Seinepiraten
[1] Die Piraten sind los. In Paris. Ein Dreimaster segelt schwebend durch die Stadt. Wie kann das sein, denkt sich auch Bücherfreund Marcel, vor allem als er die Ähnlichkeit der merkwürdigen Geschehnisse und ihrer Charaktere mit einem seiner Bücher feststellt. David B. erzählt in "Kapitän Scharlach" mit sehr poetischer Sprache diese Geschichte aus dem Paris zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, umgesetzt in wunderbar zeitgemäßen Bildern von Emmanuel Guibert.
David B. ist vor allem durch “Die heilige Krankheit”, seine Autobiografie im Schatten der Epilepsieerkrankung seines Bruders bekannt, für den Comic wurde er auch vielfach ausgezeichnet. Die Geschichte von "Kapitän Scharlach" ist weniger im realen Leben angesiedelt, wobei die Phantastik dieser Erzählung im Einklang steht mit den surealen Traumbilder die man in seinen anderen Comics findet.
Dieses Werk ist angelehnt und inspiriert vom französischen Autor Marcel Schwob, der 1905 mit 38 Jahren starb. Schwob liebte die Sprachen, alt und neu, seine Geschichte erzählen von den makaberen, gemeinen und furchteinflössenden Aspekten des Lebens und des Menschseins. Er liebte Abenteuerromane und phantastische Erzählungen im Stile von Robert Louis Stevenson. Dieser Comic ist eine Hommage an Schwob. Sein Hauptcharakter, der Bücherfreund Marcel, findet sich schnell im Zentrum der Geschehnisse wieder. Seine Freundin wird von den Piraten entführt, und so macht er sich daran den Fall aufzuklären, die Polizei macht das nicht ganz so zielgerichtet, aber ist den Piraten auch auf den Fersen.
Erzählt ist dies in einer wunderbar poetischen Sprache, die öfters für überraschende Redewendungen gut ist: "Commissaire: Wir lassen Sie rufen, wenn die Leiche ihrer Freundin identifiziert werden muss. Marcel: Aber... vielleicht lebt sie ja noch ? Commissaire: Ach ja, warum eigentlich nicht?" Auch in der Übersetzung fühlt sich der Leser sehr wohl.
Die Auflösung der Geheimnisse ist wie der ganze Comic den Liebhabern phantastischer Literatur gewidmet. Herauszufinden was hinter Kapitän Scharlach und den Mitgliedern seiner Piratenbande, die öfters mal ihre Köpfe verlieren, steckt, macht sehr viel Spaß.
Die Zeichnungen sind von Emmanuel Guibert gestaltet, zuletzt sind bei der Edition Moderne mit Der Fotograf Band 1 [2], Band 2 [3] dokumentatorische Comics erschienen. Aber auch Guibert mag phantastische Geschichten. Seine Zeichnungen in "Kapitän Scharlach" versieht er mit sehr dicken Tuschstrichen, zusammen mit der gewählten Kolorierung erzeugt er einen zum Zeitraum der Erzählung passenden graphischen altmodischen Eindruck, so hätte ein Comic zu der Zeit vielleicht auch aussehen können.
Kapitän Scharlach
von David B. und Emmanuel Guibert
avant verlag, 19,95 Euro
64 Seiten, farbig
Kapitän Scharlach kann man gerne auch hier kaufen [4]
LESEPROBE zu Kapitän Scharlach [5]
(c) der Abb.: Avant Verlag und Autoren
|