Oliver Ottitschs Werkschau
[1] Oliver Ottitschs neue Cartoon-Werkschau "Smiley von hinten" aus dem Alibri-Verlag ist eine jener Publikationen, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass hier jemand sehr genau weiß, wo man das Zwerchfell triggert und wo es ruhig ein bisschen wehtun darf. Ottitsch arbeitet u.a. mit einer zeichnerischen Reduktion, die nichts dem Zufall überlässt: Jeder Strich sitzt, jede Pointe ist präzise, oft mit jener lakonischen Grausamkeit, die man sonst eher aus der Hochphase des Underground-Cartoons kennt. Als Cartoon-Afficionado (der alten (Weißer-Mann) Schule) freut mich besonders, wie souverän hier mit klassischen Cartoon-Mechaniken gespielt wird, ohne jemals altbacken zu wirken.
Man muss allerdings klar sagen: "Smiley von hinten" ist stellenweise deftigblutigblasphemischdrastisch. Einige Cartoons schlagen bewusst unter die Gürtellinie, andere kratzen genüsslich an Tabus, die man im Feuilleton gern übersehen möchte. Doch diese Teilzeit-Derbheit ist nie Selbstzweck, sondern funktionaler Bestandteil seiner satirischen Klaviatur. Ottitsch nutzt sie als Hebel, um bürgerliche Bequemlichkeiten, digitale Selbstzufriedenheit und das allgegenwärtige Grinsen der Gegenwart bloßzustellen. (Übrigens ein Satz aus meiner #oldwhiteMansplaining-Schublade) Wer mit der Tradition von Robert Crumb oder moderneren Webcomic-Grenzgängern vertraut ist, erkennt hier eine kluge, zeitgemäße Fortschreibung mit eindeutig eigener Handschrift.
Am Ende bleibt ein Band, der nicht nur unterhält, sondern auch komikhistorisch ernst genommen werden will (so, und jetzt kommt's fett): eine pointierte, formal souveräne und in ihrer Schonungslosigkeit wohltuend ehrliche Cartoon-Sammlung. Meine Leseempfehlung fällt daher unmissverständlich aus: Dieses Buch gehört in die Hände all jener, die Cartoon-Kunst nicht als harmloses Beiwerk, sondern als subversives Erkenntnisinstrument begreifen, kurzum, als sequenzielle Satire auf hohem handwerklichem und intellektuellem Niveau.
PS: Erweitert durch diverse jüngere Interviewausschnitte und vieler Foto-Belege zahlreicher Ottitschen kulturellen Ausflüge, bietet "Smiley von hinten" eine wahrlich runde Sache an, wie sie auf dem Titelblatt propagiert wird! :-)
Hier übrigens die Lieblings-Bilder des Künstlers inklusiver seiner Wortspenden:
1. Future Food:
Dass dystopische Warnungen zeitgleich verstörend und lustvoll sein können, zeigt diese Zukunftsvision. Außerdem kann man durch den Erwerb des neuen Buchs die Genese dieses Cartoons nachvollziehen, wenn man genau schaut und in die dort abgedruckten Notizbuchskizzen blickt.
2. Käse Mäuse Bar:
Beobachtungen gesellschaftspolitischer Verwerfungen verkleidet man am besten mit der Maske des Tiercartoons. Dann fühlt sich niemand zu direkt betroffen, bei gleichzeitigem Angebot an ein Publikum, das mitdenkt, selbstständig Analogien zu entdecken.
3. Langeweile:
In diesem Fall erfreue ich mich an der Technologiekritik und der Beobachtung, dass Denken und der nötige Raum, den man dafür offen lässt, ursächlich zusammenhängen. Ohne etwas Langeweile wäre mir die Idee wohl nie in den Schoß gefallen.
4. Dreizehn Drohnen dröhnen Folge 13:
Eine Comicseite aus der vollständig im Buch abgedruckten Geschichte. Actionszene. Verfolgungsjagd zwischen einer Horde Drogendealerdrohnen und knallharten Bullen. Wie das wohl weitergeht?
5. Kung Fungi:
Die englische „silliness“, welche ins Deutsche am ehesten mit Albernheit übersetzt wird, schätze ich sehr. Und auch der Kalauer rechtfertigt seine Existenz dadurch, dass er mit einer reizvollen visuellen Verwandlung aufwarten kann. Alles durchs Politische filternde Geister dürfen meinetwegen noch die Umkehrung der Machtverhältnisse, die Rache der Unterdrückten/Gepflückten hineinprojizieren. Am Ende siegt die silliness.
