Überdrehte, alberne, aber doch amüsante Schändung der Weltliteratur
[1]Deadpools Humor ist Geschmackssache. Wer feinen, tiefgründigen Witz sucht und zeitlose Gags billigem Klamauk vorzieht ist bei diesem schrägen Anti-Helden falsch. Wenn auf dem Cover eines Deadpool-Comics eine Anspielung auf ein anderes Werk der Popkultur zu sehen ist muss der Comicinhalt trotzdem nichts damit zu tun haben, wie etwa das „Nirvana: Nevermind“-Cover bewies. Das alles ist bei „Deadpool Killustrierte Klassiker“ anders. Deshalb sollten auch skeptische Leser unbedingt einen genaueren Blick in diesen abgedrehten und doch gar nicht so dummen Comic wagen.
Nein, es ist kein Comic wie „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ von Alan Moore. Keine Spur von feinen Anspielungen, elegantem, doppelbödigem Witz. Hier wurde nicht mit Feder und Tintenfass fein und behutsam gründlich durchdachtes niedergeschrieben – hier wurde mit Edding gekritzelt und dann noch aufs Papier gespuckt, aber wahrscheinlich vor Lachen und Vergnügen.
Dieser Comic setzt „Deadpool killt das Marvel-Universum“ fort. Den Band habt Ihr nicht gelesen? Macht nichts, der maskierte Protagonist mit dem entstellten Gesicht und dem Samuraischwert erklärt was er vorhatt: er will die Comic-Figuren auslöschen und dieses Mal gleich gründlich, in dem er an der Wurzel ansetzt. Ist denn nicht der Hulk letztlich nur eine Kopie von Jekyll und Hyde und ohne Dracula kein True Blood oder Twilight. Tötet er die Klassiker gibt es auch deren Nachahmer nicht. Solche Reisen in die Vergangenheit erinnern an Filme wie „Terminator“ oder „Zurück in die Zukunft“, der Comic ähnelt allerdings eher Garth Ennis böser, aber eben auch witziger Abrechnung mit den Superhelden im Punisher-Comedy-Comic „Die Verschwörung der Idioten“. Nur ist die Gewalt bei Deadpool noch überdrehter und somit viel näher an Cartoons wie „Tom und Jerry“ oder „Roadrunner“. Allerdings nicht so lustig und raffiniert.
Ganz platt und plump werden Klassiker wie „Moby Dick“, „Sherlock Holmes“, Franz Kafkas „Die Verwandlung“ aufgegriffen und buchstäblich verwurstet. Gelesen haben braucht man dabei keines dieser Werke, da nur die bekanntesten Motive (Moby Dick handelt von der Jagd auf einen Wal und Don Quijote enthält einen Kampf gegen Windmühlen) zitiert werden. Wenn dabei dann Seitenhiebe auf Walt Disneys oberflächliche, kommerzielle Kinderversionen von „Das Dschungelbuch“ herumkommen läuft dieser Comic zur Höchstform auf. Da Marvel inzwischen Teil des Disney-Konzerns ist, hat diese Kritik etwas dezent subversives. Aber es bleibt leider bei sehr zurückhaltenden Spitzen. In der stärksten Szene denkt Deadpool darüber nach, was für eine Bedeutung diese fiktive Welt denn für ihn hat. Wenn er einen blöden Klassiker vernichtet, verschwindet dann auch ein Nachfolgewerk, dass ihm persönlich sehr gut gefällt? Daraus hätte sich mehr machen lassen, aber auch so ist es einer der besseren Deadpool-Comics geworden.
Am Ende gibt es noch eine kurze Geschichte mit Lady Deadpool, die mäßig witzig die verzweifelte Partnersuche der Lady zeigt. Nicht mal Captain America ist sicher vor ihr – der arme Kerl!
Am schönsten an diesem Comic sind die Cover der einzelnen Hefte! „Deadpool Killustrierte Klassiker“ lässt Marvels Hofnarren alles durch den Kakao ziehen: die Illustrierten Klassiker, die Literatur-Schnösel, die zum Lachen in den Keller gehen und die hundertste immer gleiche Superheldenstory. Zwischendurch wird klar, warum sich Deadpool über all diese Sachen lustig macht: weil er sie doch ein klein wenig mag. Das alte Weichei!
Wertung: 72 %
Deadpool Killustrierte Klassiker
Text: Cullen Bunn
Zeichnungen: Matteo Lolli
Tusche: Sean Parsons
Übersetzung: Michael Strittmatter
Extras: Vor- und Nachwort von Christian Endres, Cover-Galerie
116 Seiten, Softcover, farbig
2013 Marvel / Panini Comics, 12,99 €
Am Besten kauft man sich das Comic beim Comichändler seines Vertrauens
...jedoch...
Deadpool Killustrierte Klassiker kann man auch gerne hier bestellen [2]
(c) der Abbildungen mit freuindlicher Genehmigung: Marvel 2013 / Panini Comics 2013
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