Goldfolie, Grabkammern und ein YouTuber mit Kelle: „Das alte Ägypten“ im Härtetest für den Geschichtsunterricht.
[1] Ab dem 30. September liegt es in den Buchhandlungen: ein 22-seitiges Schwergewicht mit Hochprägung, Goldfolie und einer goldenen Pharaonenmaske, die einen von Weitem anstarrt, als hätte man gerade unerlaubt ihre Grabkammer betreten. Der Verlag arsEdition schickt mit „Das alte Ägypten“ ein Pop-up-Sachbuch ins Rennen, das auf dem Cover zwei Namen trägt, die man auf den ersten Blick eher im Streaming-Menü als im Bücherregal vermutet hätte: Mirko Drotschmann, besser bekannt als „MrWissen2go“, und Sabine Klauser. Grund genug, sich beide etwas genauer anzuschauen, bevor es um Pyramiden, Pharaonen und Papyrus geht.
Der Youtuber und die Frau hinter dem Drehbuch
Drotschmann ist inzwischen so etwas wie der Zugpferd-Onkel der deutschen Wissensvermittlung: Historiker im Studium, Volontär beim SWR, Moderator beim MDR, seit einigen Jahren das Gesicht von „Terra X“ beim ZDF – und nebenbei Betreiber zweier YouTube-Kanäle, die zusammen zweistellige Millionen-Abrufzahlen pro Monat einsammeln. Für Verlage ist so ein Name Gold wert, ganz unabhängig von Prägefolien: Er verkauft Bücher, bevor die erste Seite aufgeklappt wurde. Bei arsEdition ist „Das alte Ägypten“ sein erster Titel, ein Einstieg, der zeigt, wohin sich das Kindersachbuch-Geschäft entwickelt: Bekanntheit wird zum Verkaufsargument, das gern noch vor dem Inhalt genannt wird.
Nur: Wer bei Terra X tatsächlich die Fakten sortiert, das Drehbuch schreibt und die Dramaturgie baut, ist (meistens) gar nicht die Person vor der Kamera. Genau hier kommt Sabine Klauser ins Spiel, und ihr Name verdient mehr als eine Fußnote. Die freiberufliche Drehbuchautorin und Producerin hat mehrere Terra-X-Filme über Tutanchamun und das alte Ägypten mitverfasst, wurde für den Deutschen Fernsehpreis und den Prix Europa nominiert und bringt damit genau das Rüstzeug mit, das ein Sachbuch inhaltlich trägt: Sie kennt den Stoff, nicht nur das Thema. Ihre Liebe zu Kinderbüchern, so ist zu lesen, hat sie über ihren eigenen Sohn entdeckt, was dem Projekt eine angenehm bodenständige Note gibt. Man könnte sagen: Drotschmann ist die Fassade, Klauser das Fundament. Ob diese Arbeitsteilung im fertigen Buch spürbar wird, muss sich zeigen, aber die Kombination aus Reichweite und Fachwissen ist zumindest auf dem Papier (im wörtlichen Sinne) plausibel.
Für die Illustrationen und die aufwendige Klappmechanik zeichnet Kristina Kister verantwortlich, eine freiberufliche Illustratorin aus Essen. Verlagsseitig wird das Buch als „aufwendig gestaltet“ mit „zahlreichen und beeindruckenden Klappen-Effekten“ beworben, dazu ein Umschlag mit der schon erwähnten Hochprägung und Goldfolie, die Art von Ausstattung, die natürlich im Regal auffällt und die Handarbeit hinter Pop-up-Konstruktionen sichtbar macht, unabhängig davon, wie gut sie im Schulranzen überlebt.