6. Großvater Mais:
Ich bemerke bei meiner Auswahl, dass mir der Anthropomorphismus derzeit besonders zusagt. Wenn Maiskolben über Vergänglichkeit sinnieren - das ist meine Form von Poesie.
7. Help Wanted:
Wenn längere Geschichten gelingen, bin ich immer hoch erfreut. Wie dieser im Buch enthaltene Stummfilm in Comicform. Hier als Auszug eine Seite. Ein Wüstendrama über zwei Essens-Lieferdienste.
8. Schneemann Comic:
Gegen Ende des Buches gibt es ein paar saisonale Witze zum Jahresende. Wie diesen Onepager in 6 Panels. Ein Stimmungsbild für alle, die der Weihnachtszeit mit ambivalenten Gefühlen gegenüber stehen.
Mit diesem Text übrigens wollte ich eigentlich "Das zweite Interview mit Oliver Ottitsch" umsetzen. Beim Lesen des Textes wurde jedoch allen Beteiligten klar, dass dieses Unterfangen zu ambitioniert war. Darum hier nur die Einleitung und die Fragen als ein warnendes Beispiel, wie man ZU viele Fragen stellen kann! ;-)
"Es gehört zu den eher unerfreulichen Paradoxien meiner 34jährigen Tätigkeit als Comic Kritiker, einer Leidenschaft, die sich bekanntlich im Spannungsfeld zwischen hermeneutischer Präzision und narzisstischer Selbstvergewisserung bewegt, dass man bisweilen an den Rand der eigenen diskursiven Leistungsfähigkeit gedrängt wird. Genau dort befinde ich mich nun. Das erste Interview mit Oliver Ottitsch war nicht bloß ein Gespräch, es war ein Abschluss. Ein Akt der finalen Sinnstiftung. Ein Text, der sich, um mit Gadamer zu sprechen, selbst verstanden hatte. Es ließ keine Fragen offen, weil es die Möglichkeit weiterer Fragen gleichsam ontologisch negierte.
Und doch: Hier bin ich wieder!
Ich gestehe, dass mich der Gedanke an ein zweites Interview zunächst in jenen Zustand milder intellektueller Verstimmung versetzte, den Freud als das Wiederkehrende des Verdrängten beschrieben hätte: „Was man nicht loswird, kehrt als Zwang wieder.“ Das erste Gespräch hatte alles gesagt, über Linie und Leerstelle, über Pointierung als sublimierte Aggression, über den Cartoon als kulturelles Symptom zwischen Es, Ich und Über-Ich. Ein zweites Interview schien mir daher weniger journalistische Notwendigkeit als vielmehr eine neurotische Wiederholungstat.
Carl Gustav Jung hätte vermutlich milder geurteilt. Für ihn wäre dieses erneute Befragen ein archetypischer Abstieg in den Schatten: der Versuch, im bereits Ausgeleuchteten noch das Unbewusste zu entdecken, den Rest, der sich der Symbolisierung entzogen hat. „Wo wir stolpern, liegt unser Schatz“, schreibt Jung und ich stolpere hier, zweifellos, über mein eigenes erstes Interview. Ein Text so abgeschlossen, dass er wie ein Mandala wirkte: harmonisch, rund, zutiefst befriedigend. Und gerade deshalb... verdächtig!
Was also tun? Was bleibt, wenn das Werk bereits interpretiert, der Künstler bereits entzaubert, die Ironie bereits exegesiert wurde? Vielleicht, und hier erlaube ich mir, Harderer zu zitieren, dessen essayistische Arbeiten zur Psychodynamik der Satire sträflich unterschätzt werden, „beginnt die eigentliche Kritik dort, wo sie ihre eigene Überflüssigkeit erkennt.“ Ein Satz, der mich seit Tagen verfolgt wie ein schlecht gesetzter Gag.
So ist dieses zweite Interview weniger als Fortsetzung zu lesen denn als Metainterview, als reflexive Schleife, als Versuch, den diskursiven Nachhall eines bereits vollendeten Gesprächs einzufangen. Es geht nicht mehr um Antworten, sondern um Resonanzen; nicht mehr um den Cartoon, sondern um die psychische Ökonomie seines Nachwirkens. Vielleicht, so hoffe ich, und Hoffnung ist bekanntlich ein intellektuell prekärer Zustand, zeigt sich Oliver Ottitsch hier nicht als Produzent von Bildern, sondern als Projektionsfläche: für meine Fragen, meine Zweifel, meine unerschütterliche Gewissheit, dass selbst dort, wo nichts mehr zu sagen ist, ich noch etwas sagen kann.
