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geschrieben von Maqz am Donnerstag, 09. Dezember 2004 (8705 Aufrufe) druckerfreundliche Ansicht
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Comics als Subversion
Für Öyvind Fahlström stellen Comics eine visuelle Sprache dar, die veränderbar, manipulierbar ist. In »The Cold War« fügt er Comic-Fragmente zu einem »Bild der Welt«. Deren Kräfteverhältnisse – zwischen Ost und West – sind wandelbar, indem der Betrachter (theoretisch) die magnetischen Bildfragmente bewegen und somit stets neue Konstellationen und Bilder generieren kann. Gianfranco Baruchello ordnet in seinem cartoonhaft einfach gemalten Gemälde Bild- und Textfragmente aus diversen Quellen zu Sequenzen; in der (Bedeutungs-)Offenheit der Erzählung stehen diese gleichwohl im Gegensatz zum Comic Strip. Matt Mullican dekonstruiert die Bildwelten des Comics als Ausschnitte eines »imaginären Universums«, in das er mittels der Fragmentierung »eintaucht«.

Ähnlich Fahlström begreifen die Dichter der Konkreten Poesie in den 1950/60er Jahren Comics als international verständliche Bildsprache. Die Noigandres-Gruppe lässt auf dem Titel einer Anthologie verschiedene Comic-Charaktere auftreten, u.a. den populären Höhlenmensch Alley Oop. Die Situationistische Internationale setzt dagegen in ihren Publikationen »zweckentfremdete« Comic Strips als subversives Agit-Prop-Material ein. Dieter Roths Künstlerbuch »BOK 3 b« zeichnet sich indessen gerade durch seine Unlesbarkeit aus und steht insofern im künstlerischen Kontext seiner radikalen Verarbeitung von Büchern zu »Literaturwürsten«.

Sigmar Polke gibt Lucky Luke, den Cowboy, der »schneller zieht als sein Schatten«, mittels einer Schablonenform nur in seiner charakteristischen Silhouette wider; er bricht die Wirkungsmacht der Comic-Motive durch vielfältige malerische Verfahren. Auch Martin Kippenberger verarbeitet das Bildrepertoire des Alltags auf ironische Weise. Ihn inspiriert das Schwarzweiß einer Graphik von Polke zu Variationen eines politisch unkorrekten Witzes, die durch Abwandlungen des anarchischen, anti-intellektuellen Comic-Charakters Werner artikuliert werden.

Die »unter dem Ladentisch« gehandelten Sex to Sexty-Hefte mit anzüglichen Cartoons konfrontierten Mike Kelley in seiner Kindheit mit Sexualität sowie mit den fremdartigen und farbenfroh-anziehenden Bildwelten des Comics. Diese faszinierenden, doch lückenhaften Kindheitserinnerungen thematisiert er in »Missing Time Color Exercise #1«. Sexualität, Gewalt und gesellschaftliche Subkulturen sind zentrale Themen in den Zeichnungen von Raymond Pettibon. Durch die Bild-Text-Struktur, den erzählerischen Gehalt und ein wiederkehrendes inhaltliches Repertoire verweisen sie auf das Medium Comic, ohne dass jedoch – wie im Comic Strip – Bild und Text semantisch ineinandergreifen. In der Verwendung filmischer Stilmittel reflektieren die Zeichnungen auch die künstlerischen Wechselwirkungen zwischen Comic Strips und dem Film. Kelleys, Pettibons und auch Thaddeus Strodes Werke stehen durch ihre erzählerischen Strukturen und subversiven Inhalte im Gegensatz zu jenen der Pop Art-Künstler, die sich die Comic-Motive »ikonenhaft« aneigneten. Vielmehr hallen in ihrer Auseinandersetzung Impulse der Undergroundcomics wider, die das Medium seit den 1960er Jahren zum (Zerr-)Spiegel der gesellschaftlichen Realität machten.

Formal und inhaltlich radikal abgewandelt wird das Vorbild Comic Strip in den Werken von Ida Applebroog, die in vereinfachter stereotyper Bildsprache das alltägliche, scheinbar intakte und gleichwohl oft gewaltgeprägte Verhältnis zwischen Mann und Frau thematisieren. Expliziter noch stellt Sue Williams häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch von Frauen in einer cartoonhaft abstrahierten Formensprache dar. In ihren jüngsten Werken lösen sich die Formen kalligrafisch auf und loten somit auch die Grenzen zwischen Figuration und Abstraktion aus. In ähnliche Grenzbereiche stößt Arturo Herrera mit den chaotisch ineinander verschlungenen Formen seiner Collagen vor. Jedoch bezieht er sich mit Fragmenten aus Comic- und Kindermalbüchern auf eine kindliche, in unserem visuellen Unterbewusstsein verankerte Bildwelt.


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