Nil, Pharao, Pantheon: die großen drei
Inhaltlich bewegt sich das Buch, wie es der Verlag ankündigt, entlang dreier großer Themenblöcke: Einblicke in das Leben am Nil, die Aufgaben eines Pharaos und die Welt der ägyptischen Götter und Göttinnen. Für den Geschichtsunterricht der 6. Klasse ist das kein Zufallstreffer, sondern ziemlich genau das Kerncurriculum: Die „Frühen Hochkulturen“ mit Ägypten als Paradebeispiel gehören in den meisten Lehrplänen fest zum ersten großen Ausflug in die Antike.
Das Leben am Nil liefert dabei den Alltagsbezug, den Schülerinnen und Schüler brauchen, um aus abstrakten Jahreszahlen etwas Greifbares zu machen: Überschwemmungen, Landwirtschaft, das Nebeneinander von Ober- und Unterägypten, Themen, die sich hervorragend mit Klapp-Effekten inszenieren lassen, weil sie visuell und prozesshaft sind. Die Aufgaben eines Pharaos wiederum treffen einen Kernpunkt jeder Ägypten-Einheit: die Rolle des Herrschers als gottgleiche Instanz zwischen Himmel und Verwaltung, zwischen Tempelbau und Militärführung. Gerade dieser Punkt eignet sich im Unterricht gut für Vergleiche, etwa mit anderen frühen Herrschaftsformen, die in der 6. Klasse ebenfalls behandelt werden. Und die Götterwelt schließlich ist der Teil, der erfahrungsgemäß am meisten zieht: Horus, Anubis, Osiris und Co. haben einen Wiedererkennungswert, der weit über den Schulkontext hinausreicht, von Museum bis Mumienfilm.
Ergänzend lohnt sich hier auch ein Blick auf die Terra-X-Folge „Eine kurze Geschichte über… Das Alte Ägypten“, für die Sabine Klauser ebenfalls das Drehbuch schrieb und die Mirko Drotschmann moderiert. Die 44-minütige Doku ist über die Plattform „ZDF goes Schule“ verfügbar (dort unter Geschichte_Antike_Antike Völker einsortiert) und läuft dort noch bis April 2030. Für Lehrkräfte ein naheliegender audiovisueller Ergänzungsbaustein [2], gerade weil Text und Ton hier tatsächlich aus derselben Feder stammen.
Und jetzt: der Unterrichtspraxis-Realitätscheck
Bleibt die Preis-Nutzen-Frage. 30 Euro für 22 Seiten sind für den Elternabend eine andere Hausnummer als für die Klassenkasse. Als Klassensatz für 25 Kinder ist das Buch schlicht nicht gedacht, dafür ist es viel zu sehr Geschenkbuch, viel zu sehr Materialschlacht aus (ja,ja) Goldfolie und Klappmechanik. Realistisch ist der Einsatz als Lehrmittel für den Frontalunterricht, als Stationenmaterial in der Bibliotheksecke oder als Vorlesebuch zum Einstieg in die Ägypten-Einheit. Dort, wo eine Klasse gemeinsam über eine aufklappende Doppelseite staunt, statt dass 25 Kinderhände gleichzeitig an denselben Papierscharnieren ziehen.
Fun Fact: Die alten Ägypter haben es geschafft, Körper über dreitausend Jahre hinweg so zu konservieren, dass Forscher noch heute ihre letzte Mahlzeit rekonstruieren können. Ob ein Klapp-Mechanismus aus Papier eine einzige Projektwoche mit sechsten Klassen übersteht, ohne dass irgendein Schacht, irgendeine Scheintür oder Nofretetes Nase abreißt, steht auf einem ganz anderen Blatt Papyrus. Sollte das Buch das Schuljahresende tatsächlich unbeschädigt erleben, herzlichen Glückwunsch, dann hat es sich seine eigene Vitrine im Lehrmittelraum redlich verdient. Mit Alarmanlage. Und am besten unter Verschluss, so wie Tutanchamun auch. Aber ohne den „Fluch der Mumie“ bitte!
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(c)opyright der Abbildungen, mit freundlicher Genehmigung: arseditionen2026
Zugabe: Mirko Drotschmann und sein Buch #Signieraktion [4]
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