|
|
geschrieben von Maqz am
Mittwoch, 18. Februar 2026
(46 Aufrufe)
|
(*)
Historische Graphic Novel, Comic oder große Erinnerungsliteratur, die ins Mark trifft
Mit "Die Irrfahrt der St. Louis" haben der Knesebeck Verlag und das kreative Duo Sara Dellabella (Text) und Alessio Lo Manto (Zeichnungen) ein historisches (mehr oder weniger unbekanntes) Kapitel in die Sprache des Comics übersetzt, das man, nach dem Durchlesen hoffentlich so schnell nicht wieder vergisst. Die im Januar 2026 erschienene Graphic Novel vereint journalistische Präzision, seismische visuelle Erzählkraft und menschliche Tiefe in einem Format, das weit über die Summe seiner Panels hinausgeht.
Was hier gelingt, ist kein bloßes Nacherzählen eines wenig bekannten historischen Ereignisses, sondern ein lebendiges Eintauchen in die Seelenlage der Menschen an Bord der St. Louis. Die Geschichte von 937 jüdischen Emigranten, die im Mai 1939 aus Nazi-Deutschland fliehen und sich auf eine ungewisse Odyssee über den Atlantik begeben, bekommt durch Dellabellas textliche Intelligenz und Lo Mantos visuelles Feingefühl eine neue Dimension.
Lo Mantos Zeichnungen tragen das Gewicht der Zeit – nüchtern in den Details, aber voller Atmosphäre. Er versteht es meisterhaft, stille Momente der Hoffnung genauso zu inszenieren wie die wachsende Verzweiflung einer Gemeinschaft, die von Land zu Land weitergereicht wird und nirgendwo wirklich Zuflucht findet. Panels ohne Worte wirken wie stille Mahnmale, Szenen verdichten sich zu emotionalen Klimaxen, ohne je in überzeichnete Dramatik zu fallen.
Dellabella, als Journalistin geübt im Erzählen komplexer politischer Zusammenhänge, legt den narrativen Boden: sachlich fundiert, historisch verankert, dabei auf menschliche Facetten fokussiert. Ihre Texte schneiden tief, ohne schwer zu werden, und sie verweigert sich dem leichtfertigen Pathos. Besonders eindrucksvoll ist der Rahmen der Graphic Novel: Interviews mit Zeitzeugen, ein Vorwort des Shoah-Museums in Rom sowie Dokumente aus der Nachgeschichte der St. Louis öffnen den Blick über das Medium Comic hinaus.
Was diese Veröffentlichung so stark macht, ist nicht nur die Erinnerung an ein dunkles Kapitel, sondern die klare Stimme dafür, dass Comics als ernstzunehmendes Medium der Erinnerungskultur dienen können. Die Irrfahrt der St. Louis ist eine Graphic Novel von großer Reife: historisch, künstlerisch und menschlich, eben ein Werk, das nachhallt.
Im Kanon historischer Comics steht sie damit in einer Linie mit den großen Werken der Erinnerungsliteratur, als eigenständiger, europäischer Beitrag zur Frage, wie Comics Geschichte nicht nur erzählen, sondern begreifbar machen.
Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass diese Graphic Novel eine gute Sammlung an Zusatzinformationen erhält, die eine Anschaffung umso empfehlenswerter macht:
Eine Geschichte von Feigheit und Mut 9
von Mario Venezia
Die St. Louis und die Bedeutung einer Willkommenskultur 11
von Marco Caviglia
DIE IRRFAHRT DER ST. LOUIS 13
Sol Messinger 93
Gustav Schröder, der Kapitän 99
Die Entschuldigung von Justin Trudeau 101
Danksagung 107
Über die Autoren 109
Weiterführende Leseempfehlungen 111 "
(c)opyright der Abbildungen, mit freundlicher Genehmigung: Knesebeck Verlag 2026
Sie können uns unterstützen! (*)Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.
|
|
| |
|