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geschrieben von StefanS am
Montag, 06. Februar 2017
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Rezension Die verlorene Armee 1: Der russische Winter
Den Blick auf den Militäralltag gerichtet
Faszination Flugzeuge – das scheint eine der Gemeinsamkeiten von Zeichnern militärhistorischer Bildergeschichten zu sein. So auch im Autorencomic „Die verlorene Armee“ des Belgiers Olivier Speltens, der 1971 geboren wurde, also weit genug entfernt vom Zweiten Weltkrieg. Diese Distanz, die er im Comic zeigt, mag Anlass für Kritik sein, denn der Krieg an der Ostfront war bekanntermaßen vor allem ein politischer, weltanschaulicher, ein Vernichtungskrieg, um „Lebensraum“ fürs Deutsche Reich zu gewinnen. Dazu finden sich nur Andeutungen in den Dialogen der Soldaten. Statt Szenen mit Kriegsverbrechen zu zeigen, beschränkt sich der Comic auf Schlachtengemälde mit Panzern, Flugzeugen und Infanterie. Zur Abwechslung gibt es noch einen Bordellbesuch in Kiew mit einer geschäftstüchtigen Ukrainerin.
Äußerst erfreulich an diesem Werk ist, das im Gegensatz zu Kriegscomics wie „Lady Spitfire“ keine fragwürdigen Nebenhandlungen eingebaut wurden – hier verkleidet sich keine Frau als Pilot, um ihren Traum zu leben. Hier hat der Protagonist keine übersinnlichen Kräfte wie in „Der rote Baron“ und niemand hört seinen Hund sprechen („Himmel in Trümmern“). Allerdings hätte Speltens etwas weiter ausholen können, denn, ohne weitere Erklärung, findet sich der Leser direkt 1943 an der russischen Front wieder. Hauptfigur ist der 19-jährige Ernst Kessler, der als Teil der 332. Infanterie-Division an die Ostfront abkommandiert wird.
Die ersten 48 Seiten dieser Geschichte reißen vieles an, was es zum Krieg im Osten zu sagen gibt: das anfänglich freundliche Willkommen der Wehrmacht durch die Ukrainer, weil dies von Teilen der Bevölkerung als Befreiung von den Russen begriffen wurde oder auch die Differenzierung zwischen fanatisch-brutaler und skrupelloser SS und politischen sowie unpolitischen Soldaten, die Hitler bereits als Verbrecher durchschaut hatten.
Die Geschichte rein aus der Perspektive der Landser zu erzählen wirkt vielleicht etwas konservativ und wenig originell. Es ist ein zu sauberer Krieg, der hier gezeigt wird. Ein blutender, aber ansonsten intakter Kopf eines russischen Soldaten ist das einzige Gräuel, das den Lesern zugemutet wird. Das ewige Beklagen vom gemeinsamen Feind aller Soldaten, nämlich dem russischen Winter, wirkt kriegsverharmlosend.
Die wahre Stärke des Comics sind die detaillierten Zeichnungen und das Erzeugen einer, von der zu schöngefärbten Gewalt abgesehen, realistischen Atmosphäre. Vom ersten Panel an fühlt man sich als Teil der Einheit und bekommt ein Gefühl für die Weite, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Angst der Soldaten an der Ostfront. Wie hohl wirken da die Appelle für den „Endsieg“, wo doch die eigenen Gedanken vor allem um eine warme Mahlzeit kreisen und warme Kleidung schmerzlich vermisst wird. Apropos vermissen: leider gibt es keinerlei Bonusmaterial.
Der fehlende erhobene Zeigefinger tut dem Comic gut, etwas mehr als die üblichen Anekdoten hätte der Handlung dennoch geholfen, um sich über das Mittelmaß zu erheben.
Wertung: 72 %
Die verlorene Armee 1: Der russische Winter
Text & Zeichnungen: Olivier Speltens
Übersetzung aus dem Französischen: Helene Kubasky
48 Seiten, Hardcover, farbig
2012 Bunte Dimensionen, 14 Euro
ISBN 978-3-944446-17-2
Am Besten kauft man sich das Comic beim Comichändler seines Vertrauens
...jedoch...Die verlorene Armee 1: Der russische Winter kann man auch hier kaufen
LESEPROBE Die verlorene Armee 1: Der russische Winter
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