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geschrieben von Maqz am Freitag, 07. September 2001 (4774 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

Der Beginn einer neuen Trilogie


Cover: Der Schlaf...
Für die Fans des in Belgrad geborenen Ausnahmekünstlers Enki Bilal ist der November 1998 ein Glücksmonat. Endlich, nach sechs Jahren Pause zeichnet der Meister wieder Comics. Was lange währt wird endlich gut, meint man. Dem kann ich aber nicht uneingeschränkt zustimmen.

Nein, nicht weil es schick ist als Kritiker an einem bestimmt erfolgreichen Comic doch noch etwas Negatives zu finden.

Nein. Es ist das Thema und seine Umsetzung: Der Krieg in Bosnien ist auch für einen nur TV-Beteiligten wie mich noch sehr real im Gedächtnis verankert. Die fiktionale Umsetzung ist darum für mich etwas irritierend, wenn auch von Bilal sehr faszinierend und wirksam umgesetzt. Grundsätzlich verurteile ich Geschichten, die reale Ereignisse benutzen um sie für einen nicht realen Handlungsstrang zu instrumentalisieren. Warum ist das so?

1. Ist die reale Geschichte nicht spannend genug um sie mit Fiktion zu verpacken? und

2. Ist die Fiktion zu schwach, so dass sie die schreckliche Kriegs-Realität als "Gewürz" benötigt um sie "schärfer" zu machen.
Cover: Fax aus Sarajevo

Muß nur eine dieser Fragen mit ja beantwortet werden, dann ist die Geschichte
falsch! Ich akzeptiere die Umsetzung realer Berichte, wie Joe Kuberts Fax
aus Sarajevo
. Auch satirische Umsetzungen (mit Abstrichen auch Hermanns
Sarajevo Tango) eines Themas halte ich für legitim. Ich persönlich
beantworte beide Fragen mit einem Ja!

Aber die Mischung aus Fiktion und Fakten könnte (gewollt oder ungewollt) zum gefährlichen Effekt der Verfälschung führen. Wahrheit spielt in der Darstellung und der Beurteilung des Jugoslawischen-Desasters eine wichtige Rolle. Doch das ist nicht immer einfach. Fragt man einen Serben und einen Kroaten und einen Muslim, so erhält man wahrscheinlich drei unterschiedliche Wahrheiten.


Liest man Bilals "Schlaf
des Monsters
" hat man auch nur eine Sicht der Wahrheit, die aber wiederum
zu möglicherweise falschen Urteilen (z.B. über Schuld am Krieg) führen
kann. Niemand von den Unbeteiligten kann eigentlich beurteilen, ob und wie weit
die Fakten aus dem Comic wahr sind, oder aus dramaturgischen Gründen dort
eingefügt wurden.



Ich möchte Enki Bilal aber auch keine Geschichtsfälschung vorwerfen! Er legt mit seinem Werk ein Plädoyer gegen Gewalt, zunehmende Intoleranz, Unmenschlichkeit und für das Erinnern und auch seine Identität.
Cover: Bilals Kurzgeschichten

Dazu äußerte sich Enki Bilal in einem Interview wie folgt:

?: "Der Schlaf des Monsters" beginnt mit der Frage einer Journalistin an eine der Hauptfiguren, Nike: "Sind sie Serbe, Kroate oder Muslim?" Nike antwortete nicht...

Bilal: Er kann nicht antworten, wird er nie können... Ich kann es ja selbst nicht. Diese Frage hat nur für bestimmte Journalisten Sinn. Oder für die Nationalisten, die ich stark werden sah, in Zagreb bei den Kroaten., in Serbien in Belgrad natürlich, und nun bei den muslimischen Fundamentalisten.

