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Funny Cuts in Stuttgart :: Comic Radio Show :: Comics erfrischend subjektiv, seit 1992!
14.06.2026, 02:57 Uhr
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geschrieben von Maqz am
Donnerstag, 09. Dezember 2004
(8704 Aufrufe)
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Neue Bildwelten, individuelle Erzählungen
Wilhelm Sasnal adaptiert in seinen Gemälden Einzelbilder aus Art Spiegelmans berühmtem autobiografischen Comicbuch »Maus. A Survivor’s Tale« (1986) und spielt damit zugleich auf antisemitische Tendenzen im Polen der 1990er Jahre an. Auch Kerry James Marshall reflektiert in seinem Comic-Projekt RYTHM MASTR konkrete gesellschaftliche Bedingungen, waren doch ethnische Minoritäten im kommerziellen Comic jahrzehntelang unterrepräsentiert.
Angela Bulloch entnimmt einem italienischen Erotik-Comic einzelne Bilder, dessen (»verbotenen, geschwärzten«) Szenen vom Betrachter allein mithilfe der sichtbar belassenen Lautmalereien imaginiert werden. Die bildgenerierenden Lautmalereien des Comics glossiert Vadim Zakharov in seinem »Wörterbuch des nonverbalen Wortschatzes« und hebt damit ironisch die im kultivierten Sprachgebrauch verschmähten »Pengwörter« auf die Ebene der Linguistik.
Die Zeichnungen Marcel Dzamas, David Shrigleys, Dorothea Schulz’ und Alexander Roobs verdeutlichen jeweils unterschiedliche Herangehensweisen an das Medium Comic. Während die gestalterische Strenge Marcel Dzamas an die »Ligne claire« erinnert, orientieren sich die humorvollen Einzelblätter David Shrigleys an Cartoons. Formal und inhaltlich geradezu auseinander zu driften scheinen Bild und Text in den Werken von Dorothea Schulz. Alexander Roob verleiht dagegen der Zeichnung, über die Möglichkeiten des Comic Strips hinausgehend, als Instrument der unmittelbaren Wirklichkeitserfassung erneute Aktualität.
In den Zeichnungen von Yoshitomo Nara wird das japanische Ideal der Niedlichkeit (Kawaii), das die extrem populären japanischen Comics (Manga) kennzeichnet, erfüllt und zugleich gebrochen. Seine vordergründig niedlichen Geschöpfe sind einsam, häufig aggressiv oder verletzt, und suggerieren den Blick auf die Welt aus der Perspektive eines (nonkonformistischen) Kindes. Im eigens für die Stuttgarter Ausstellung entworfenen Pavillon wird diese poetisch-subjektive Weltsicht verdichtet erfahrbar; zugleich verweist die Präsentation auf die Fortsetzung der Ausstellung im Obergeschoss, deren Schwerpunkt der Einfluss von Manga und Anime auf die aktuelle Kunst bildet.
In Julian Opies Computeranimation tritt an die Stelle der Comic-typischen räumlich sequentiellen Bildfolge die zeitlich sequentielle Bewegung der Animation, die sich zugleich an die visuelle Sprache der Waren- und Werbewelt anlehnt.
Die verzerrten, verkürzten Körper in Inka Essenhighs Gemälden erinnern an die gewalttätigen Deformierungen der Figuren in Disney-Filmen. In ihrer dekorativen Flächigkeit lassen sie auch an traditionelle japanische Holzschnitte denken und deren »fließend vergängliche (Bild-)Welten«, die ihrerseits in der japanischen Comic-Kultur von Manga und Anime-Film widerhallen.
Die Werke von Hideaki Kawashima, Yoshitaka Amano und Takashi Murakami verraten die starke visuelle Prägung durch Manga und Anime-Film. Während in Kawashimas Darstellung wiederum Niedlichkeit und Abgründigkeit aufeinandertreffen, setzt Amano suggestive kommerzielle Figurenerfindungen in stilisierte Acryl- und Lackmalereien um, damit an traditionelle japanische Kunstformen anknüpfend. Murakamis Bilder entsprechen mit ihren glatten Oberflächen seinem Leitsatz, alle zeitgemäße Kunst müsse »superflat« sein, mithin den Rezeptionsgewohnheiten der mit den »flachen« Bildwelten des Computers aufgewachsenen Jugendlichen entsprechen. Den Siegeszug dieser von Manga und Anime inspirierten Bildwelten im Westen scheint Tim Eitel in seinen Museumsbildern lakonisch zu konstatieren.
Eine »ausrangierte« Manga-Figur steht schließlich im Mittelpunkt des Gemeinschaftsprojekts »No Ghost Just a Shell« von Pierre Huyghe und Philippe Parreno. Sie kauften 1999 von einer japanischen Agentur das Copyright und Urbild (d.h. die Daten) für den Charakter AnnLee. In verschiedenen Videofilmen entwickelten sie jeweils individuelle Geschichten AnnLees, in denen sich Aussehen und Eigenschaften des Mädchens stets aufs Neue verändern. Damit steht Huyghes und Parrenos Projekt nicht zuletzt für die neuen Möglichkeiten visuellen Erzählens in der Kunst, die sich aus den neuen Bildwelten von Manga und Anime-Film speisen.
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