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geschrieben von Maqz am Mittwoch, 05. August 2026 (71 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht
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...oder was ein geheimratseckicker fastsechziger über krauses Haar lernen kann

Meine Wurzeln Ich sitze hier, fahre mir über meinen halbwuscheligen Schädel (seit Monaten gehe ich nicht zum Friseur) und trage das (vorne) Wenige was mir geblieben ist ohnehin lang und muss jetzt gestehen: Selten hat mich ein Comic so rasiert wie dieser! Dabei könnte der Graben zwischen mir und seiner Schöpferin kaum breiter sein. Hier ein alter weißer Europäer aus, sagen wir, comicnerdigem Millieu, der mit Haaren zeitlebens nichts am Hut hatte außer der Sorge, ob morgens noch was übrig ist. Dort Lou Lubie, eine junge Französin von der Insel La Réunion, deren Locken sich seit der Kindheit weigern, sich irgendeiner Ordnung zu fügen. Und dann wieder ich, der in "Meine Wurzeln" ausgerechnet eines der detailreichsten, bestrecherchiertesten Comic über krauses Haar findet, das mir je untergekommen ist. Struktur, Herkunft, Pflege, Kosten, sogar die gesundheitlichen Risiken von Glätteisen und Chemie werden ausgebreitet, ohne dass es je nach Lehrbuch klingt.

Wer hätte gedacht, dass mich dieses Thema so in den Bann zieht?
Ich musste unweigerlich an "Hair" denken, das Musical, das ich als junger Mann im Theater gesehen habe. Damals ging es um Rebellion, um das lange Haar als Fahne einer ganzen Generation im Kampf gegen den Krieg. Bei Lubie ist das Haar keine Fahne, sondern ein Schlachtfeld: zwischen dem, was die Gesellschaft für schön hält und dem, was einem von Geburt an auf dem Kopf wächst.

Meine Wurzeln

Erzählt wird in „Meine Wurzeln“ die Geschichte von Rose, die mit ihren krausen Haaren aufwächst und schon als Kind lernt, dass diese Haare nicht „einfach nur Haare“ sind. Wir begleiten sie von der Kindheit auf ihrer Heimatinsel bis ins Erwachsenenleben im französischen Mutterland, durch unzählige Frisuren, Friseurstühle und Selbstversuche. Glätten, Flechten, Schneiden, irgendwann auch der radikale Schnitt. Ohne zu viel zu verraten: Es ist eine Reise, bei der Rose immer wieder neu verhandeln muss, wem sie eigentlich gefallen will, den anderen oder sich selbst. Genau darin liegt die Kraft des Buches: Es geht am Ende nicht (nur) um Haarpflegetipps, sondern um die Frage, wie man seine eigene Herkunft annimmt, statt sie zu verstecken.

Meine Wurzeln

Lou Lubie ist in der französischen Comicszene längst keine Unbekannte mehr. Aufgewachsen auf La Réunion, verließ sie die Insel mit siebzehn Jahren, um in Frankreich zu studieren, gründete früh eine Online-Plattform für Comiczeichner und machte sich später einen Namen mit Werken wie „Goupil ou face“, einem populärwissenschaftlichen Comic über eine Stimmungsstörung und „Comme un oiseau dans un bocal“ über Hochbegabung. Ihr Markenzeichen: das Persönliche mit dem Dokumentarischen zu verweben, ohne dass es belehrend wirkt. Das französische Original wurde mit einem renommierten Preis für Comic-Reportage ausgezeichnet und in der Presse als kluges, warmherziges Werk gefeiert. Womit? Mit recht!

Bleibt zu erklären, wie ich überhaupt dazu kam, dieses Buch aufzuschlagen. Ehrlich gesagt: wirklich freiwillig hätte ich es nicht getan. Der Verlag legte es mir beim Comicsalon in Erlangen für eine Rezension ans Herz, und ich dachte mir, nun ja, Haarpracht und Identitätssuche einer jungen Frau von der Réunion, das liegt nun wirklich meilenweit von meinem Leben entfernt. Ich habe mich getäuscht, und zwar gründlich. Was also als ein Art Pflichtlektüre begann, endete als eines der Comics, die mich in den letzten Jahren nachhaltig zum Nachdenken gebracht haben. Vielleicht, weil es im Kern um etwas geht, das jeden angeht, ganz gleich, welche Haare man hat oder eben nicht mehr hat: die Frage, ob man sich selbst und dort wo man herkommt annehmen kann. Ein Buch, das mich überrascht und zugegeben auch gerührt hat.

Meine Wurzeln

"Meine Wurzen" erscheint beim Helvetiq-Verlag am 27. August 2026.

(c)opyright der Abbildungen, mit freundlicher Genehmigung: Helvetiq 2026


Meine Wurzeln

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