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geschrieben von Micha am Donnerstag, 05. Dezember 2013 (1220 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht

Reiches Familienleben


Kiesgrubernnacht„Ich warne dich. Eine gewisse Dame geht am Rande einer Ohrfeige spazieren.“ Die gewisse Dame ist die werte Gattin des Redners, Mutter von fünf seiner bis dato sechs Kinder. Kurz darauf hat sie nicht nur den Rand zur Ohrfeige überschritten, sondern wird von ihrem Mann auch noch mit gezielten Hieben zu Boden gestreckt, dass ihr das Blut nur so aus der Nase läuft. Na ja, etwas anderes würde man kurz nach Weltkrieg Nr. 2 von einem Altnazi auch kaum erwarten, und auch seine Angetraute, ehemalige BDM-Gauleiterin, steckt als tapfere deutsche Frau die Hiebe ohne Tränen weg. Auch dass der Herr mit der eisernen Hand bald darauf zum Amtsrichter berufen wird, verwundert kaum.

Was schon eher erstaunt, ist die Tatsache, dass diese beiden harten Knochen die Eltern eines Underground-Comiczeichners wurden. Denn dies sind die Kindheitserinnerungen von Volker Reiche, dem Erfinder von „Strizz“, lange Jahre Zeichner von „Mecki“, und auch ein paar Donald-Duck-Geschichten stammen aus seiner Feder. In seiner ersten Graphic Novel beschreibt er den Alltag der Kinder im Nachkriegsdeutschland sehr anschaulich, mit dem unterschwelligem Verschweigen der Nazigräuel und dem kindlichen Blick auf den Kontrast zwischen Elternliebe und häuslicher Gewalt. Zentrale Figur ist Volker Reiches Vater, dessen Augen hinter seiner Brille niemals zu sehen sind. Nur wenn seine Augen geschlossen sind, kann man die Lider sehen. Aber er ist auch blind für das Leiden der anderen, tritt nicht aus seiner eigenen Vorstellungswelt hinter seiner Brille heraus und ist völlig unfähig zu jeglicher Selbstreflexion.

In einer letzten Episode 20 Jahre danach besucht Reiche ein letztes Mal seinen Vater, um von ihm noch etwas über seine Zeit als Kriegsberichterstatter und Zeuge von Massenmorden zu erfahren. Doch der Vater bleibt unzugänglich, und nach einem seiner Ausfälle wird der Besuch abgebrochen.
Kiesgrubernnacht
Zwischen den einzelnen Episoden zeigt Reiche sich selbst im Zwiegespräch mit einigen Figuren aus seiner FAZ-Serie „Strizz“, nämlich den Hunden Müller und Tassilo und dem Kater Herrn Paul. Thema dieser Gespräche sind die Entstehung dieser Graphic Novel und die Zuverlässigkeit von Erinnerungen. Im Kontrast mit den sehr gut gelungenen, ernsthaft und gefühlvoll erzählten Kindheitserlebnissen wirken diese Zwischenspiele durch den pompösen Charakter Herrn Pauls leider unangenehm albern. Wollte Reiche damit verhindern, dass der Band zu traurig oder gar rührselig gerät? Beim zweiten Lesen habe ich die jedenfalls bewusst ausgelassen. Möglicherweise finden Strizz-Fans diese Passagen jedoch gerade gut. Zumindest kommt es mir jetzt so vor, als würde aus Kater Pauls überheblichem Schwadronieren Vater Reiche als Wiedergänger sprechen.

Als Seitenbemerkung vergebe ich mehrere Hundert Minuspunkte an das „Journal Frankfurt“, welches doch allen Ernstes über „Kiesgrubennacht“ schrieb: „Zeichnungen und Text, flüchtig angeschaut, wirkt es wie ein Comic, in Wirklichkeit ist es eine Erzählung mit größter Tiefe.“ Eine ganz neue Kunstform sei das.

Mal ganz abgesehen von der zweifelhaften Grammatik dieses Ergusses sollte jede(r) heute arbeitende Journalist(in), der ernstlich behauptet, wenn etwas Tiefgang habe, könne es kein Comic sein, mit Berufsverbot belegt werden. Zack!


Kiesgrubennacht
von Volker Reiche,
232 Seiten,
Suhrkamp, 21,99 Euro


Am Besten kauft man sich das Comic beim Comichändler seines Vertrauens
...jedoch...
Kiesgrubennacht kann man auch gerne hier kaufen


3SAT (Mediathek) zu Volker Reiches Graphic Novel "Kiesgrubennacht"


(c) der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung: Surkamp Verlag und Autor 2013
 
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