Comic Radio Show

Interview mit Thomas Gilke 2026

Interviews / Understanding Comics
geschrieben von Maqz am 19.08.2026, 00:00 Uhr

The man in the second row?



Thomas Gilke im Interview

Ich hatte ihn HIER [1] schon ganz gut (und unterhaltsam) ausgefragt. Thomas Gilke ist mir zwar seit über 25 Jahren immer ein gern getroffener Comic-Künstler, aber heurer hab ich mit entsetzen festgestellt, dass ich ihn gar nicht so gut kenne, wie ich mir das wünschte. Da ist es reiner Zufall, dass auch andere [2] mal dringend nachfragen, was Thomas eigentlich alles so (u.a. im Bereich Comics/Grafikdesign/Colorierung...) für eine tolle Arbeit macht. Also halte ich mich ran und eben an Thomas. Hier die Fragen und seine Antworten.



Thomas Gilke im InterviewComic Radio Show: Lieber Thomas, du hattest ja gerade ein Comic Meetup beim Comicstammtisch bei Renate Comics. Wie wars?

Kurz gesagt: super! Ich war im Vorfeld etwas nervös, weil ich es nicht gewohnt bin, mehrere Zuhörer auf einmal zu bedienen … und ich konnte nicht einschätzen, ob ich die zwei Stunden mit meinen Auslassungen füllen kann. Aber da kam mir zugute, daß ich doch eine rechte Plaudertasche bin und die Zeit verging wie im Flug!

CRS: Der Teaser eröffnete mit „So viele Menschen arbeiten an der Herstellung eines Comics... Sie bleiben doch unsichtbar, obwohl das Ergebnis ihrer Arbeit sehr sichtbar ist. Auf dem digitalen Stammtisch der Comicbibliothek Renate im Juli blicken wir hinter die Kulissen mit einem Mentor, der für unterschiedliche Comicverlage und mit bekannten Zeichner*innen arbeitet...“. Wie muss ich das verstehen? Bist Du der unsichtbare Mentor? Der Zeichner/Colorist/Editor in der zweiten Reihe? Wie sieht du dich selbst in deiner Comic-Arbeit?

Eigentlich steckt die Antwort zumindest zu Teilen schon im Teaser; was man als Leser auf dem Cover liest, ist ja im Allgemeinen der Name des Autors … der aber den Prozess der Umsetzung seines Werkes als real existierendes Buch natürlich nicht alleine stemmen kann und auch nicht muß. Die „Unsichtbaren“ finden sich dann im Impressum: Lektor*innen, Redakteur*innen, … und eben auch diejenigen, die wie ich für die Buchherstellung zuständig sind. Diese Arbeit hat mit technischen Belangen zu tun, aber natürlich auch mit der Gestaltung. Am Ehesten lässt sich das vielleicht mit der Rolle eines Produzenten in der Musikwelt vergleichen.
Und zusätzlich durfte ich jetzt einige Male den Job des Koloristen übernehmen, ein paar Titelschriftzüge habe ich auch gezeichnet, Lettering ist ebenfalls Teil meiner Arbeit, äh, na gut: ich bin so ein bißchen Mädchen für alles.
Thomas Gilke im Interview [3]
CRS: Könntest du bitte für unsere Leser (und mich) die (für dich) wichtigsten Comic-Projekte aufzählen, an denen du beteiligt warst (ohne z.B. auf dem Cover genannt zu werden)? Dabei kannst du gerne auch voll (und mit Recht) angeben!

Tja, „wichtig“ – manchmal entstehen ja auch ganz wunderbare Bücher, die nicht mit dem ganz großen Erfolg protzen können, die mir aber trotzdem wichtig sind. Aber die Frage klingt eher, als wolltest Du große Namen hören? So sei es. Da wären Reinhard Kleists Bowie-Bände, die ich koloriert und gestaltet habe, ebenso der neueste Lucky Luke - Hommageband, den er gemeinsam mit Flix geschaffen hat. Sehr schön ist auch immer die Zusammenarbeit mit Birgit Weyhe, deren Veröffentlichungen ich nun schon seit Jahren betreue und die immer sehr offen für meine Gestaltungsvorschläge ist. Ein weiterer Big Player ist Ulli Lust, für deren „Die Frau als Mensch“-Bücher ich herstellerisch zuständig war. Und dann hatte ich fast alle Bücher des Kibitz Verlages unter meinen Fittichen – für die es (zurecht!) ja auch etliche Preise geregnet hat! So war die Frage gedacht, oder?
Thomas Gilke im Interview [4]
Thomas Gilke im Interview [5]
CRS: Ja! So, da das geklärt ist, nun bitte die Werke von dir, die aktuell am Start sind und bei denen dein Name fett auf dem Cover steht (gerne auch mit einem Link, wo man die Titel bei dir signiert bestellen könnte.

Äh. Äh, äh. Werke von mir sind dünn gesät. Das letzte „eigene“ Buch ist „Das Buch mit dem geheimnisvollen Titel“, eine Art Best/Worst Of eigener Arbeiten aus 29 Jahren … das ist allerdings auch schon 2022 erschienen. Sonst findet man hier und da Beiträge von mir in Anthologien wie „Gerne würdest du allen so viel sagen“, „Wie geht es Dir“ oder demnächst in einer Comicsammlung über Quantenphysik.
Thomas Gilke im Interview [6]
Thomas Gilke im Interview [7]
CRS: Wenn wir beide mal kurz zurückschauen auf unser Interview von 2008 (ohgottistdaslangeher), was treibt dir heute ein Lächeln auf den Lippen und was ein Stirnrunzeln?

