Comic Radio Show

Stolz und Vorurteil — die Graphic Novel nach Jane Austen

Rezensionen / Kunst
geschrieben von Maqz am 30.05.2026, 12:05 Uhr

Von Bällen, Vorurteilen und der angenehmen Entdeckung, dass nicht jede Adaption ein Grund zur Klage ist



Jane Austen Stolz und Vorurteil [1] Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Klassiker der Weltliteratur, sobald er in das Format einer Graphic Novel gekleidet erscheint, sogleich dem Verdacht ausgesetzt ist, man habe ihn seiner Würde entkleidet. Die Gesellschaft der ernsthaften Leserinnen und Leser, jene, die ihren Austen in fadengehefteten Ausgaben besitzen und bei der Erwähnung von Comicadaptionen ein kaum merkliches Naserümpfen nicht zu unterdrücken vermögen, wird sich also zu fragen geneigt sein, ob Anna Opel und Elias Linnekuhl ihrer Aufgabe gewachsen waren.

Man darf ihnen versichern: Sie waren es. Und wer das bezweifelt, möge zunächst den Band in die Hand nehmen, denn schon der erste Eindruck gibt wenig Anlass zur Klage. Das gebundene Hardcover mit seinen 144 Seiten im Format 17 × 24 Zentimeter ist ein Objekt von angenehmer Solidität. Für 25 Euro bekommt man kein eilig zusammengestelltes Lizenzprodukt, sondern einen Band, der seine Herkunft aus einem Verlag mit echtem Gespür für Buchgestaltung auf jeder Seite verrät. Es sei auch bemerkt, dass das Erscheinungsdatum, April 2026, "pünktlich" vier Monate nach dem 250. Geburtstag der Autorin, kein Zufall war. Dem Knesebeck Verlag ist dieser Umstand gewiss nicht entgangen, und man darf ihm, ohne zynisch zu werden, durchaus wohlwollend begegnen.

Jane Austen Stolz und Vorurteil

Zum Stoff selbst: "Stolz und Vorurteil", 1813 erschienen, katapultierte Jane Austen endgültig in den Olymp der englischen Literatur. Die Geschichte der klugen, schlagfertigen Elizabeth Bennet und des arrogant-edelmütigen Mr. Darcy ist längst Weltliteratur, und gleichzeitig eine der ersten großen Enemies-to-Lovers-Geschichten überhaupt, lange bevor das Konzept einen Namen hatte und auf diversen sozialen Plattformen des Internets mit Enthusiasmus verhandelt wird. Was Austen dabei in Wahrheit beschrieb, war freilich mehr als Liebesromantik: Es war eine messerscharfe Analyse einer Gesellschaft, in der Frauen ohne vorteilhafte Heirat dem finanziellen Ruin kaum zu entgehen wussten, und in der Stolz wie Vorurteil gleichermaßen als gesellschaftliche Überlebensstrategie fungierten. Diese Schärfe, dieses sozialkritische Unterfutter, macht den Roman auch über zweihundert Jahre später so lesenswert, und stellt jede Adaption vor die durchaus ernsthafte Frage, wie viel davon erhalten bleibt?

Jane Austen Stolz und Vorurteil

Bei Anna Opels Version bleibt erfreulich viel. Opel, der bereits die Adaptation von "Verstand und Gefühl" für denselben Verlag zu verdanken ist und das Austen-Universum mithin nicht als Fremde betritt, versteht die Kunst des klugen Kürzens. Sie bewahrt, was wesentlich ist: die gesellschaftlichen Zwänge der Regency-Zeit, den Witz der Vorlage und jene feine, unerbittliche Ironie, mit der Austen das Treiben ihrer Figuren zugleich beschrieb und beurteilte, ohne dass die Textadaption dabei in jene Art andächtiger Ehrerbietung verfiele, die Adaptionen bisweilen lähmt wie ein Übermaß an gutem Willen.

Jane Austen Stolz und Vorurteil

Linnekuhls Zeichnungen wiederum besitzen das, was man einer Illustration vor allem wünscht: Sie behaupten sich, ohne zu lärmen. Die gedämpfte Farbpalette, die klaren Linien, die ausdrucksstarken Figuren, all das atmet englische Landhausatmosphäre, ohne in jene museale Kulissenhaftigkeit zu verfallen, die so manche historische Bebilderung befällt wie ein unheilbarer Anfall von Korrektheit. Wer avantgardistische Panelbrüche erwartet, wird sie freilich nicht finden. Doch wer dergleichen bei Austen vermisst, sucht, mit Verlaub, schlicht das falsche Abenteuer.
Kurz gesagt: Ein Band, dessen Anschaffung, anders als manche gesellschaftliche Verbindung, über die das Original so trefflich zu urteilen wusste, keinen Anlass zur späteren Reue bietet.

Jane Austen Stolz und Vorurteil [2]

(c)opyright der Abbildungen, mit freundlicher Genehmigung: Knesebeck Verlag 2026

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