Er kann vor allem nicht antworten, weil er keine echte Identität besitzt. Den Namen trägt er, weil er neben einem toten Soldaten- vermutlich seinem Vater - lag, der Nike-Schuhe anhatte. Sein Familienname ist der des Journalisten Hatzfeld, der ihn fand. Die fehlende Identität ist ein Grundzug der Geschichte. In Jugoslawien kristallisiert sich der Haß an Namen. Anhand des Namens wird man identifiziert: "Ich weiß, woher Du kommst. Du gehörst zu uns, und der da gehört nicht zu uns." Diese doppelte Auslöschung der Identität ist die Triebkraft der Figur Nike. Meine übrigens auch. Es ist eine Form der radikalen Ablehnung der völlig überflüssigen, dummen Frage: Woher kommen Sie? Zu welcher ethnischen Gruppe gehören Sie?"

?: Warum wird sie dann im Album gestellt?
Beispiel aus

Bilal: Weil sie ein Spiegel unserer Gesellschaft ist, die alles irgendwo einordnen will. Man muß dazugehören - zu einem Clan, einem Volk, einer Religion, einer Berufsgruppe. Enki Bilal ist ein Comiczeichner. Wenn ich das Etikett ablehne, ist das ungut, nicht normal, ich gebe ein unklares Bild ab. Nationalismus und Rassismus leben davon. Sie ertragen keine differenzierten Bilder. "Moment mal, Sie haben kein arabisches Blut in den Adern. Ihre Hautfarbe stimmt nicht..."

Informationen werden nicht gewichtet, überdacht, analysiert. Sie müssen grob, schnell, knapp sein.

Jene Frage ist die Karikatur eines bestimmten ‚Journalismus' und einer ganzen Geisteshaltung in diesem Jahrhundert, die ich unhaltbar und ungeheuerlich finde.

Wir gehen in ein neues Jahrtausend, und da führen Begriffe wie Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Religion in die Irre. Schon der Nationalitätsgedanke ist eine Verirrung. Vielleicht hat mir mein eigener unfreiwilliger Umzug im Alter von zehn Jahren von Belgrad nach Paris klar gemacht, dass man als Jugoslawe entweder Kosowar, Mazedonier, Slowene, Kroate, Serbe muslimischer Bosnier oder Montenegriner ist...

Der Zerfall Jugoslawiens ist absurd wie dieses ganze Jahrhundert. Es war wie ein Laborexperiment, das der Rest der Welt toleriert und programmiert hat. Ich spreche hier zum erstenmal öffentlich von meiner Ratlosigkeit gegenüber dem ehemaligen, dem heutigen und dem zukünftigen Jugoslawien. Der Balkan ist ein äußerst geschichtsträchtiges Gebiet, wo mächtige, extrem gegensätzliche Kulturen, ganze Welten aufeinanderstießen: Orient und Okzident, Österreich-Ungarn und das Ottomanische Reich...

Vor diesem Hintergrund kann ich die Frage nach dem eigene Ursprung gut verstehen: "Woher komme ich? Wer bin ich?" Eine völlig ehrenwerte Frage. Aber wenn sie am falschen Ort gestellt wird, in bäuerlich, ungebildeten Kreisen, führt sie zu Barbarei und Gewalt. Und einige wenige Drahtzieher nutzen das aus.


Wer mehr von diesem Interview, das der Ehapa-Verlag
zur Verfügung gestellt hat, lesen möchte soll sich melden!
Ich faxe es dann zu. Er verrät viel über Bilals neue Arbeit und seine
Beweggründe, kann aber hier, aus Platzmangel, nicht vollständig vorgestellt
werden. Wenn sich sehr viele Interessenten melden, werde ich natürlich
die Arbeit auf mich nehmen müssen und die 16 Seiten abtippen und auf die
Site packen.

Abschließend sei noch gesagt, dass sich die hier geäußerten Behauptungen (von Mir und Enki Bilal) nicht alleine stehen bleiben sollen. Eure Meinung dazu würde mich interessieren. Enki Bilals "Der Schlaf des Monsters" ist, trotz meiner oben ausgeführten Bedenken, ein sehr gutes Comic, das nicht nur von Bilal-Fans genossen werden sollte. (mg)
 
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