Ohottogott: DAS ist WIRKLICH lange her! Viele Informationen sind auch schon überholt … zum Beispiel bin ich nun kein Berliner mehr, sondern Brandenburger. Auch mein Blick auf den Beruf des Huhns hat sich gewandelt, seit ich selbst Hühner habe … gar nicht so schlecht, das Leben als Huhn.
Ein Lächeln zaubert mir auf die Lippen, daß ich mittlerweile meinen Lebensunterhalt mit der Arbeit im Comicbusiness verdiene (reich werde ich allerdings nie werden). Und über meine freche Einsilbigkeit musste ich auch grinsen.
Stirnrunzeln auf die Lippen kräuselt mir hingegen, daß ich vor lauter Arbeit für Verlage und Autoren mit dem alten Interview belegbar schon lange nicht mehr dazu gekommen bin, etwas eigenes zu veröffentlichen. Das muß sich ändern – Ideen hätte ich genug!
Thomas Gilke im Interview [8]
CRS: Mit deinem Insider-Blick auf die Comicszene in Deutschland (uns anderen Ländern?!), was hat sich im professionellen Bereich der Comic-Produktion zum besseren entwickelt und gibt´es auch besorgniserregende Entwicklungen (u.a. zum Thema KI)?

Besser geworden ist die Professionalisierung und daß Comics seither wieder ein Stück ernster vom Kulturbetrieb genommen werden. Es werden viel häufiger Bücher in den Medien besprochen, Comics erhalten Auszeichnungen wie den Jugendliteraturpreis und den Sachbuchpreis, es gibt mehr und mehr Stipendien und mit Barbara Yelin nun sogar eine Comic-Professorin! Außerdem werden deutsche Comicproduktionen weltweit geschätzt und erscheinen als Lizenzausgaben in aller Herr*innen Länder.
Besorgniserregend? Tatsächlich höre ich in Sachen KI immer öfter von Aufträgen für Comicschaffende, die wegfallen. Ich hatte bisher noch keine ernsthaften Probleme, aber bestimmt kommt das dicke Ende auch für mich noch, bevor ich mit dem Arbeiten aufhöre. Und ich glaube zu beobachten (zum Beispiel auf Festivals), daß das Publikum altert … sehr schön ist deshalb, daß es Verlage wie den Kibitz Verlag gibt, die der Vergreisung der Leserschaft entgegenwirken!
Thomas Gilke im Interview [9]
Thomas Gilke im Interview [10]
CRS: Was folgt ist nun die mich sehr interessierende Antwort auf die Frage: Könnte ich heute noch meiner Tochter deinen Job als Berufswunsch empfehlen (und wenn ja warum)?

Hm, empfehlen in welcher Hinsicht? Reich wird man (wie gesagt) damit nicht. Unbedingt entspannt ist der Beruf auch nicht. Aber wenn man die nötige Leidenschaft mitbringt, gibt es kaum eine schönere Profession! Haha, das kann man aber von jedem Beruf
sagen, oder?

CRS: Welche Werkzeuge benutzt du für deine Arbeiten (dereinst und inzwischen)?

Naja, Zettel und Stift – und natürlich den Computer mit diversen Grafikprogrammen. Hauptwerkzeug ist und bleibt aber das Hirn.
Thomas Gilke im Interview [11]
CRS: Und mit welchen Zeichnern/Verlegern/Lieblingsmenschen arbeitest Du gerne zusammen?

Leichter zu beantworten wäre, mit wem ich NICHT gerne zusammenarbeite – das sind nicht viele gewesen bisher. Auch wenn‘s manchmal stressig ist, macht es mir Spaß, mich in die Autoren und Verlage hineinzudenken. Namedropping gibt‘s jetzt keins, sonst vergess ich bloß tolle Leute.

CRS: Ok, zurück zu schönen Comic-Projekten: Auf welche Titel freust du dich in der nächsten Zeit (eigene und andere)?

Dazu passt eigentlich die letzte Antwort: ich freue mich auf die meisten Bücher, die durch meine Hände gingen, wenn ich sie frischgedruckt in der Hand halten darf! Je mehr Einfluß ich auf das Erscheinungsbild und so hatte, desto freu.
Thomas Gilke im Interview [12]
CRS: Auf was können wir uns freuen, wenn Du 2027 zum Comicfest nach München kommst?

Vielleicht schaff ich mir kecke neue Schuhe an.

CRS: Nochmal zu den schönen Sachen des Lebens: Hast Du noch einen Überblick über die Myriaden Preise, die Du bekommen hast und welche Bedeutung haben sie heute für dich?

Haha, nunja, „Myriaden“? So viele sind seit dem letzten Interview nicht dazugekommen. Da zitier ich mich doch einfach selbst aus dem alten Interview: „… ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, daß mich diese Auszeichnungen nicht immer wieder freuen und bestätigen! Solche Preise sind natürlich eine besonders schöne Form der Anerkennung.“

CRS: ...und wie sieht es mit deinen Myriaden Euros aus? ;-)

Übersichtlich.
Thomas Gilke im Interview [13]

CRS: Gibt es etwas außerhalb deiner Comicblase, das dir am Herzen liegt und was wir hier noch unbedingt verlinken müssen?

Alles, was die Menschen davon abhält, Ihr Heil im Rechtsruck zu suchen.

CRS: Abschließend die Frage, die ich lieber zuerst gestellt hätte: Soll ich dich (immer noch) „Ming the Mercyless“ nennen, oder lieber doch... anders?

„Anders“? Ne, der Name hat mir noch nie so richtig gefallen.

CRS: Thomas Gilke, vielen Dank für das Interview! ;-)

Wir hören uns wieder in 18 Jahren!
Thomas Gilke im Interview [14]

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