet gebliebenen 10. Albumstory.
Erst 2001 wurde dieses Fragment mit dem Titel „Die rote Kette“ (La Chaîne Rouge) im ZACK-Sonderheft 2 auch endlich für deutschsprachige Fans der Serie zugänglich.

„Mit Bruno Brazil haben GREG und Vance zweifellos eine außergewöhnliche Comic-Serie geschaffen, die unter meisterhafter Verwendung der wichtigsten Klischees groß wurde, später zahlreiche dieser Klischees widerlegte oder gar ad absurdum führte, zahlreiche innovative Schritte setzte, wie etwa den Tod eines Serienhelden, und somit eine geradezu ‚ungeheuerliche’ Eigenständigkeit bewies (Zitat aus „James Bond mit Verstärkung“ von Herbert Kampl, Die Rückkehr des Bruno Brazil, Band 11).“

(c) der Abb.: Bastei, Carlsen, Vance
geschrieben von M.Hüster am Mittwoch, 27. Februar 2008 (4242 Aufrufe)
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