Zwei Seiten derselben Münze, oder: Warum man zweimal anfangen muss.
[1] [2] Beim kurzen Gespräch am Cross Cult Signiertisch auf dem 22. Comicsalon in Erlangen drückte mir Darcy van Poelgeest seine beide Bände in die Hand und gab mir, fast im Plauderton, eine Leseanleitung: Zuerst Little Bird, dann das Prequel Precious Metal, um das Hauptwerk wirklich zu verstehen. Und dann, mit einem Grinsen, halb im Scherz, halb ernsthaft der Nachsatz: Und dann solle man danach noch einmal Little Bird lesen, um auch das Prequel zu verstehen.
Eine Lese-Schleife, die sich selbst die Schwanz beißt also, und genau diese Verschränkung ist es, die beide Werke so besonders macht.
Little Bird, ein Debüt wie ein Donnerschlag
Mit Little Bird: Der Kampf um Elders Hope legte das Trio Darcy van Poelgeest, Ian Bertram und Matt Hollingsworth 2019 bei Image Comics ein Erstlingswerk vor, das sofort einschlug, inklusive Eisner Award. Cross Cult brachte den Band 2020 auf Deutsch heraus: (208 Seiten, Hardcover für rund 35 Euro). Erzählt wird vom Freiheitskampf eines jungen kanadischen Mädchens gegen ein theokratisch-faschistisches American Empire, das sich über weite Teile Nordamerikas ausgebreitet hat. Genetische Modifikationen, eine Resurrection-Gene-Mythologie, religiöser Wahn und indigene Spiritualität verschmelzen zu einem Weltentwurf, der gesellschaftspolitisch hellwach ist, ohne zu plakativ zu werden.
Was diesen Band wirklich heraushebt ist Ian Bertrams Zeichenstil. Wer ihn nicht kennt: Hier gibt es keine sauberen Linien, keine bequemen Panels. Bertram zerrt, verformt, lässt Körper zerfließen und Architektur zu organischem Gewebe werden. Mutantenkörper, die wie aus Fleischerabfällen geformt wirken, ein Bischof wie ein wandelndes Skelett, gegenübergestellt von Klerikern, die in ihrer eigenen Leibesfülle förmlich zerlaufen, das sind Bilder, die sich einbrennen. Dazu kommt Matt Hollingsworths Kolorierung, die mit ihren giftig-süßen Pastelltönen und erdigen Naturfarben einen ständigen visuellen Kontrast zwischen Technik und Wildnis, Unterdrückung und Widerstand erzeugt.
Precious Metal, das Prequel, das alles neu ordnet.
Sechs Jahre später folgte mit „Precious Metal“ die eigentliche Wucht. (320 Seiten, im gleichen Format, wie das Hauptwerk für ebenfalls 35 Euro). Die Geschichte spielt 35 Jahre vor den Ereignissen von Little Bird und folgt dem desillusionierten Mod-Tracker Max Weaver, der modifizierte Menschen jagt, bis eine Routinejagd nach einem auffälligen Kind ihn in einen Strudel aus verlorenen Erinnerungen, religiösem Wahn und einem gefährlichen Kult zieht.
Wer hier eine klassische, brav chronologisch erzählte Vorgeschichte erwartet, hat sich zu früh gefreut. Van Poelgeest und Bertram haben bewusst keinen traditionellen Prequel-Aufbau gewählt, die Erzählung selbst ist fragmentiert, springt zwischen Erinnerung, Vision und Gegenwart, verweigert sich der einfachen Erschließung. Genau das erklärt den scherzhaften Nachsatz vom Anfang: Wer Precious Metal gelesen hat, entdeckt in Little Bird plötzlich Bezüge, Figuren und Andeutungen, die beim ersten Lesen unbemerkt blieben, und umgekehrt erschließt sich vieles in Precious Metal erst durch die Kenntnis von Little Bird. Beide Bände kommentieren sich gegenseitig, ohne sich gegenseitig zu erklären. Das ist mutig, nicht nur gelegentlich anstrengend und am Ende absolut lohnend.
Visuell ein Statement, das man so kaum kennt
Ian Bertrams Arbeit in Precious Metal ist, wenn überhaupt möglich, noch radikaler als in Little Bird. Körper werden noch mehr gedehnt, technisch durchsetzt, deformiert; ganze Seiten (oder eigar einzelne Panels) wirken wie surreale Gemälde zwischen religiöser Ikonografie, Body-Horror und Science-Fiction. Wer also schon mit Little Bird visuell gefordert war, bekommt hier noch einmal eine Schippe drauf. Schwache Vergleiche wie Dune meets Moebius greifen hier garantiert zu kurz, zu eigenständig, zu sehr ein eigener Bildkosmos ist das, was Bertram und Hollingsworth hier gemeinsam entwickelt haben. So etwas hat man, ehrlich gesagt, selten bis gar nicht in dieser Konsequenz gesehen. Der WOW-Effekt beim ersten Durchblättern ist entsprechend groß, und er hält über die komplette Lektüre an.
Wichtig für alle, die das Format unterschätzen wollen: Beide Bände sind auch im wahrsten Wortsinn gewichtig, große Alben, viele Seiten=hohes Gewicht, dichte Bildwelten. Das ist keine Lektüre zum schnellen Durchblättern in der U-Bahn, sondern verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und, wegen drastischer Gewaltdarstellungen und der psychologischen wie thematischen Tiefe, eine Leserschaft ab 16 Jahren.
Preis-Leistung: teuer, aber gerechtfertigt
Wer beide Bände zusammen anschafft, landet bei rund 70 Euro, schon ein kleines Comic-Investment. Gemessen an Umfang (zusammen über 500 Seiten), Materialqualität der Hardcover-Ausgaben und vor allem an der Intensität und Einzigartigkeit dessen, was hier visuell und erzählerisch geboten wird, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis trotzdem ausgesprochen fair. Man bekommt zwei eigenständige Kunstwerke, die zusammen mehr sind als die Summe ihrer Teile, und deren Wiederlesewert, wie van Poelgeest selbst andeutete, geradezu eingebaut ist.
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Merke!
Little Bird und Precious Metal sind zwei der außergewöhnlichsten Science-Fiction-Comics, die man derzeit im deutschsprachigen Raum kaufen kann. Visuell ohne echte Entsprechung, erzählerisch anspruchsvoll bis sperrig, inhaltlich politisch wach, und durch ihre gegenseitige Verschränkung ein Leseerlebnis, das sich am Ende tatsächlich am liebsten zweimal lesen lässt: erst Little Bird, dann Precious Metal, und dann, ja, am besten noch einmal Little Bird. :-)
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(c)opyright der Abbildungen, mit freundlicher Genehmigung: Cross Cult 2026
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