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geschrieben von Maqz am
Sonntag, 23. August 2026
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Eine Geschichte der Paläontologie
avant-Herausgeber Johann Ulrich machte seinen Job, als er mir heuer beim Comicsalon auf die Frage, was ihm aktuell am Herzen liege, u.a. diesen Titel heraus … gab. Leider mit dem mir damals unverdächtigen Nachsatz: er wisse gar nicht, warum dieser so zäh laufe. Ich weiß jetzt warum und ihr könnt es hier lesen (wenn ihr wollt).
Wobei ich zugeben muss: Leicht fällt mir diese Antwort nicht, weil ich selbst mit dem Comic gehadert habe. Ich bin nicht einfach durchgeflogen, sondern musste mich phasenweise regelrecht paläontologisch hindurchgraben, und mehr als einmal habe ich das Buch zur Seite gelegt und erst Tage später wieder weitergegraben. Das ist eine unbequeme Position für eine Rezension, besonders bei einem Stoff, der mich vom Thema her durchaus reizt. Hier hatte ich die Aussicht etwas neues zu lernen. Aber ich will ein Buch, dessen Lektüre mir teilweise unangenehm war, jetzt nicht künstlich schönreden, nur weil die Geschichte der frühen Paläontologie, ihrer vergessenen Pionierinnen und Pioniere, an sich spannend ist. Wie diese beiden Dinge interessanter Stoff vs. mühsame Lektüre zusammenpassen, versuche ich (wie oben gesagt) im Folgenden fair zu erklären.
Worum es geht
Erzählt wird, wie man in Europa bis weit ins 18. Jahrhundert hinein glaubte, gefundene Knochen stammten von Drachen, und wie daraus über Jahrzehnte eine Wissenschaft wurde, die verstand: Die Erde ist erheblich älter, als man lange annahm. Richard Cowdry setzt dabei sehr weit vorn an. Schon in der Antike, zeigt er, galten Fossilien als Überreste von Fabelwesen (der Zyklop lässt grüßen) und man schrieb ihnen magische Kräfte zu, versteinerte Haizähne etwa sollten vor Blitzschlag bewahren. Bis ins christlich geprägte 19. Jahrhundert hinein hielt sich dann der Glaube, es handle sich um Reste von Tieren, die die Sintflut nicht überlebt hatten. Und wer aus den Funden schloss, die Erde müsse älter sein, als es die Bibel zuließ, wurde schnell der Ketzerei verdächtigt, dieser Reibung zwischen früher Wissenschaft und Kirche widmet Cowdry einen eigenen (für mich gefühlt zu kurzen) Erzählstrang.
Spannender als diese Ideengeschichte fand ich aber, wie konsequent er sie mit Biografien verknüpft. Es geht ihm nicht nur um Funde und Erkenntnisse, sondern um die Menschen, die dahinterstanden, um ihre Charaktere und ihre ganz unterschiedlichen Lebensumstände. Ein Cuvier konnte sich seine Forschung leisten, ein Lamarck lebte nahe der Armutsgrenze, und Mary Anning wurde als Frau überhaupt nicht als Wissenschaftlerin wahrgenommen, obwohl sie mit dem Verkauf ihrer Fossilienfunde schlicht ihre Familie über Wasser hielt. Neben ihr tauchen u.a. Mantell und Conybeare auf, allesamt dem Spott ihrer akademischen Zeitgenossen ausgesetzt, während sich so mancher etablierte Gelehrte mit ihren Entdeckungen brüstete.
Was gut funktioniert
Und genau darin liegt der große Pluspunkt des Bandes: in dieser Perspektive. Statt der üblichen Fortschrittserzählung bekommt man ein Bild der frühen Paläontologie als ziemlich chaotisches Feld voller Konkurrenz, Standesdünkel und Zufälle. Dass ausgerechnet Mary Annings Geschichte so viel Platz bekommt, ist überfällig und richtig so. Man merkt dem Buch außerdem an, dass gründlich recherchiert wurde, an keiner Stelle wirkte etwas bei mir aus der Luft gegriffen. Und die Farben sind mutig und knallig gesetzt, was dem Buch trotz der eher trockenen Wissenschaftsgeschichte eine gewisse Lebendigkeit gibt.
Was mich gestört hat
Schön gezeichnet und schön erzählt ist das aber trotzdem nicht. Der Strich ist mir zu simpel, fast kinderbuchhaft, was als Stilmittel durchaus funktionieren könnte, hier aber seltsam gegen den eigentlich ernsten, oft tragischen Stoff arbeitet. Viele Episoden drehen sich eben um Irrtümer, gescheiterte Karrieren, persönliche Schicksalsschläge und genau diese Passagen wirken bei Cowdry oft zerstückelt, manchmal geradezu unfertig, als würde eine Szene abbrechen, bevor sie überhaupt Wirkung entfalten könnte. Vor demdreiseitigen „Ende“ (S. 141) und dem dreiseitigen „Nachwort“ steht der Satz „Was eine andere Geschichte ist …“, und ich habe das Buch mit einem eher ratlosen Gefühl zugeklappt, nicht mit einem zufriedenen.
Die Antwort
Zurück zu meiner imaginären Antwort an Johann Ulrich. Am Thema liegt es meiner Meinung nach nicht, die Geschichten um Mary Anning und ihre Zeitgenossen sind zu gut, zu überfällig, um sie nicht zu erzählen. Es liegt (für mich persönlich) an der Umsetzung: an einem zu dicken Strich, der es sich zu leicht macht, und an einer Erzählweise, die genau dort ins Stocken gerät, wo sie eigentlich Tiefe zeigen müsste und die letztlich auch erklärt, warum ich mich selbst durch dieses Buch kämpfen musste. Eine uneingeschränkte Empfehlung spreche ich deshalb nicht aus. Wer sich für die Frühgeschichte der Paläontologie interessiert, findet hier einen soliden Einstieg. Nur eben keinen, der lange nachklingt und auch keinen, der sich von selbst liest.
PS: Ja es gibt Rezensenten, die sind da ganz anderer Meinung. Ich empfehle die Konter-Review von hier
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