Dass dieses Interview dennoch geführt wird, ist also kein Zeichen journalistischer Notwendigkeit, sondern ein Akt existenzieller Kühnheit. Für Ottitsch und, man verzeihe mir die Offenheit, vor allem für mich.
Comic Radio Show: Smiley von hinten entzieht sich der ikonischen Funktion des Gesichts, indem es den Blick verweigert. Ist diese Abwendung als bewusste Negation der klassischen Leser-Bild-Relation zu verstehen oder eher als Kommentar zur Erschöpfung des Symbols selbst?
oder: Ist Smiley von hinten ein Werk über ein Motiv, oder über Ihre Entscheidung, dem Betrachter nichts mehr anzubieten, woran er sich bequem festhalten kann?
CRS: Der Smiley gilt gemeinhin als universales Zeichen affektiver Eindeutigkeit. Was geschieht mit diesem Versprechen, wenn das Gesicht verschwindet und nur noch seine Rückseite verbleibt, wird Bedeutung hier ausgelöscht oder radikalisiert?
oder: Der Smiley lebt traditionell von Zustimmung und Wiedererkennung. Empfinden Sie es als subversiven Akt, ihm buchstäblich den Rücken zuzuwenden?
CRS: Inwiefern operiert das Werk im Spannungsfeld zwischen Ironie und Melancholie? Ist das Lachen, das der Smiley traditionell evoziert, hier noch präsent, oder bereits posthum?
oder: Könnte man sagen, dass dieses Bild weniger Humor produziert als vielmehr das Bedürfnis nach Humor bloßstellt?
CRS: Könnte man Smiley von hinten als eine Art ikonographische Umkehrung des Gaze-Begriffs lesen, bei der nicht der Betrachter schaut, sondern das Bild sich dem Blick entzieht?
oder: Wie viel Misstrauen gegenüber dem eigenen Medium steckt in diesem Cartoon?
CRS: Welche Rolle spielt Leerstelle in diesem Cartoon, formal wie psychologisch? Ist das Nicht-Gezeigte der eigentliche Träger der Aussage?
oder: Ist die Rückansicht des Smileys ein Kommentar zur Überpräsenz von Emotionen im öffentlichen Raum, oder eher zu deren gleichzeitiger Abwesenheit?
CRS: Sehen Sie in der Wahl der Rückansicht eine Nähe zur literarischen Technik der unzuverlässigen Erzählung, übertragen ins Visuelle?
oder: Rechnen Sie bei diesem Werk mit Missverständnissen, oder sind diese bereits Teil seiner Funktionsweise?
CRS: Inwiefern reflektiert das Werk die zeitgenössische Bildkultur, in der Emojis allgegenwärtig, aber emotional zunehmend entkernt erscheinen?
oder: Würde der Cartoon seine Wirkung verlieren, wenn man ihn „versteht“?
CRS: Ist Smiley von hinten als Einzelarbeit gedacht oder als Teil eines größeren, vielleicht noch ungeschlossenen Zyklus über Zeichen, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben?
oder: Ist Smiley von hinten eher ein Bild, das sich verabschiedet, oder eines, das demonstrativ schweigt?
CRS: Welche Verantwortung, wenn überhaupt, trägt der Cartoonist gegenüber der Lesart des Publikums, wenn das Bild so konsequent Mehrdeutigkeit produziert?
oder: In welchem Moment wird ein universelles Symbol für Sie unbrauchbar genug, um interessant zu werden?
CRS: Abschließend: Würden Sie sagen, dass Smiley von hinten eher ein Kommentar zur Gegenwart ist, oder ein stilles Selbstporträt des Zeichners im Moment des Wegdrehens?
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PS: Es ist mir natürlich noch ein dringendes Bedürfnis zu bemerken, dass Oliver Ottischs Cartoon-Werk nicht nur Cartoons und Skizzen, sondern unter anderem diverse Interviews mit angesehenen Fachmagazinen und Experten enthalten. Das erste Interview mit der Comic Radio Show wurde... nicht abgedruckt."
(c)opyright der Abbildungen, mit freundlicher Genehmigung: Oliver Ottitsch Alibri Verlag 2026
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